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Tätowierungen Fürs Leben gezeichnet

22.04.2009 ·  Tätowierungen und Piercings sind Privatsache, heißt es. Doch in manchen Branchen können sie über die Vergabe von Arbeitsplätzen entscheiden. Denn oft zählt der erste Eindruck.

Von Tonio Postel
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Als Daniel Send mit 18 Jahren damit begann, seinen Körper für alle Ewigkeit bemalen zu lassen, ahnte er, dass er fortan mit Einschränkungen würde leben müssen. Zunächst ließ er sich einen Donnervogel, ein Totemsymbol eines nordamerikanischen Indianerstammes, in dunkler Farbe auf den Oberarm stechen. Doch das war nur der Anfang: Auf den Innenseiten beider Unterarme folgten ein mexikanischer Totenschädel und ein Dolch, der ein rotes Herz durchsticht; auf der Brust zwei Schwalben, ein Engel hier, ein Teufel dort sowie verschiedene Schriftzüge. Der ganze Stolz des heute 30 Jahre alten Studenten aber ist ein riesiges Motiv des Jugendstilmalers Alfons Mucha, das sich über seine ganze rechte Seite bis zur Kniescheibe erstreckt.

In seiner Freizeit, beim Kickboxen oder bei Freunden hat Send kein Problem, seine teuren Körperverzierungen - ein handflächengroßes Tattoo kann 300 bis 500 Euro kosten - zu zeigen. Wenn er in der Gastronomie arbeitet, hat sich der Mann mit dem durchtrainierten Körper allerdings daran gewöhnt, zu verbergen, was zu verbergen ist: „In den meisten Verträgen steht, dass keine offensichtlichen Tattoos erlaubt sind“, sagt Send und klingt etwas kleinlaut. Doch er hat es längst akzeptiert und zieht beim Arbeiten wie selbstverständlich Hemden oder langärmlige T-Shirts an - selbst im Sommer. „Ich kann mir nicht leisten, Jobs abzulehnen.“ Dass diese Maßnahme sinnvoll ist, hat Daniel Send die Vergangenheit gelehrt: Eine Catering-Agentur, für die er im T-Shirt arbeitete, buchte ihn bald darauf nicht mehr. „Sie sagten nicht, warum, meldeten sich aber nie wieder. Obwohl ich immer einen guten Job machte.“

Der erste Eindruck zählt

Etwa acht Millionen Deutsche sind nach Schätzungen der Vereinigten Europäischen Tätowierkünstler (UETA) tätowiert oder gepierct. „Wir gehen von 20 Millionen Tätowierungen in den letzten zehn Jahren aus“, sagt deren Vorsitzender Herry Nentwig. Eigentlich sind Tattoos und Piercings Privatsache, die dem Persönlichkeitsrecht unterliegen, sagt Steffen Westermann, Sprecher des Berufsstrategie-Büros Hesse/Schrader. Der Chef darf den Körperschmuck also nicht verbieten. Dennoch gibt es Verträge, die Tattoos oder Piercings untersagen. Und in der Realität entscheidet der Körperschmuck oft darüber, ob Personalverantwortliche den Daumen über einem Bewerber heben oder senken.

„Es gibt viele ungeschriebene Gesetze“, sagt Westermann, und eines davon besage, dass der erste Eindruck zählt. Dabei sei die Frage „Passt der überhaupt in unser Team?“ oft entscheidend. Und wenn zwei ähnlich qualifizierte Bewerber vorstellig würden, erhalte oft der unauffälligere Anwärter den Zuschlag. Nachweisbar sei das nicht, sagt Westermann: „Offiziell wird dann eher die Kompetenz angezweifelt.“ Überwiegend handele es sich dabei um Stellen mit Kundenkontakt, egal in welcher Branche. Selbst in Kreativberufen seien auffällige Körperverzierungen eher hinderlich. „Sie umgibt immer noch der Hauch des Halbseidenen, Unseriösen.“ In klassischen Sparten wie Handel, Versicherung und Gastronomie seien Tätowierungen, Piercings oder besonders auffällige Kleidung meist ein „no go“, so Westermann weiter. Im Freizeit- und Wellness-Bereich, im Tourismus oder in der Animation gehe es hingegen lockerer zu. In anderen, pflegerischen oder medizinischen Berufen, untersagen hygienische Vorschriften das Tragen von Schmuck. Manchmal kann dieser sogar das Verletzungsrisiko erhöhen.

„Ich klebe dann Pflaster drüber“

Dieses Problem hatte Josefin Henke noch nicht, dennoch muss auch sie ihre Tätowierungen während der Arbeit häufig verheimlichen. Die Eventmanagement-Studentin macht oft Promotion-Jobs, arbeitet in der „gehobenen Gastronomie“ und trägt die bunte Farbe, unter anderem, über dem Knöchel und auf dem Fuß - gerade im Sommer ein Problem. „Ich klebe dann Pflaster drüber“, sagt die 25-Jährige. „Dabei sieht es dann noch schlimmer aus.“ Auch Henke berichtet von Verträgen, die sichtbare Tattoos verbieten, dennoch würde sie sich weitere stechen lassen. Überall wolle sie aber nicht tätowiert sein. Und für alle sichtbar sollten sie schon gar nicht sein. „Das ist etwas Privates.“ An ihren Beruf denke sie dabei aber nur in zweiter Linie.

Dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich in Tattoo-Fragen meist einigen können, belege die Tatsache, dass es in dieser Sache kaum Rechtsstreitigkeiten gebe, sagt Rechtsanwalt Michael Felser aus Brühl. Im Internet pflegt Felser den Blog „Juracity - Recht für alle!“ und hat das Thema dort behandelt. Zwar gebe es auch Menschen, die sich um keinen Preis anpassen wollten, und es komme auch vor, dass sie sich mit dem Chef über die exzentrischen Verzierungen am Körper einig würden. „Es kommt auf das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber an“, sagt auch Berufsstratege Westermann. Meist aber sähen die Tattoo-Träger selbst ein, dass sie nicht glücklich werden, wenn sie täglich die Blicke von Kollegen und Kunden ertragen müssen. „Firmeninhaber sind oft strenger als die Rechtsprechung“, hat Anwalt Felser beobachtet. Und die Tattoo-Toleranz im Land habe sich bereits entwickelt: „Vor zehn Jahren war es viel schlimmer.“ In den siebziger und achtziger Jahren habe es gar Urteile zu langen Haaren und Ohrringen gegeben.

„Der öffentliche Dienst ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“

Heute beschäftigen sich Gerichte höchstens damit, ob Polizisten wegen „großflächigen Tätowierungen am Unterarm“ für den gehobenen Vollzugsdienst geeignet sind oder nicht. Die Richter des Verwaltungsgerichts Frankfurt waren hierbei im Jahr 2002 der Auffassung, dass dies keine Zumutung sei und toleriert werden müsse. „Der öffentliche Dienst ist insoweit auch hinsichtlich des Tragens von Körperschmuck ein Spiegelbild der Gesellschaft“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Zur verzierten Gesellschaft gehört auch Marco Riemann, der als Akustiker zurzeit in Wien Mikrophone und Kopfhörer entwickelt, aber auch schon in Deutschland Erfahrungen mit Tätowierungen am Arbeitsplatz gesammelt hat. Der Ingenieur hat Bemalungen an beiden Beinen, am rechten Oberarm und über den Knöcheln - und hatte deswegen noch nie Probleme. „Wenn es zu Kundenbesuchen geht, achte ich darauf, dass nichts sichtbar ist.“ Totto Jeratsch, Inhaber des Tattoo-Studios „Freie Manufaktur“ im Hamburger Schanzenviertel, kann das verstehen. Er steht hinter dem mit Piercing-Ringen und Steckern gefüllten, gläsernen Tresen seines Ladens und deutet auf einen am ganzen Hals tätowierten Kollegen: „Der kann doch außer hier nirgends mehr arbeiten.“ Nicht mal offiziell anerkannt sei der Beruf der Tätowierer.

„Ich brauche die T-Shirt-Grenze“

Damit sich die Kunden - tätowiert wird erst ab 18 Jahren - die Tragweite ihrer Entscheidung bewusstmachen, drückt Jeratsch allen Interessierten einen weißen Ordner mit Informationen rund ums Tätowieren in die Hand. Generell gelte die Faustregel: Je größer das Tattoo, desto länger die Bedenkzeit. „Junge Leute wollen oft eine Tätowierung am Hals, das machen wir nicht“, stellt Jeratsch klar, und auch das Gesicht sei tabu. „Ich brauche die T-Shirt-Grenze“, sei eine häufige Bitte der Kunden, die Verzierungen sollen also im Alltag unsichtbar bleiben. Und jene, die ihr Tattoo inzwischen verteufeln, schicke Jeratsch in eine Laserklinik, um die Verzierungen wieder entfernen zu lassen. Während ein elektrisches Tätowiergerät beständig im Hintergrund kreischt, blickt Jeratsch zufrieden auf die zahlreichen Kunden im Laden. Die Nachfrage nach Tattoos habe in den vergangenen zwei, drei Jahren zugenommen, die nach Piercings stagniere, sagt Jeratsch.

Akustiker Marco Riemann weiß noch nicht, ob er sich künftig weitere Farbe unter die Haut stechen lassen möchte. In Vorstellungsgesprächen verbirgt er seine Körperkunst unter einem langärmligen Hemd. „Ich weiß nicht, ob ich den Job bekommen hätte, wenn die von meinen Tattoos gewusst hätten.“ Er bleibt vorsichtig: „Ich würde mich nie an den Unterarmen tätowieren lassen, wer weiß, wohin es mich beruflich noch verschlägt.“

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