http://www.faz.net/-gyl-6rr9s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.09.2011, 09:53 Uhr

Solarparks Ein bisschen wie Herr der Ringe

Immer mehr Solar- und Windradanlagen werden gebaut. Aber wie sie sich in die Landschaft einfügen sollen, ist bisher noch völlig unklar. Eine erhellende Studienreise.

von Anna Catherin Loll
© Annacaterina Piras Nicht zu übersehen: Der Turm von Abengoa PS 20 auf der SolucarPlatform nahe San Lucar La mayor, Seville

Die Stiftung Bauhaus Dessau hat Architekturstudenten auf eine Reise nach Südeuropa und Nordafrika geschickt, um Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Südspanien, im Sommer. Wir fahren die A-92 von Málaga in Richtung Sevilla. Nichts als abgegraste gelbe Hügel, Sonnenblumenfelder und ein paar steinerne Berge gibt es im Hintergrund, bis wir irgendwann rechts hinter noch einem Sonnenblumenfeld unser Ziel am wolkenlosen Horizont leuchten sehen wie eine riesige Glühbirne: Den Turm von Gemasolar. Der 140 Meter hohe Bau ist das Zentrum eines der modernsten Solarfelder Spaniens. Mit 565 Grad Celsius im Inneren strahlt die Spitze des Turms über Kilometer entfernt sichtbar wie eine zweite Sonne.

Von der Autobahn führt eine schmale Straße zur Anlage, ein Trecker muss überholt werden, ansonsten ist in dem ländlichen Gebiet niemand. Ein hohes Schiebetor versperrt uns den Weg, es geht durch einen Sicherheitscheck, die Reisepässe werden kopiert und überprüft. Dann stehen wir mitten auf einem ehemaligen Olivenhain, aber das Gefühl ist außerirdisch.

Zwei 650.120 Quadratmeter große Spiegel sind kreisförmig um den schlanken Turm angeordnet. Wie Untertanen, die ihre entrückte Königin anbeten, projizieren sie die Sonne auf die Rezeptoren im Turm. Die dort aufgenommene Hitze wird an seinem Fuße erst in Wasserdampf und dann in Strom für 25.000 Menschen umgewandelt. Die Stiftung Bauhaus Dessau hat die Reise im Rahmen ihrer internationalen Sommerschule „Energielandschaften 3.0“ organisiert. Architektur- und Stadtplanung-Studenten sollen sich in Spanien und Marokko ein Bild von neuen Industrieanlagen machen. Ästhetische Überlegungen sind für Wind- und Solaranlagen bisher nämlich zweitrangig. „Technische Fragen stehen bei uns im Vordergrund“, sagt Juan Ignacio Burgaleta, technischer Leiter von Torresol Energy, dem Betreiberunternehmen von Gemasolar. Beim Turm hätte man sich allerdings ein paar Gedanken gemacht. Könnte er dort schlanker, hier geschwungener sein? Vorschläge seien willkommen, meint Burgaleta.

Loll2 © Annacaterina Piras Vergrößern Spiegel in der Wüste

Konzepte müssten her

„Ein bisschen wie bei Herr der Ringe sieht das hier aus“, schmunzelt Ana Vrgoc aus Frankfurt am Main. Die 29-Jährige hat gerade ihr Architekturstudium an der Fachhochschule in Mainz abgeschlossen. „Energielandschaften sind ein Zukunftsmarkt für uns Architekten“, glaubt sie. Oder sollten es zumindest sein. Am nächsten Tag besuchen wir eine weitere Solaranlage, wieder unweit von Sevilla. Diesmal sind weithin zwei Türme sichtbar, einer in grau und einer in beige. Aus der Entfernung sehen sie aus wie umgedrehte Stimmgabeln, die jemand mit zu viel Kraft in den Boden gerammt hat. An den Gestellen der sie umgebenden Solarspiegel frisst sich Rost entlang. Nach Design sieht das hier nicht aus. Eher nach Industriezweckmäßigkeit auf einem Gebiet von etwa zehn Fußballfeldern. „Die Energiewende stellt neue Herausforderungen an uns Architekten“, sagt Stefan Tischer, Direktor des internationalen Masters Mediterranean Landscape Urbanism an der Universität Sassari auf Sardinien. Insbesondere Landschaftsarchitekten betrachteten Infrastruktur klassischerweise als „böse“. Schließlich zerstörten sie die Ansehnlichkeit der Natur. Es gebe eine Art Schisma mit den Ingenieuren. Tischer plädiert dafür angesichts der Energiewende umzudenken. „Durch den enormen Energiebedarf werden riesige Solar- oder Windkraftanlagen entstehen. Keinem ist gedient, wenn wir irgendwann unsere Fahrräder nur noch durch abgezäunte No-Go-Areas schieben“, meint der Architekt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
One Day in Life in Frankfurt Telemann in der Großküche, Beethoven im Boxring

75 Konzerte an 18 Orten, über 24 Stunden verteilt in ganz Frankfurt: Wer das Projekt One Day in Life des Star-Architekten Daniel Libeskind für einen reinen Kraftakt hält, staunt über das feine Zusammenspiel von Musik, Ort und Umgebung. Mehr Von Michael Hierholzer

22.05.2016, 18:03 Uhr | Rhein-Main
Spanien Moderne Architektur im Pinienwald

Die Casa Levene des Architekten Eduardo Arroyo gehört zu den am meisten gelobten architektonischen Entwürfen Spaniens der vergangenen Jahre. Das Haus scheint durch die umgebenden Bäume hindurch zu wachsen. Mehr

01.05.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Möbel zum Aufpumpen Ein Luftikus von einem Tisch

Eine Luftmatratze gibt es in fast jedem Haushalt – aber einen Tisch zum Aufblasen? Der Frankfurter Philipp Beisheim hat dafür den wichtigsten Nachwuchspreis der Branche bekommen. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

22.05.2016, 07:55 Uhr | Stil
Aids-Gala Ferien mit Leonardo DiCaprio in Cannes versteigert

Am Rande des Filmfestivals von Cannes findet alljährlich die Aids-Gala einer amerikanischen Hilfsorganisation statt - ein Magnet für die schönen und reichen Stars der Branche. Denn um die Kassen der Aids-Stiftung AmfAR zu füllen, werden unter anderem Ferien mit Leonardo DiCaprio, eine Skulptur von Damien Hirst, Fotos von Andy Warhol und ein Ferrari versteigert. Mehr

20.05.2016, 17:29 Uhr | Feuilleton
Europaviertel Frankfurt Zwei Welten grenzen aneinander

Im Europaviertel ist der erste neue Wohnturm fertig. Goldene Wasserhähne sucht man im Axis vergeblich. Der Kontrast zum Nachbarviertel ist dennoch stark. Mehr Von Rainer Schulze, Frankfurt

19.05.2016, 10:07 Uhr | Rhein-Main