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Samstag, 11. Februar 2012
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Serie „Versetzt nach...“ Eine heiße Nudelsuppe als Lockmittel

06.07.2010 ·  Wie lebt es sich in den Metropolen dieser Welt? Wie gestaltet sich der Alltag von Berufstätigen fernab der Heimat? Im ersten Teil unserer neuen Sommerserie „Versetzt nach ...“ berichten drei Deutsche aus Peking.

Von Christian Geinitz
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Karl-Heinz Schell macht aus der Not eine Tugend und ein Wortspiel. „Es ist doch toll, wenn man die Botschaft in der Botschaft hört“, sagt der Pfarrer der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Peking. Statt in einer Kirche hält Schell seine Gottesdienste in der deutschen Vertretung. Denn in China dürfen Ausländer ihre Religion zwar ausüben, aber weder Gotteshäuser unterhalten noch vor Einheimischen predigen. Wie schwer sich das Land mit der Glaubensfreiheit tut, erfuhr Schell schon vor seiner Ankunft. Eigentlich hätte er den Dienst 2007 antreten sollen, doch verzögerte sich die Versetzung um ein Jahr. Die Chinesen wollten ihn nicht als Pfarrer einreisen lassen, weshalb er schließlich als Religionslehrer der deutschen Schule ins Land kam. „Aus chinesischer Sicht bin ich hauptberuflich Lehrer und im Hobby Pfarrer“, sagt der Fünfzigjährige.

Etwas Gutes hatte die Verzögerung, Schell, der zuvor schon etwas Japanisch konnte, nahm sich die Zeit zum Chinesischlernen. In seiner Wohnung hängt eine Kreuz-Batik aus Yunnan, deren Schriftzeichen er mühelos übersetzt: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ Damit Schell diesem Wahlspruch aus Joshua 24:15 in China nachkommen kann, hat ihn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als Kirchenbeamten auf Zeit ins Ausland versetzt. Seine Stellung als Pfarrer auf Lebenszeit in Hessen-Nassau ruht in diesen sechs Jahren, danach kann er zurückkehren. Das Gehalt bezieht Schell aus Deutschland, alle weiteren Kosten muss die Pekinger Gemeinde aufbringen. Im Gegensatz zu anderen Entsandten erhält Schell keine Auslandszuschläge und nur einen Heimflug in sechs Jahren. Dafür wohnt er mietfrei.

Es waren nicht Geld- oder Karriereinteressen, die den Westerwälder ins Ausland zogen, eher die Unruhe, weite Landstriche der Welt nicht zu kennen. Teile des Studiums verbrachte Schell in Florida und in Bangalore, seine Dissertation schrieb er in Japan. In jener Zeit heiratete er, doch die Ehe ging später in die Brüche. „Das hatte nichts mit dem Ausland zu tun. Aber wer mit einer kriselnden Beziehung ausreist, kann sie draußen nicht kitten“, weiß Schell. „Die meisten hier arbeiten zu viel, sehen die Familien zu wenig, und das in fremder Umgebung.“ Er selbst beschreibt seine Zeit als „erfüllt und keineswegs einsam“. Und doch schätzt er in der 16-Millionen-Stadt seine Wohnung als Ort der Ruhe. Dort oder in seiner texanischen Lieblingskneipe spielt er gerne Westerngitarre. Beruflich genießt er seine junge Gemeinde, auch wenn er die hohe Fluktuation bedauert. „In Deutschland gehen die Pfarrer, und die Gemeinde bleibt - hier ist es andersherum.“

Das Kindermädchen führt den Haushalt

Während Schell ohne Familie in China zu Hause ist, kümmert sich Corinne Abele neben dem Beruf um ihre beiden Söhne. Die Dreiundvierzigjährige arbeitet seit sechs Jahren als Korrespondentin der deutschen Außenwirtschaftsförderung in Peking. Abeles Aufgabe ist es, Branchenübersichten und Wirtschaftsanalysen zu schreiben, etwa über die chinesische Energiebranche. Da ihr Mann nie mit ihr im Ausland gelebt hat, zieht Abele ihre vier und acht Jahre alten Kinder alleine groß. „Alles hat seinen Preis“, sagt sie. „Andererseits ist es hier einfacher als zu Hause, Job und Erziehung in Einklang zu bringen.“

Ein Kindermädchen, das den Haushalt führt, hält der Vollzeitberufstätigen den Rücken frei. Tagsüber gehen die Brüder in einen internationalen Kindergarten und eine ebensolche Schule, der Arbeitgeber beteiligt sich an den Kosten. Die Jungs werden mit Deutsch, Englisch und Chinesisch groß, doch hat diese Vielsprachigkeit auch Schattenseiten. Der Vierjährige mischt manche Ausdrücke, der Größere tut sich mit der Rechtschreibung schwer. „Aber sie wissen klar, wo sie hingehören, und feuern bei der Fußball-WM Deutschland an“, sagt ihre Mutter.

Wie bei allen Heimkehrern dürfte die geplante Rückreise in zwei Jahren nicht ganz leicht werden. Der dann Zehnjährige muss sich in das fremde deutsche Schulsystem einfügen, ihn weiter auf eine internationale Schule zu schicken wäre unerschwinglich. Doch die Rückkehr biete auch Vorteile, sagt Abele. So übersteige die Luftbelastung in Peking die europäischen Werte um ein Vielfaches, gute Lebensmittel seien oft nur über teure Fachhändler zu bekommen. Jeder Weg in der riesigen Stadt sei wie eine Reise. „Man braucht doppelt so viel Energie wie in Europa.“ Das gelte auch für die tägliche Arbeit, das Recherchieren. Viele Gesprächspartner seien uniformiert, dürften oder wollten sich nicht äußern, Daten seien oft unzugänglich oder widersprüchlich.

Von ihrer Ausbildung her ist Abele wie gemacht für den Auslandseinsatz. Sie absolvierte ein journalistisches Volontariat, studierte Volkswirtschaft und Osteuropäische Geschichte mit Russisch und kam 1990 zum ersten Mal nach China. Drei Winterwochen lang wohnte sie bei einer Freundin in der Kohlenmetropole Taiyuan. „Mein erster Eindruck war, dass ich noch nie so gefroren habe wie dort. Es gab keine Heizung, ich habe praktisch im Schlafsack gelebt“, sagt sie. „Aber die Leute waren wahnsinnig nett und haben mich mit heißer Nudelsuppe versorgt. Das Land hat mich seitdem nicht losgelassen.“ Zurück in Deutschland, fand Abele ein Stipendium, um ein Jahr lang in Nanking Chinesisch zu studieren. Derart qualifiziert, nahm die Bundesagentur für Außenwirtschaft die junge Frau gerne.

„Vieles erinnert mich an New York“

Eine Handvoll Stationen hat auch Stephan Interthal schon hinter sich, der neue Generaldirektor des Kempinski-Hotels in Peking. Zuvor war er in vier Häusern der Kette tätig, darunter in Budapest. Interthal, der sich selbst als „Nomade seines Berufs“ bezeichnet, entspricht eher als Schell oder Abele dem Bild eines klassischen „Expats“: Ihn haben weniger das Interesse an China oder das Fernweh getrieben als die verheißungsvolle Laufbahn in einem internationalen Konzern. Als sein Vorgänger überraschend starb, wurde er gebeten, den Pekinger Posten zu übernehmen. Er kannte die Stadt nur von Besuchen und war über ihre Fortschrittlichkeit erstaunt. „Vor zehn Jahren gab es hier mehr Fahrräder als Autos, seitdem ist kein Stein auf dem anderen geblieben“, sagt er fast schwärmerisch. „Vieles erinnert mich an New York.“

Die Versetzung war für den Dreiundfünfzigjährigen ein Aufstieg in quantitativer Hinsicht. Mit 1100 Mitarbeitern, 530 Zimmern, 170 Appartements, 150 Büros, 42 Geschäften und acht Restaurants ist das Haus das größte Kempinski-Hotel der Welt. Dagegen wirkte seine bisherige Arbeitsstätte mit 380 Zimmern bescheiden, hatte aber den klangvolleren Namen: Hotel Adlon, Berlin. „Das Adlon ist das Flaggschiff, danach kann für einen Hoteldirektor so schnell nichts kommen“, sagt Interthal, „außer eben Peking.“ Seine Kinder sind erwachsen und in Deutschland berufstätig, vom Wechsel überzeugen musste er nur seine Frau. Ihre Bedingung war, endlich ein festes Heim zu schaffen, weshalb sich das Paar ein Bauernhaus in Niedersachsen ausbaute. Seine Frau verbringt weite Teile des heißen Pekinger Sommers in der alten Heimat, er selbst sucht Zerstreuung beim Golfspielen und in gelegentlichen Fahrradtouren. „Es ist wichtig, immer den Schlüssel in der Tasche zu haben, der zu einem passt“, sagt Interthal.

In der Reihe „Versetzt nach...“ erscheinen in den kommenden Wochen: Moskau, Abu Dhabi, Tokio, New York, Johannesburg, Buenos Aires und Singapur.

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