Home
http://www.faz.net/-gym-166bp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sport und Technik Höher, schneller, sicherer

27.04.2010 ·  Wie lässt sich beim Rodeln verhindern, dass die Visiere der Helme während der Fahrt beschlagen? Wie lässt sich die Dämpfung von Joggingschuhen verbessern? Die Kombination aus Sport und Technik ist auf dem Arbeitsmarkt gefragt. In Magdeburg lässt sie sich studieren.

Von Nina Brodbeck
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Thomas Latton ist sein eigener Proband. Er steht mitten im Labor des sportwissenschaftlichen Instituts der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Spezialkameras sind auf ihn gerichtet, und überall auf seinem Körper kleben kleine Kunststoffkugeln, sogenannte Marker. Sie werden von Infrarotlampen angestrahlt und reflektieren das Licht. Thomas Latton macht sich bereit. Er hebt den Arm zum Kopf, holt Schwung und stößt eine Kugel mit einer kraftvollen Bewegung von sich.

Später sieht sich der Sechsundzwanzigjährige die Aufnahmen am Computer an. Die Kameras haben die Reflektionen der Marker erfasst und daraus deren Koordinaten im Raum berechnet; Latton selbst erscheint auf dem Bildschirm als Strichmännchen. „Mit solchen optoelektronischen Systemen kann man verschiedenste Bewegungsabläufe aufnehmen“, erklärt er. „Sie liefern nützliche biomechanische Daten, um die Leistung zu verbessern.“

Einzigartig in Deutschland

Noch ist Thomas Latton Student, er schreibt gerade an seiner Diplomarbeit im Studiengang Sport und Technik. Später wird er sich Diplom-Sportingenieur nennen dürfen. Mit dieser Kombination ist die Uni Magdeburg einzigartig in Deutschland. Im ingenieurwissenschaftlichen Teil des Studiengangs sind Maschinenbau, Informatik, Werkstoffkunde und Elektrotechnik die Schwerpunkte, im sportwissenschaftlichen Biomechanik, Trainings- und Bewegungswissenschaften, Leistungsdiagnostik und Pädagogik. „Später geht es dann um das Testen, Optimieren und Entwickeln von Sportgeräten wie Tennisschlägern, Schuhen, aber auch von Kleidung“, erläutert Institutsleiter Jürgen Edelmann-Nusser.

Wie lässt sich beim Rodeln verhindern, dass die Visiere der Helme während der Fahrt beschlagen? Wie lässt sich die Dämpfung von Joggingschuhen verbessern? Dafür müssten Sport- und Technikwissen ineinandergreifen, sagt der Professor. „Wenn ich einen Sportbogen bauen will, muss ich etwas von der Sportart verstehen, aber auch berechnen können, welche Kräfte auf diesen Bogen wirken, wenn er gespannt wird.“ Auch Materialkunde sei wichtig, schließlich soll der Bogen leicht, aber auch stabil sein. „Das ist die klassische Herausforderung für einen Sportingenieur!“ Edelmann-Nusser selbst entwickelt gerade eine Snowboardbindung, die Beweglichkeit und Fahrspaß garantieren, aber gleichzeitig Stöße dämpfen soll - harte Landungen belasten Knie- und Sprunggelenke mit dem bis zu Zwanzigfachen des Körpergewichts. Zum Patent ist die neue Bindung schon angemeldet, in zwei Jahren soll der Prototyp marktreif sein.

Vor dem Studium in Magdeburg steht eine sportpraktische Eignungsprüfung. Wer nicht nur sie, sondern auch den Rest schafft, hat auf dem Arbeitsmarkt gute Aussichten. Edelmann-Nusser zählt die Arbeitgeber seiner Absolventen auf: „Einer ist bei Real Madrid, andere sind bei Sportgeräteherstellern wie Puma, Adidas und Head, aber auch bei der Stiftung Warentest, an Olympiastützpunkten oder bei Prothesenherstellern.“

Jahrelange Tüftelarbeit für den Paralympics-Sport

Das niedersächsische Medizintechnikunternehmen Otto Bock etwa sucht ganz gezielt Verbindungen zum Spitzensport. Seit mehr als zwanzig Jahren unterstützt Bock die Paralympics, seit 2007 fördert das Unternehmen den oberschenkelamputierten Sprinter Heinrich Popow, der 2008 in Peking mit 12,98 Sekunden Silber über 100 Meter holte. Seine Sportprothese besteht komplett aus speziell angepassten Teilen von Otto Bock „Er wollte schneller werden, wir haben ihn dabei mit allen unseren Mitteln unterstützt“, bringt es Entwicklungsleiter Martin Pusch auf den Punkt. Vom hydraulischen Kniegelenk bis zur Sprintfeder aus Karbon bedeutete das jahrelange Tüftelarbeit. „Um die Kräfte aushalten zu können, muss das amputierte Bein so gut wie möglich mit der Technik verbunden sein“, beschreibt Popow selbst die Herausforderung. Nicht zu dicht, damit sich der Beinstumpf nicht wund reibt, aber auch nicht zu weich gepolstert, sonst verpufft Energie. „Dafür brauchen wir Leute, die die Sprache der Sportler und die der Techniker sprechen.“

Wie Janine Blenke, eine der wenigen weiblichen Absolventinnen des Magdeburger Studiengangs. Seit ihrem Abschluss arbeitet sie am Institut für angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig, spezialisiert hat sie sich auf Leistungsdiagnostik im Eiskunstlauf. „Oft lässt sich mit dem bloßen Auge nicht erkennen, warum bestimmte Bewegungen nicht funktionieren oder Sprunghöhen nicht erreicht werden“, erklärt die Siebenundzwanzigjährige ihre Aufgabe. Da helfen die biomechanischen Parameter aus ihren Messreihen weiter.

Blenkes ehemalige Kommilitonen Fabian Schweizer und Tobias Luckfiel arbeiten inzwischen für den Sportartikelhersteller Adidas. Schweizer ist Projektmanager im Athlete Services, wo Maßanfertigungen für Profisportler entwickelt werden. Luckfiel forscht als Testingenieur im „Sports Research Lab“ des Unternehmens. „Wir arbeiten in interdisziplinären Teams mit Spezialisten aus den unterschiedlichsten Bereichen“, beschreibt Schweizer seinen Berufsalltag. „Das Gute ist, dass ich von jedem Bereich zumindest ein Grundwissen habe.“ Auch Tobias Luckfiel sieht seine Kenntnisse aus dem Studium optimal angewandt: Informatik für die Analysesoftware, Mess- und Elektrotechnik, Mechanik, Werkstofftechnik. So positiv wie er dürften nicht viele Absolventen über ihre Studieninhalte urteilen: „All das, was mein Studium ausgemacht hat“, sagt Luckfiel, „wird in meinem Bereich gebraucht.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen