Der Traum fast aller Betriebswirtschaftsstudenten – für Lukas Dopstadt war er zum Greifen nah. Er hätte nur ja sagen müssen, als ihm die Personalmanager einer großen Unternehmensberatung das verlockende Angebot unterbreiteten und die Beraterlaufbahn schmackhaft machten. Der damals 24 Jahre alte Kölner war den Recruitern aufgefallen, weil er ungewöhnliche Geschäftsideen hatte und anders tickte als die meisten seiner Kommilitonen.
Doch beste Karriereaussichten und ein dickes Einstiegsgehalt konnten Lukas Dopstadt nicht überzeugen: Er sagte nein. Die Pläne für sein eigenes Unternehmen, mit dem er gesellschaftliche Probleme unternehmerisch angehen wollte, hatte er da schon längst in der Schublade.
Gesellschaftliche Rendite statt eigenem Profit
Vier Jahre später bereut Dopstadt, Geschäftsführer der Social Value GmbH, es nicht, dass er die Karriereautobahn links liegenließ und stattdessen eine Abzweigung nahm. „Mir geht es nicht um den maximalen Profit, ich will eine gesellschaftliche Rendite erwirtschaften“, sagt der Gründer, der statt Anzug und Krawatte Jeans und T-Shirt trägt. Die Währung, in der er diese Rendite misst, ist die Aufmerksamkeit, die er denen verschafft, deren Arbeit seiner Ansicht nach oft zu wenig gesehen wird: Kindergärten, Kirchengemeinden, Chören und Sportvereinen.
Dopstadt, der mit seinen vier festen und zwei freien Mitarbeitern gerade in einen modernisierten Industriealtbau im Kölner Stadtteil Ehrenfeld umgezogen ist, überzeugt Unternehmen davon, Spenden auszuloben, um die sich gemeinnützige Organisationen bewerben können: Ein Stromanbieter spendierte eine Solaranlage, ein Zeitungsverlag professionelle CD-Aufnahmen und das evangelische Magazin Chrismon mehrere Geldgeschenke.
Dopstadt verkauft Aufmerksamkeit – für einen guten Zweck
Dopstadt weiß, dass er die Marketingabteilungen nur dann zum Spenden animieren kann, wenn die Unternehmen eine Gegenleistung erhalten. „Ich akquiriere nicht bei Gutmenschen“, sagt der Unternehmer. Darum organisiert er im Internet Kampagnen, bei denen darüber abgestimmt wird, wer die Spende erhält – und das in großem Stil. Gemeinsam mit Wirtschaftsinformatikern hat Dopstadt eine „virale Strategie“ entwickelt, die garantieren soll, dass möglichst viele Menschen aufmerksam werden. Mit seiner letzten Kampagne erreichte er 193 Kirchengemeinden, 180 000 Menschen gaben im Netz ihre Stimme ab.
Dopstadt wirbt mit einem „doppelten Mehrwert“: Die Unternehmen, die für die Kampagnen bezahlen, erreichten mit schmalem Budget ihre Zielgruppe, und die Ehrenamtlichen bekämen eine Bühne für ihre Anliegen und fänden häufig neue Mitglieder und Unterstützer – egal, ob sie in der Abstimmung gewinnen oder nicht.
Nun wird auch die Politik auf die Sozialunternehmer aufmerksam
Lukas Dopstadt nennt sich „Social Entrepreneur“. Er gehört zu einer wachsenden Gruppe von sozialen Motiven getriebener Unternehmer, die die Welt ein Stück besser machen wollen, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger zu hantieren. Sie halten nicht viel davon, gegen den Kapitalismus zu wettern oder sich für ihre Ziele an Gleise zu ketten. Stattdessen schreiben sie Businesspläne, werben Investoren an und erproben ihre Ideen am Markt.
Die risikobereiten Sozialarbeiter, zu deren Prinzipien es gehört, sämtliche Überschüsse ins Unternehmen zu reinvestieren, kümmern sich um Langzeitarbeitslose, Migranten, Behinderte und Benachteiligte und finden überall da ihren Platz, wo sich weder der Staat noch konventionelle Unternehmen breitgemacht haben. Weil sie neue Wege gehen, hofft nun auch die Politik, von den Sozialunternehmern profitieren zu können, und hat Anfang des Jahres ein Förderprogramm aufgesetzt.
Die Experten sehen ihre Branche durchstarten
Die Idee, unternehmerisch soziale Probleme zu lösen, ist nicht neu – bekannt geworden ist sie vor sechs Jahren, als Mikrokreditpionier Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis erhielt. Seine Idee: Menschen in Entwicklungsländern mit Minidarlehen zu Unternehmern machen und sie so aus der Armut befreien. Wie viele Unternehmer ihm in Deutschland nacheifern und mit einem selbsttragenden Geschäftskonzept soziale oder ökologische Fragen beantworten wollen, wird gerade erst erforscht.
„Mein Eindruck ist, dass es immer mehr werden“, sagt Markus Beckmann, Juniorprofessor für Social Entrepreneurship an der Leuphana Universität in Lüneburg. Die praxisnahen Seminare des Forschers sind ausgebucht, auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Bewerbungen für Abschlussarbeiten und Dissertationen, und nicht selten gründen seine Studenten noch vor ihrem Abschluss ihr eigenes Sozialunternehmen.
Die Ursache für diesen Ansturm sieht Beckmann in einem Wertewandel: „Karriere wird heute von Studenten anders definiert“, sagt der Forscher, „immer mehr gut ausgebildete Absolventen geht es im Job vor allem darum, etwas Sinnvolles zu tun.“
Die „Entwicklungsabteilung“ der Gesellschaft
Skeptiker wenden ein, dass Sozialunternehmer wirtschaftlich kaum Bedeutung haben und deshalb nur wenige Menschen von ihnen profitieren. Beckmann lässt diesen Einwand so nicht gelten. Es sei utopisch, dass Sozialunternehmer 80 Millionen Menschen erreichen. „Das ist aber auch gar nicht das Ziel“, sagt der Forscher. Vielmehr seien die Sozialunternehmer so etwas wie die „Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Gesellschaft“. Sie sollen die Ideen liefern, die dann von etablierten, oft recht innovationsträgen Akteuren aufgegriffen und verbreitet werden.
Dass diese Form der Arbeitsteilung funktionieren kann, hat Norbert Kunz bewiesen, als der Begriff des Sozialunternehmers noch nicht existierte. Weil er beobachtete, wie der Staat regelmäßig daran scheiterte, bildungsfernen Menschen zu einer Stelle zu verhelfen, und weil er eine Idee hatte, wie man es besser machen könnte, machte sich der Wirtschaftspädagoge Anfang der neunziger Jahre in Berlin selbständig: Statt Schulabbrecher, Straftäter oder Migranten mit geringen Deutschkenntnissen in konventionelle Ausbildungen zu stecken, in denen das Scheitern oft programmiert war, erprobte Kunz mit seinem Unternehmen IQ Consult das, was er „Modularisierung“ nannte.
Individuell abgestimmt und abhängig davon, welche Qualifikationen den Arbeitslosen fehlten, vermittelte er ihnen in mehrwöchigen Blockveranstaltungen bestimmte Inhalte, zum Beispiel Rechnungswesen, und bereitete sie so auf den Berufseinstieg vor. „Heute gehört diese Modularisierung zum Standardprogramm“, sagt Kunz, der inzwischen an sechs Standorten 43 Festangestellte und 25 Freiberufler beschäftigt.
„Social Return on Investment“ statt Sozialromantik
Weil der Unternehmer erkennen musste, dass seine Klienten trotz verbesserter Qualifikationen bei Arbeitgebern auf Vorbehalte stießen, setzte er zunehmend darauf, sie zu Selbständigen zu machen. Auch die Idee einer individuellen Gründungsberatung ging auf: „2000 junge Menschen haben sich bislang selbständig gemacht, 70 Prozent waren auch noch drei Jahre später am Markt“, sagt Kunz.
Der 53 Jahre alte Berliner hat nichts von einem Sozialromantiker, Kunz ist durch und durch Unternehmer. Statt blumiger Konzepte präsentiert er harte Zahlen – seine Leistung bemisst er mit dem „Social Return on Investment“, einer sozialen Abwandlung der betriebswirtschaftlichen Kennzahl. Im Fall seines Vermittlungsansatzes liege die Ziffer bei drei: „Für jeden Euro, den der Staat bei uns zuschießt, werden drei Euro gespart“, hat Kunz ausgerechnet.
Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft lohnt sich für beide Seiten
Dass Sozialunternehmen wachsen und zu Vorbildern werden, ist keine Ausnahme. Die Projektfabrik, der es dank einer Mischung aus Theaterprojekten und Fortbildung besser als dem Staat gelingt, langzeitarbeitslose Jugendliche in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, ist dank einer 3,5-Millionen-Dollar-Spende der Bank JP Morgan dabei, ihr Angebot auf ganz Deutschland auszudehnen, und hat inzwischen mehrere Nachahmer.
Das Berliner Sozialunternehmen Streetfootballworld, das in Problemvierteln Straßenfußballturniere organisiert und niedrigschwellig Sozialarbeit betreibt, ist zum Partner der Fifa aufgestiegen und auf mehreren Kontinenten aktiv. Und Konzerne wie der Softwarehersteller SAP, der Geld und Know-how in Projekte mit Norbert Kunz’ IQ Consult investiert, erkennen, dass sie von den sozial getriebenen Unternehmern profitieren können.
“Diese Entwicklung wird weitergehen“, sagt Felix Oldenburg, Geschäftsführer des Netzwerks Ashoka, das Sozialunternehmer als Fellows aufnimmt und unterstützt. Für viele neue Konzepte, etwa im Bereich demografischer Wandel oder Migration, werde es keine weiteren staatlichen Regelfinanzierungen geben, „und das ist die Chance für Sozialunternehmen.“
Kürzlich war Oldenburg, ein ehemaliger McKinsey-Berater, bei seinem früheren Arbeitgeber als Referent eingeladen. Studenten, die das Unternehmen anwerben will, wurde der Mann als erfolgreicher Alumnus präsentiert – auch die Unternehmensberatungen scheinen den Trend erkannt zu haben.
Sozialunternehmer gehen mit offenen Augen durch die Welt, entdecken Probleme und entwickeln unternehmerische Ideen, um sie zu beheben.
Branchenkenner warnen davor, sich alleine aus Idealismus in das Abenteuer des sozialen Unternehmertums zu stürzen – denn das geht nach hinten los. Ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse und professionelle Strukturen hilft die beste Idee nicht.
Finanzierung sichern: Verglichen mit konventionellen Gründern, können Sozialunternehmer weitere Finanzierungsquellen anzapfen, zum Beispiel Stiftungen und spezialisierte Risikokapitalgeber wie BonVenture.
Anfang des Jahres hat die staatliche Förderbank KfW ein Programm aufgelegt: Sozialunternehmer erhalten Kredite bis zu 200 000 Euro, wenn ein privater Investor dieselbe Summe zur Verfügung stellt.
Sozialarbeiter
Hendrik Epe (climpe)
- 15.05.2012, 17:27 Uhr
