03.08.2010 · New York verlangt Tempo, Ehrgeiz und Flexibilität. Dafür bietet die Metropole einiges. Wo sonst kann man Woody Allen über den Weg laufen? Teil 5 unserer Sommerserie über das Leben und Arbeiten in den Metropolen der Welt.
Von Roland LindnerSpaziergänge in New York sind etwas ganz Besonderes, findet Ann-Carolin Reimsbach. Die in der New Yorker Marketingabteilung des Industriekonzerns Siemens arbeitende Deutsche liebt es, die Straßen der Stadt entlangzuschlendern, denn man weiß nie, welche Berühmtheit man gerade erspähen kann. So wie an jenem Samstagabend vor ein paar Monaten, als ihr an der Upper East Side Woody Allen über den Weg lief. „Das war ein richtiger New-York-Moment“, schwärmt die 45 Jahre alte Reimsbach. Oft nutzt Reimsbach auch aus, dass Hollywood-Superstars am Broadway gastieren, so wie kürzlich, als sie Denzel Washington aus der ersten Reihe eines Theaters gesehen hat.
Die Siemens-Managerin ist freilich nicht nur wegen der berühmten Gesichter nach New York gekommen: Ein Auslandseinsatz hat sie schon seit langem gereizt. Reimsbach ist seit 25 Jahren bei Siemens, vor zehn Jahren machte sie schon einmal für ein paar Monate Station in Boston, und seither hat sie oft mit dem Gedanken gespielt, für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Ende 2008 tat sich eine freie Marketing-Position in der New Yorker Niederlassung auf. Reimsbach meldete Interesse an und bekam den Zuschlag. Im Januar 2009 kam sie in New York an, Schwerpunkte ihrer Aufgabe in der Siemens-Dependance sind interne Kommunikation und Werbung.
Wegen Belanglosigkeiten auf der Straße angesprochen werden
Reimsbach hatte das Glück, dass sie mit einigen ihrer neuen New Yorker Kollegen schon in vorherigen Positionen bei Siemens gearbeitet hatte. „Das hat den Start erleichtert, beruflich und auch privat.“ Mit einigen ihrer Kollegen trifft sie sich auch in der Freizeit, außerdem hat sie Kontakte über einen Marketingkurs geknüpft, den sie an der New York University belegt. In ihrem New Yorker Freundeskreis sind viele Amerikaner und kaum Deutsche.
Auch wenn sich Reimsbach heute gut integriert fühlt, musste sie sich an einige Eigenheiten der Amerikaner doch erst gewöhnen. Etwa, dass sie bei ihrer Standard-Grußformel „How are you?“ eine uneingeschränkt positive Antwort erwarten. Oder dass man ständig wegen Belanglosigkeiten auf der Straße angesprochen wird. „Da sagt dann auf einmal jemand, dass er meine Handtasche toll findet.“ Ihre Entsendung ist auf drei Jahre angelegt, ob sie eine Verlängerung anstrebt, weiß sie noch nicht. Auf die Dauer sieht sie sich aber doch eher in Deutschland: „Das ist einfach meine Heimat.“
Hohe Schlagzahl
Pola Bamberg kann sich dagegen eine Rückkehr nach Deutschland auf absehbare Zeit nicht vorstellen. Die 30 Jahre alte Tübingerin ist nicht nach New York entsandt worden, sondern auf eigene Faust hierhergekommen, oder besser gesagt: Sie ist hier hängengeblieben. Bamberg war im Jahr 2005 eigentlich nur zum Urlaub in New York, frisch nach Abschluss ihres Studiums für Industriedesign an einer Akademie im holländischen Eindhoven. Aus reiner Neugier schaute sie im Studio des Designers Dror Benshetrit vorbei. Bamberg plauderte ein paar Stunden mit dem Designer, am Ende bot er ihr einen Job an. So landete sie etwas unverhofft in New York und kümmerte sich in dem Studio unter anderem um den Vertrieb. Sie verkaufte zum Beispiel ein Design für eine Vase an den deutschen Porzellanhersteller Rosenthal.
2006 wechselte sie zu einer auf Immobilien spezialisierten Marketingagentur. Bei einem ihrer Projekte traf Bamberg den italienischen Designer Piero Lissoni, und der heuerte sie für ein neues Vorhaben an: eine in New York ansässige Firma mit dem Namen „By Lissoni“, die sich auf italienische Designkonzepte für Hotels und Wohnhäuser spezialisiert. Dazu gibt es Partnerschaften mit mehreren Dutzend italienischen Marken. Bambergs Aufgabe ist es, Bauträger als Kunden zu gewinnen.
In Deutschland wäre ihr Karriereweg so nicht möglich gewesen, meint Bamberg: „Wenn man hier in New York ehrgeizig ist und sich wirklich reinkniet, kann man es sehr schnell zu etwas bringen.“ In Deutschland seien die Strukturen starr, man müsse sich langsam hocharbeiten. Dagegen habe sie in New York innerhalb kürzester Zeit Verantwortung für Projekte bekommen, bei denen gewaltige Geldsummen auf dem Spiel standen. „Es ist kein Zufall, dass man hier auf viel jüngere Top-Manager trifft als in Deutschland.“
Bamberg mag das hohe Tempo in New York, sei es die Schlagzahl im Beruf oder die Hektik auf der Straße. „Wenn ich in Deutschland bin, kommt mir alles vor wie in Zeitlupe.“ Und doch vermisst sie bei Amerikanern manchmal Eigenschaften, die sie für deutsche Tugenden hält: Loyalität, Ehrlichkeit oder Organisiertheit. In ihrem letzten Job habe sie nach drei Jahren zu den Dienstältesten gehört: „Die Leute identifizieren sich hier nicht so mit ihrer Firma. Wenn sie ein besseres Angebot bekommen, sind sie weg.“
Trotzdem drängt es sie jenseits der jährlichen Heimreise zu Weihnachten nicht nach Deutschland zurück. Eher kann sie sich vorstellen, nach Asien zu gehen. Zunächst einmal plant sie aber ihre Zukunft in New York: Im September will sie heiraten, und dann vielleicht bald eine Eigentumswohnung in der Stadt kaufen.
Die meisten Kontakte über die Kinder
Anders als Bamberg oder Siemens-Managerin Reimsbach ist Matthias Hartmann mit Familie nach Amerika gezogen. Seine Frau und seine drei Kinder haben den Sprung sogar gleich zwei Mal gemacht: 2004 holte ihn der amerikanische Computer- und Beratungskonzern IBM in seine Zentrale im New Yorker Vorort Armonk. Die auf drei Jahre angelegte Entsendung war nach zehn Monaten abrupt zu Ende, als Hartmann in die deutsche Geschäftsführung von IBM bestellt wurde. Ende 2009 kam wieder ein Anruf aus Amerika mit dem Angebot, in New York die Verantwortung für die Strategie der Beratungssparte von IBM zu übernehmen.
Hartmann erzählt, dass die Reaktionen der Kinder, die heute zwölf, zehn und sieben Jahre alt sind, bei den beiden Entsendungen sehr unterschiedlich waren: „Beim ersten Mal gab es am Frühstückstisch noch ein lautes Hurra, beim zweiten Mal war schon viel mehr Überzeugungsarbeit notwendig. Die Kinder waren spontan erst einmal nicht begeistert, dass sie ihren Freundeskreis hinter sich lassen sollen.“ Aber am Ende siegte die berufliche Herausforderung. Außerdem seien seine Frau und er zuversichtlich gewesen, dass sich die Kinder mit der neuen Situation gut arrangieren würden. „Meine Tochter, die zuerst am lautesten protestiert hat, hat jetzt hier die meisten Freunde.“
Wegen der Kinder hat sich der 44 Jahre alte Hartmann nicht in der Innenstadt von New York niedergelassen, sondern wohnt im Vorort Larchmont, etwa 30 Minuten entfernt. Bei beiden Entsendungen gab es einige Hürden der amerikanischen Bürokratie zu überwinden, etwa bei der Beschaffung der für viele Zwecke benötigten Sozialversicherungsnummer. „Am Ende ist das aber nicht so dramatisch, und man muss im Kopf einfach etwas flexibel sein“, sagt Hartmann. Der IBM-Manager trifft sich oft mit anderen Deutschen, die nach New York entsandt worden sind, auch mit amerikanischen Kollegen hat er sich angefreundet. Die meisten Kontakte hat er aber über seine Kinder zu anderen Eltern geknüpft. Ihm ist positiv aufgefallen, dass Amerikaner oft mehr Kinder haben als Deutsche: „Das gehört hier scheinbar zum guten Ton. Ich kenne kaum eine Familie mit weniger als drei Kindern.“
In dieser Reihe sind schon erschienen: Peking, Moskau, Abu Dhabi und Tokio. In den kommenden Wochen erscheinen: Johannesburg, Buenos Aires und Singapur.