Um den Erfolg im Leben kümmert man sich am besten schon früh. Ein österreichisches Ausbildungsinstitut für Persönlichkeitsentwicklung informiert über das Coaching vom Baby zum Kleinkind: "Existentielle Grenzen. Auseinandersetzungen mit Kindern wird es immer wieder geben; das gehört zum Grenzen setzen und Grenzen erfahren", steht auf der Internetseite. Eltern bräuchten jedoch trotz der "maximalen Asymmetrie" nicht laut oder grob zu werden. Das richtige Coaching könne helfen.
Auf der Suche nach Hilfe für das perfekte Leben brauchen eine überforderte Mutter, ein orientierungsloser Abiturient oder ein gestresster Senior Manager nur zu googlen, und dann sind sie da, die Versprechungen für alle Lebensbereiche. Das passende Studium, die erfüllte Paarbeziehung, der richtige Job und die großartige Karriere. Erfolg ist zum Greifen nah, vorausgesetzt, man sucht Unterstützung bei einem Coach oder Berater.
Beratungsangebote gibt es mittlerweile für alle Lebenslagen. Selbst wer Zweifel bei der Einrichtung seiner Küche hat, sendet einfach ein Foto seiner "Problemzone" an den Möbelhändler Ikea, und Einrichtungsberaterin Kirsten hilft weiter. Bleibt nur noch die eine Frage unbeantwortet: Können wir eigentlich nicht mehr selbst entscheiden, was für uns gut ist?
Beschaffung von Informationen
Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Für Sebastian Horndasch, Hochschulexperte und Studienberater, geht es um Komplexität. Beispiel Hochschulmarkt: Hochschulreform, Internationalisierung und Differenzierung der Universitäten hätten für Abiturienten das Angebot unübersichtlich gemacht. "Es gibt viel mehr Möglichkeiten, als dass ein Einzelner sie ohne enormen Aufwand überschauen könnte", sagt er. Beratung sieht Horndasch als eine Beschaffung von Informationen an, die die Unsicherheit bei einer Entscheidung reduziert. Die müsse jedoch der Einzelne dann immer noch selbst treffen. Das sei nicht Aufgabe einer Beratung.
Coach Linda Schroeter sieht ein Problem in der mangelnden Zeit. "Viele Menschen haben zu wenig Zeit, um die Sachen in Ruhe zu überdenken", sagt die Psychologin und Therapeutin. Hinzu kämen hohe Erwartungen nicht nur an die eigene Leistung, sondern auch an das persönliche Glück. "Wir haben heute tendenziell einen höheren Anspruch, glücklich zu sein, als frühere Generationen", glaubt sie. "Alles soll stimmen: das Geld, die Familie und die Karriere."
Natürlich könne jeder auch Entscheidungen ohne Hilfe treffen. Aber mit einem guten Coaching gehe es viel leichter und schneller. Besonders bei schwierigen Entscheidungen seien die Betroffenen emotional oft zu eingebunden, um rasch den Überblick über ihre Situation zu bekommen. Einen Berater aufzusuchen sei kein Tabu mehr. Bei der Hilfe von außen gebe es nur eine Gefahr: "Schlechte Berater und schlechte Coachs", sagt Schroeter.
Chaos in der Bank
Die Bank, bei der Thomas Schiefer in der Stabsabteilung arbeitet, wurde von einem anderen Unternehmen gekauft. Die Konzernleitung verstand von dem Branchengeschäft ihrer neuen Tochter wenig und holte sich renommierte Unternehmensberater für die Integrationsphase ins Haus. Bei Schiefers Bank brach Chaos aus. "Die sauber gescheitelten Jungs sind hergekommen und haben unser Geschäft mit ihrem Standardwissen abgeglichen", meint Schiefer, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will.
"Leider haben auch sie nicht wirklich verstanden, was wir hier genau machen." Abteilungen wurden zerschlagen, Teams auseinandergerissen. "Niemand wusste mehr, wer für was zuständig war. Aufgabengebiete wurden gerne auch mal ganz vergessen." Die Neustrukturierung ist rund fünf Jahre her. Zu tun habe man damit noch heute. "Alles dauert heute länger. Man muss ständig durchs Haus telefonieren, die Akten hin und her schicken."
Verkauft würde von Beratern zum großen Teil nicht nur Fachwissen, sondern auch Selbstbewusstsein, findet Schiefer. Denn genau dies sei oft das, was den Verantwortlichen im Unternehmen fehle, wenn sie bestimmte Entscheidungen fällen müssten. Hinzu komme Misstrauen gegenüber der Expertise der eigenen Mitarbeiter. "Vieles könnten Interne genauso gut machen, würden fähige Stabsmitarbeiter aus anderen Bereichen beauftragt", glaubt er. Diese könnten ebenso einen externen Standpunkt einnehmen, würden aber das Unternehmen kennen und kosteten auch nicht extra, sagt Schiefer.
Nur zwei Drittel erfolgreich
Nach einer Studie der Züricher Metaberatung Cardea aus dem Jahr 2010 sind nur zwei Drittel aller Beratungsprojekte erfolgreich. 28 Prozent der Projekte schätzten die befragten Führungskräfte aus Deutschland und der Schweiz als gescheitert ein, 4 Prozent der Projekte wurden vorzeitig abgebrochen. Die häufigsten Probleme sind demnach, dass keine konkreten Ergebnisse erreicht werden, die Umsetzbarkeit der Konzepte nicht funktioniert oder nur unter Inkaufnahme erheblicher Mehrkosten.
Gerade in der Finanzkrise sind viele Unternehmen skeptisch geworden. Mehrere Millionen Euro für Berater? Die Vorstände kürzten die Budgets. Viele Unternehmen setzen jedoch auch aus anderen Gründen nur in ganz bestimmten Bereichen auf externe Hilfe. "Kunden müssen uns vertrauen können, Entscheidungen werden bei uns intern gefällt", betont Dirk Böhme, Marketingdirektor der Targobank. Die Notwendigkeit, mit externen Beratern zusammenzuarbeiten beschränke sich auf einmalige Fälle.
So ein Ereignis war die Umbenennung der Citibank Deutschland zur Targobank im vergangenen Jahr. "In diesem Fall machte es keinen Sinn, das benötigte Know-how intern aufzubauen - alleine schon wegen des Zeitfaktors, und weil man dieses Wissen nur einmalig benötigte", sagt Böhme.
Inhouse-Consulting-Einheit
"Es gibt ganz spezifische Leistungen von Unternehmensberatungen, die für uns sehr nützlich sind", sagt Ludwig Daniel Angeli, Leiter Management Consulting BASF. So greift der Chemiekonzern bisweilen auf externe Marktexpertise zurück, um eigene Prognosen kritisch zu hinterfragen. Andere Beispiele für den Einsatz externer Berater sind die Entwicklung von IT-unterstützten Optimierungsmodellen und Ressourcenaufstockung für Großprojekte. Manchmal sei allerdings ein tieferes Wissen zu den Besonderheiten des Unternehmens notwendig. Hier bevorzugt das Chemieunternehmen seine fast 130 Mitarbeiter starke Inhouse- Consulting-Einheit.
In jedem Fall könnten und dürften externe Berater nicht als Management-Ersatz verwendet werden, betont Angeli. Dies vergessen allerdings manche Manager. "Bevor sie etwas dem Vorstand vorschlagen, lassen sie sich lieber den Sicherheitsstempel von Unternehmensberatungen für ihre Entscheidungen geben. Eine Unsitte", findet Michael Mirow, ehemals Führungskraft in der Strategieabteilung von Siemens, heute Honorarprofessor für strategische Unternehmensführung an der TU Berlin und Unternehmensberater. "Mit Verantwortungsübernahme hat das wenig zu tun. Der Entscheidungsträger will sich nur im Fall des Scheiterns hinter den Beratern verstecken können." Ein Manager müsse jedoch für seine Entscheidungen geradestehen.
Das bedeutet für Mirow nicht, dass Beratung überflüssig ist. Im Gegenteil: In komplexen Angelegenheiten sei es nicht nur schwierig, sondern auch abzuraten, sich ausschließlich auf die eigene Meinung zu verlassen. Es handele sich dabei jedoch immer um eine Gratwanderung. Wenn sich ein Manager zu sehr fremd beeinflussen lasse, verliere er seine Authentizität. "Entscheidend ist, dass man Beratung welcher Art auch immer mit Augenmaß einsetzt." Das sei heute nicht anders als früher. Durch die Informationstechnologie und die Globalisierung habe sich zwar die Taktung in der Arbeitswelt erhöht. Es gebe weniger Zeit. Doch komplexe Anforderungen, Informationsmangel und Entscheidungsdruck seien nichts Neues. "Verantwortung zu übernehmen war schon immer eine Herausforderung. Ob in der Zeit der Depeschen oder der E-Mails aus Kuala Lumpur."
Warum kann keiner mehr alleine eine Entscheidung treffen?
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
- 28.02.2011, 14:33 Uhr
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Robert Klemme (rklemme)
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