21.01.2011 · Arbeit, Freizeit und Familie - das lässt sich in Skandinavien besser vereinbaren als in Deutschland. Das Paradies ist allerdings auch der Norden nicht.
Von Sebastian BalzterBullerbü hat viele Reize. Das winzige Dorf mit seinen drei roten Holzhäusern, in denen die Kinder Lasse, Bosse, Lisa, Britta, Inga, Ole und Kerstin wohnen, ist ein kleines Paradies. Die Familien sind so intakt wie die Natur mit Wäldern und Seen, Stress gibt es nicht, und die größte Gefahr stellt der Schuster dar, der hin und wieder Spaß und Spiel stört. Zehntausende Touristen aus Deutschland machen sich Jahr für Jahr auf die Suche nach der schwedischen Idylle aus Astrid Lindgrens Phantasie.
Manche bleiben länger als nur für die Sommerferien im Norden. Im Verhältnis zu ihrer eigenen geringen Einwohnerzahl ziehen die skandinavischen Länder ungewöhnlich viele deutsche Auswanderer an: Knapp 16.000 waren es nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts allein 2009. Dass sich Beruf und Familie in Nordeuropa besser miteinander in Einklang bringen lassen, sagen viele zur Begründung - auch wenn sie nicht aufs Land zu den Kindern von Bullerbü ziehen, sondern der Arbeit wegen nach Stockholm, Kopenhagen oder Oslo. Vor allem für Frauen hat das Argument Gewicht. Denn nirgendwo sonst ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei Bezahlung und Beschäftigungsquote so gering wie in Nordeuropa.
„Deutschland ist mindestens 30 Jahre zurück“
„Skandinavien ist in diesem Punkt eindeutig ein Vorbild“, sagt Albert Nußbaum. „Deutschland ist da mindestens 30 Jahre zurück.“ Er führt das Deutschland-Geschäft der Personalberatung Mercuri Urval, die ihre Zentrale in Schweden hat, ist mit einer Schwedin verheiratet und hat zusammen mit ihr fünf Kinder zwischen 11 und 23 Jahren, die zum Teil in Schweden und zum Teil in Deutschland aufgewachsen sind - kurzum, er sollte es wissen. Stellen Kinder in Skandinavien wirklich nicht in Frage, dass beide Eltern auch im Beruf vorankommen? Nussbaum gibt eine ganze Reihe von Antworten. Erstens sei der Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung nach dem Zweiten Weltkrieg von den sozialdemokratischen Regierungen der nordeuropäischen Staaten als einer der Kernpunkte ihres politischen Programms angesehen worden. Zweitens gebe es anders als in Deutschland keinen steuerlichen Anreiz, eine Familie nur mit einem Einkommen zu ernähren. Drittens legten Männer genauso wie Frauen in Schweden, Norwegen und Dänemark mehr Wert auf Freizeit und Familie. „Deshalb ist Teilzeit dort nicht so sehr ein Frauenthema wie in Deutschland. Und deshalb sind die Unternehmen auch besser darauf vorbereitet, dass ihre Beschäftigten je nach Lebenssituation zwischen einer Teilzeit- und einer Vollzeitstelle hin- und herwechseln.“
All das scheint der Wettbewerbsfähigkeit nicht zu schaden, im Gegenteil: Skandinavien sei für Investoren Europas attraktivster Standort überhaupt, hat das Prognos-Institut ermittelt. Und während der Süden des Kontinents in der Schuldenkrise versinkt, sind die Staatshaushalte im Norden - abgesehen vom Sonderfall Island - grundsolide.
Keine Galerie erfolgreicher Frauen ohne starke Skandinavierinnen
Alles Bullerbü also? Kein aus Deutschland nach Nordeuropa entsandter Expat kommt ohne die Geschichte über einen Manager zurück, der am Nachmittag ganz selbstverständlich pünktlich um 15:30 Uhr das Meeting verlässt, um seine Kinder aus der Tagesstätte abzuholen. Kein um Frauenförderung bemühter Personalprofi vergisst zu erwähnen, dass es in Norwegen ein Gesetz zum Geschlechtergleichgewicht in Aufsichtsräten gibt und Verstöße seitens der Unternehmen seit 2008 zum Teil empfindlich bestraft werden können - es dazu aber bislang keinen Anlass gegeben hat, weil alle brav ihre Quoten erfüllen. Keine Galerie erfolgreicher Frauen schließlich kommt ohne die starken Skandinavierinnen aus: Finnland hat zurzeit eine Präsidentin, Island eine Regierungschefin, Dänemark eine Königin und Schweden eine der wenigen Vorstandsvorsitzenden, die es in der internationalen Bankenszene gibt: Annika Falkengren führt seit gut fünf Jahren die SEB. Ein paar Monate bevor sie an die Konzernspitze kam, brachte sie ihre Tochter zur Welt.
Die Liste lässt sich fortsetzen. Karen Valeur Sjørup hält trotzdem dagegen. „Ich glaube, das Bild vom vorbildlichen Skandinavien ist ein Mythos“, sagt die Soziologin von der Universität Roskilde in Dänemark. Ihre Untersuchungen zeigten, dass auch in ihrer Heimat mit der Familiengründung die Karriere von Vater oder Mutter oft ins Stocken gerate. „Das gilt vielleicht nicht so sehr für Politiker, die ja gerne als familienfreundlich wahrgenommen werden wollen, und auch nicht für den öffentlichen Sektor“, schränkt Sjørup ein. „Aber in der Privatwirtschaft gibt es für Beschäftigte, die wegen ihrer Kinder halbtags arbeiten, auch bei uns kaum Aufstiegsmöglichkeiten.“
Das räumen manche Personalverantwortliche auch unumwunden ein. „Wir bevorzugen bei Neueinstellungen Vollzeit“, berichtet etwa Mads Kamp, der für Human Resources zuständige Vizepräsident des dänischen Hörgeräteherstellers Oticon. Rund 3500 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen. Wer von ihnen sich später dauerhaft für eine Teilzeitstelle entscheide, bekomme keine Steine in den Weg gelegt - verabschiede sich damit aber von weiteren Beförderungen. „In Führungspositionen haben wir jedenfalls niemanden mit einer 80-Prozent-Stelle“, sagt Kamp. „In Deutschland stellen sich viele das Berufsleben in Skandinavien entspannter vor, als es in Wirklichkeit ist.“
Mancher Liberaler wird sich bevormundet fühlen
Als „Bullerbü-Syndrom“ hat der frühere Leiter des Goethe-Instituts in Stockholm diese Wahrnehmungsstörung beschrieben. Die Sehnsucht nach einem gemütlichen und natürlichen Leben, nach einer menschlichen und solidarischen Gesellschaft werde auf eine ganze Region projiziert, analysiert Berthold Franke das Phänomen in einem Aufsatz, der es in Schweden zu einiger Bekanntheit gebracht hat. So treffend diese Beobachtung sein mag, die Daten aus den Sozialstatistiken lassen sich damit nicht wegerklären. Aber sie bewahrt davor, andere Facetten zu übersehen: Dass es in Schweden, Norwegen und Finnland Wein und Spirituosen nur in staatlich kontrollierten Geschäften zu kaufen gibt, wird mancher Liberaler als Bevormundung empfinden. Dass Steuerdaten öffentlich ausliegen, klingt in deutschen Ohren auch befremdlich. Und wer lange genug mit den zuerst so begeisterten Expats spricht, hört fast unweigerlich auch die Klage über verbreitete Staatsgläubigkeit und Konformität - die Kehrseite des egalitären Modells einer Gesellschaft, in der alle möglichst gleich sein sollen.
Wer sich dafür entscheidet, räumt Albert Nußbaum von Mercuri Urval ein, muss sich zudem damit abfinden, dass sich gerade im mittleren Management berufliche Leistung finanziell weniger auszahlt als in Deutschland. Beides, die glänzende Karriere mit ihren Statussymbolen und das beschauliche Familienleben, ist offenbar auch in Skandinavien nicht zu haben. „Es ist eine Lebensentscheidung“, sagt Mads Kamp, der Personalchef aus Dänemark. Und die skandinavischen Vorzeigefrauen? Sie haben sich bei dieser Entscheidung einfach schon lange vom Geschlechterstereotyp befreit. Das gilt für Busfahrerinnen und Ingenieurinnen, aber auch für Bankerinnen wie Annika Falkengren. Um den Haushalt kümmert sich ihr Mann, sagt die SEB-Chefin. „Denn zwei CEOs in der Familie, das geht nicht.“