Die Stiftung Bauhaus Dessau hat Architekturstudenten auf eine Reise nach Südeuropa und Nordafrika geschickt, um Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Südspanien, im Sommer. Wir fahren die A-92 von Málaga in Richtung Sevilla. Nichts als abgegraste gelbe Hügel, Sonnenblumenfelder und ein paar steinerne Berge gibt es im Hintergrund, bis wir irgendwann rechts hinter noch einem Sonnenblumenfeld unser Ziel am wolkenlosen Horizont leuchten sehen wie eine riesige Glühbirne: Den Turm von Gemasolar. Der 140 Meter hohe Bau ist das Zentrum eines der modernsten Solarfelder Spaniens. Mit 565 Grad Celsius im Inneren strahlt die Spitze des Turms über Kilometer entfernt sichtbar wie eine zweite Sonne.
Von der Autobahn führt eine schmale Straße zur Anlage, ein Trecker muss überholt werden, ansonsten ist in dem ländlichen Gebiet niemand. Ein hohes Schiebetor versperrt uns den Weg, es geht durch einen Sicherheitscheck, die Reisepässe werden kopiert und überprüft. Dann stehen wir mitten auf einem ehemaligen Olivenhain, aber das Gefühl ist außerirdisch.
Zwei 650.120 Quadratmeter große Spiegel sind kreisförmig um den schlanken Turm angeordnet. Wie Untertanen, die ihre entrückte Königin anbeten, projizieren sie die Sonne auf die Rezeptoren im Turm. Die dort aufgenommene Hitze wird an seinem Fuße erst in Wasserdampf und dann in Strom für 25.000 Menschen umgewandelt. Die Stiftung Bauhaus Dessau hat die Reise im Rahmen ihrer internationalen Sommerschule „Energielandschaften 3.0“ organisiert. Architektur- und Stadtplanung-Studenten sollen sich in Spanien und Marokko ein Bild von neuen Industrieanlagen machen. Ästhetische Überlegungen sind für Wind- und Solaranlagen bisher nämlich zweitrangig. „Technische Fragen stehen bei uns im Vordergrund“, sagt Juan Ignacio Burgaleta, technischer Leiter von Torresol Energy, dem Betreiberunternehmen von Gemasolar. Beim Turm hätte man sich allerdings ein paar Gedanken gemacht. Könnte er dort schlanker, hier geschwungener sein? Vorschläge seien willkommen, meint Burgaleta.
Konzepte müssten her
„Ein bisschen wie bei Herr der Ringe sieht das hier aus“, schmunzelt Ana Vrgoc aus Frankfurt am Main. Die 29-Jährige hat gerade ihr Architekturstudium an der Fachhochschule in Mainz abgeschlossen. „Energielandschaften sind ein Zukunftsmarkt für uns Architekten“, glaubt sie. Oder sollten es zumindest sein. Am nächsten Tag besuchen wir eine weitere Solaranlage, wieder unweit von Sevilla. Diesmal sind weithin zwei Türme sichtbar, einer in grau und einer in beige. Aus der Entfernung sehen sie aus wie umgedrehte Stimmgabeln, die jemand mit zu viel Kraft in den Boden gerammt hat. An den Gestellen der sie umgebenden Solarspiegel frisst sich Rost entlang. Nach Design sieht das hier nicht aus. Eher nach Industriezweckmäßigkeit auf einem Gebiet von etwa zehn Fußballfeldern. „Die Energiewende stellt neue Herausforderungen an uns Architekten“, sagt Stefan Tischer, Direktor des internationalen Masters Mediterranean Landscape Urbanism an der Universität Sassari auf Sardinien. Insbesondere Landschaftsarchitekten betrachteten Infrastruktur klassischerweise als „böse“. Schließlich zerstörten sie die Ansehnlichkeit der Natur. Es gebe eine Art Schisma mit den Ingenieuren. Tischer plädiert dafür angesichts der Energiewende umzudenken. „Durch den enormen Energiebedarf werden riesige Solar- oder Windkraftanlagen entstehen. Keinem ist gedient, wenn wir irgendwann unsere Fahrräder nur noch durch abgezäunte No-Go-Areas schieben“, meint der Architekt.
Konzepte müssten her und zwar bevor die Großindustrie ihre Anlagen errichtet habe. Tischer zieht das Beispiel von Stromleitungen heran. Die europäischen Staaten müssten die bis zu 1,20 Meter dicken Kabel von Nordafrika nicht in der Erde vergraben oder in Hochspannungsleitungen kilometerlang durch die Landschaft stemmen. „Man könnte sie auch nach dem Vorbild von römischen Aquädukten als moderne Strombrücken gestalten“, visioniert der deutsche Professor. Diese könnten die Architekten in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren mit Straßen, Zügen oder der Wasserversorgung verbinden. Um solche Ideen zu entwickeln sei allerdings experimentelle Arbeit und eine ebensolche Ausbildung von angehenden Landschaftsarchitekten notwendig, sagt Tischer. Er hält deshalb viel von der Sommerschule der Bauhaus-Stiftung, an deren Konzeption er beteiligt war.
Visionen würden gebraucht
In Dessau hatten die Studenten im Anschluss an die Recherchereise im Mittelmeerraum die Möglichkeit sich eingehend mit den neuen Großanlagen zu beschäftigen. „Wir sollten Energie als ein neues Lebensmittel verstehen, das wie Weizen oder Mais angebaut werden muss“, lautet ein Fazit von Sommerschulen-Teilnehmer Andreas Dittrich, der an der TU München im Forschungsbereich nachhaltige Energielandschaften promoviert. Es gebe trotz technischer Notwendigkeiten verschiedene Möglichkeiten, wie diese Plantagen aussehen könnten, meint der Doktorand. Zum Beispiel könnten in Marokko die Solarfelder statt mit einer Mauer gegen Wind und Sandstürme mit einem Schutzwald ergänzt werden, der zugleich eine gute Maßnahme gegen Verwüstung darstelle. Auch könnten unter den Solarzellen Schattenpflanzen wachsen und zwischen ihnen Schafe oder Ziegen weiden.
„Beim Klimawandel haben wir das Problem, dass wir uns bisher wenig Gedanken über die Gestaltung der Räume gemacht haben“, erklärt Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Angehende Architekten müssten darauf vermehrt vorbereitet werden. Hier sieht Oswalt Stiftungen wie die seine in der Pflicht, Angebote zu machen, die in den engen Studienabläufen von Bachelor und Master selten Platz finden. „Mit Projekten wie der Sommerschule wollen wir die Studenten dazu anregen eine eigene Haltung zu den Herausforderungen von morgen zu entwickeln“, sagt Oswalt. Visionen würden gebraucht. Dass diese Zukunft haben könnten, davon ist Bernhard Gillich vom Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) überzeugt. Er sieht in der Gestaltung der neuen Technologien für seine Zunft einen großen Wachstumsmarkt. In seinem Unternehmen in Trier merke er den Anstieg der Aufträge zur Beratung und Planung von Windkraftanlagen und Solarparks deutlich. „Durch den Atomausstieg wird bis 2030 sehr viel zu tun sein“, sagt Gillich. Windenergie und Solaranlagen würden in Deutschland bis um das zwanzigfache ausgebaut werden.
Das erhöhte Interesse spiegelt sich in den Ausbildungsstätten für Landschaftsarchitektur wieder. Alle 15 deutschen Universitäten und Fachhochschulen, an denen Studiengänge für Landschaftsarchitektur angeboten werden, beschäftigen sich nach Angaben des bdla zunehmend mit den Auswirkungen der Energiewende. Meist geschieht dies in Schwerpunkten in den letzten Semestern oder in den Masterarbeiten. Der Einfluss von Landschaftsarchitekten auf das tatsächliche Aussehen von Energieanlagen ist allerdings noch gering. „Landschaftsarchitekten arbeiten im Energiebereich vor allem an formellen Planungsverfahren wie Flächennutzungsplänen“, sagt Sören Schöbel-Rutschmann, Professor für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume an der TU München. „Das Aussehen der Solar- oder Windradanlagen richtet sich meist nur nach technischen, lokalpolitischen und ökonomischen Kriterien.“ Ändern würde sich dies wohl erst, wenn die Akzeptanz von Großanlagen in der Bevölkerung sinke. „Da kann man dann nicht mehr nur rechnen, sondern braucht ästhetische Konzepte“, glaubt der Professor.
Strom aus der Wüste
Unter der Energiewende wird der Schwenk von fossilen und atomaren Quellen hin zu erneuerbaren Energien verstanden: Windenergie, Wasserkraft, Sonnenenergie, Bioenergie, Geothermie und Wellenenergie.
Das Landschaftsbild in Deutschland wird sich dadurch stark verändern. Schon jetzt gibt es mehr als 21.600 Windräder auf deutschen Wiesen, knapp 13 Millionen Quadratmeter Solarkollektoren auf Dächern und Feldern. Durch den Atomausstieg könnten sich diese Zahlen zum Teil um das Zwanzigfache steigern. Nötig werden außerdem neue Stromtrassen und Speicherungsanlagen.
Eine Alternative zu heimischen Anlagen ist der Import erneuerbarer Energien, etwa aus Regionen, die deutlich mehr Sonnenstunden verzeichnen. Die Desertec Foundation vertritt die Idee, unter anderem in Nordafrika die Energie für Europa herzustellen. Zwölf Unternehmen gründeten 2009 die Desertec Industrial Initiative, um das Projekt voranzutreiben. Marokko ist einer der wahrscheinlichen Kooperationspartner für Desertec. Die Solaranlagen in Spanien gelten als Vorläufer des Projekts.
