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Stimme und Karriere Frauen piepsen, Männer nuscheln

25.09.2006 ·  Die Stimme kann eine Karriere beflügeln - oder bremsen, wenn man Pech hat. Stimmtrainer können helfen, den echten Ton zu treffen. Und die Botschaft des Gesprächspartners zu entschlüsseln.

Von Hendrik Steinkuhl
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Im Beruf kann Stilsicherheit mehr wert sein als ein Doktortitel. Aber was tun, wenn zwar der Anzug sitzt und das Geschäftsmodell stimmt, die eigene Stimme aber den Auftritt verdirbt? Wirkt eine Betriebswirtin im dunklen Kostüm seriös, wenn sie spricht wie Micky Maus?

"Mmmmmmh", macht Sabine Klecker. "Mmmmmmmh." Sabine Klecker ist Kabarettistin und Sprechtrainerin. "Jeder Körper hat eine individuelle Tonlage", sagt sie. Es gebe aber Menschen, die sich eine höhere oder tiefere Stimme als die natürliche angewöhnt hätten. Den echten, eigenen Grundton würde nur lockeres "Mmmmmmh" verraten.

Intensive Arbeit nötig

"Manche Frauen sprechen unnatürlich hoch, weil eine niedliche Stimme Beschützerinstinkte weckt und ihnen das Leben so oft leichter gemacht hat", sagt Klecker. Im Job aber ist das niedliche Stimmchen oft von Nachteil. Deshalb bietet sie Stimmseminare an, in denen Angestellte lernen sollen, in ihre richtige Tonart zurückzufinden. Was bei Frauen das Piepsen, ist bei Männern das Nuscheln. Sie verschlucken schon mal das ein oder andere Wort, während Frauen in der Regel deutlich sprechen. Von jetzt auf gleich seien solche Angewohnheiten aber nicht zu beheben, sagt Sabine Klecker. Zehn bis 20 Stunden intensiver Arbeit müsse man mindestens investieren.

Stimme als Verkaufsträger

Doch das zahle sich aus. Die Wirtschaft hat die Stimme inzwischen als Verkaufsträger entdeckt. Aus gutem Grund: Eine Studie des "British Journal of Psychology" zeigt, daß der Inhalt eines Angebots im Verkaufsgespräch kaum zählt. Zu 55 Prozent ist es die Gestik und zu 38 Prozent die Stimme, die beim Gegenüber Wirkung erzielt. Am Telefon macht dann nur noch der Ton die Musik. Wer da leiert oder quietscht, bleibt auf seiner Ware sitzen. "Die Produkte sind heute überall gut, deshalb wächst auch die Bedeutung der Stimme", sagt Hartwig Eckert, Professor für Sprachwissenschaften an der Universität Flensburg. "Ich bin Frauen begegnet, die wegen ihres hohen Stimmchens nur Kaffee kochen durften. Nach dem Seminar haben sie dann Ausschüsse geleitet", behauptet er.

Das Motto von Eckert lautet deshalb: Informationsmaximierung. "In meinen Seminaren sollen die Leute lernen, wie man möglichst viel Inhalt mit der Stimme vermitteln kann." Eine Stunde auf der Iso-Matte liegen und atmen üben, das gebe es in seinen Seminaren nicht, meint Eckert. "Meine Kunden würden mir zu Recht sagen, daß von einer Iso-Matte aus noch nie Autos oder Kühlschränke verkauft wurden."

Ziel: Absatzzahlen steigern

Um die Arbeitswelt seiner Kundschaft kennenzulernen, hat Eckert in einigen Unternehmen hospitiert. Dabei hat er viel über Kommunikation in der Wirtschaft gelernt - vor allem, daß auch hier die Effizienz an erster Stelle steht. "Im Gegensatz zum öffentlichen Dienst muß hier alles betriebswirtschaftlichen Nutzen haben. Man beruft nicht einfach eine Sitzung ein, bei der am Ende nichts herauskommt." Der Erfolg seiner Seminare müsse sich deshalb auch in gesteigerten Absatzzahlen messen lassen, sagt Eckert.

Für Menschen, die häufig Vorträge halten, lautet der erste Rat der Sprechtrainer stets: Druck ablassen. Wer zu angespannt ist und ebenso spricht, beeinträchtigt seine Atmung. Nicht selten kommt vor, daß verkrampfte Redner während ihrer Vorträge regelrecht nach Luft schnappen. Unverkrampft zu reden ist das A und O, dabei helfen Aufwärmübungen. Das A und O kann man dabei - wie alle anderen Vokale - laut tönend sprechen. Stimmhaft zu gähnen wärmt die Stimme auf, das Abklopfen des Brustkorbes auch.

Unten schwer, oben frei

Unverzichtbar beim Vortrag ist auch die richtige Haltung. "Unten schwer, fester Stand, oben aber sollte man frei und beweglich sein", empfiehlt Sabine Klecker. "Wie ein Stehaufmännchen, sage ich meinen Seminarteilnehmern." Wer derart vorbereitet ans Rednerpult geht, kann eigentlich nur noch einen Fehler machen: Langeweile verbreiten. Beim Reden zählt die Mischung - wer die Zuhörer behalten will, sollte zwischen ruhigem und seriösem Ton wechseln, gelegentlich Pausen machen, langsamer sprechen und dann wieder das Tempo anziehen. Am wichtigsten ist aber der erste Satz eines Vortrags, der - jedenfalls in puncto Lautstärke - kein Paukenschlag sein sollte. Wer leise beginnt, gibt den Ton an und kann sicher sein, daß das Publikum automatisch ruhig wird. Und "singen" können sollte ein guter Redner, also auch mal die Tonart wechseln können.

Auf Führungskräfte wartet im Arbeitsalltag ein weiteres Risiko: Darf man eigentlich bei Streß auch einmal die Nerven verlieren und brüllen? "Das ist schon bei Männern nicht sexy, bei Frauen wirkt es hysterisch", hat die ZDF-Moderatorin Maybritt Illner in ihrem Buch "Frauen an der Macht" festgestellt. Die meisten mächtigen Frauen, schreibt sie in ihrem Vorwort, hätten die Erfahrung gemacht, daß man auf Schreien verzichten könne - und müsse. Sabine Klecker stimmt zu. Schreien sei immer ein Zeichen von Schwäche, bei beiden Geschlechtern. Auch damit gebe man den Ton vor, und am Ende könne sich ein Anpfiff von Chef zu Untergebenem zu einer unangenehmen Auseinandersetzung hochschaukeln.

Plattdeutsch heißt: Ich kaufe!

Um im Job Erfolg zu haben, sollte man aber nicht nur den Mund, sondern auch die Ohren trainieren. Hartwig Eckert ist immer wieder erstaunt darüber, was seine Seminarteilnehmer alles überhören. Ein klassisches Beispiel sei der Verkäufer in einem Elektrogeschäft, der dem Kunden alle technischen Details einer Stereoanlage präsentiert - obwohl dieser doch erklärt hatte, weder Interesse daran noch Ahnung davon zu haben.

Viele Verkaufsgespräche scheiterten, sagt Eckert, weil der Verkäufer die nonverbalen Signale des Kunden nicht erkenne und einfach weiter über die Vorzüge des Produktes plaudere. "Es gibt in den meisten Verkaufsgeschäften aber auch einen Moment, in dem der Kunde signalisiert, daß er genug gehört hat", sagt der Stimmtrainer. Für sensible Ohren sei dieser Moment deutlich zu erkennen. "Manche Kunden fallen dann in ihren Dialekt, obwohl sie vorher hochdeutsch gesprochen haben, andere reden plötzlich sehr umgangssprachlich." So lernen die Verkäufer in Eckerts Seminaren, daß plötzliches Plattdeutsch soviel heißt wie: "Ja, ich nehme die Einbauküche."

Den Rhythmus mitgehen

Personalleiter müssen dagegen den sanften Umgang mit dem Typ "übernervöser Bewerber" trainieren. Der verrät seinen Streß durch lange Sätze oder durch Luftholen an einer Stelle, wo es der Inhalt gar nicht erlaubt. Hier muß der Zuhörer Blickkontakt aufnehmen, den Rhythmus mitgehen, aber auf keinen Fall unterbrechen. Nicken und Lächeln sind erlaubt, ständiges "Ja, ja, ja"-Sagen sollte vermieden werden - es sei denn man hat sich schon gegen den Bewerber entschieden.

Warum sind die Stimmen von Rauchern eigentlich so tief?

Schuld daran ist das Nikotin. Das lagert sich in den Schleimhäuten ein und verstopft die Poren. Dadurch wird der Stoffwechsel gestört, was wiederum zu Wassereinlagerungen in den Stimmbändern führt. Das Wasser läßt die Stimmbänder anschwellen - und je dicker ein Stimmband ist, desto tiefer wird der Ton.

Warum hat man in Streß-Situationen einen trockenen Mund?

Das hat wohl jeder schon einmal erlebt: Kurz bevor man in der Öffentlichkeit spricht, ist der Mund staubtrocken. Der Grund dafür, warum uns die Spucke wegbleibt, liegt Tausende Jahre zurück: In der Steinzeit waren die Menschen bei Streß auf Angriff oder Flucht programmiert. Für beides brauchte man Muskelkraft. Dazu fährt das Stammhirn - auch heute noch - alle in der Streß-Situation nicht lebensnotwendigen Funktionen herunter. Im Fall der Mundtrockenheit wird also die Bereitschaft zur Nahrungsaufnahme eingestellt und die freie Energie direkt den Muskeln zur Verfügung gestellt. (Deshalb haben auch die wenigsten Menschen vor einer Prüfung Lust, etwas zu essen).

Warum ist die Stimme nach Flügen oder längeren Autofahrten im Sommer belegt?

Obwohl man kaum gesprochen hat, ist die Stimme nach Fahrten in den Sommermonaten häufig angegriffen. Schuld sind meistens die Klima-Anlagen in Autos oder Flugzeugen: Es zieht, es ist zu kalt, die Luft ist zu trocken. Zudem lassen einige Klimaanlagen die Luft zirkulieren und verbreiten damit Bakterien. Das alles greift Schleimhäute und Stimme an.

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