22.07.2010 · Abu Dhabi zieht Ausländer aus der Energieindustrie an. Es lockt mit Dauersonnenschein. Einigen Expats ist die Stadt jedoch zu glatt. Teil 3 unserer Sommerserie.
Von Rainer HermannAbu Dhabi ist für Gerhard Haase die vierte Auslandsstation - nach Muscat (Oman), Calgary (Kanada) und zuletzt neun Jahren Buenos Aires (Argentinien). Zurück auf der Arabischen Halbinsel reizt den Geologen zu sehen, wie beständig das auf Sand gebaute Fundament der neuen Glitzerwelt am Golf ist. Noch mehr interessiert ihn, was sich unter dem Boden befindet. Denn Gerhard Haase ist in der Öl- und Gasindustrie tätig. Erst bei Shell, dann wechselte er im Jahr 1990 zu Wintershall, einer Tochtergesellschaft der BASF, und kehrte zwischenzeitlich in das Deutschland zurück, das die Wiedervereinigung feierte.
Die Mauer gab es nicht mehr, das Internet noch nicht. Alles war weiter entfernt als heute. Zwei der drei Kinder des Bremers und seiner Frau aus Wiesbaden kamen in Oman auf die Welt. Nach Deutschland kehrte er auch zurück, um den Kindern die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur zu vermitteln. „Als Auslandsdeutscher weiß ich zu schätzen, was es heißt, eine Heimat zu haben“, betont Haase. Das könne man sogar besser, wenn man von außen beobachte, was zu Hause geschehe. Heute ist Haase mehrmals im Jahr in Deutschland. „Es ist nicht mehr wie früher, dass man in einem Land saß und sich ein Jahr lang auf Deutschland gefreut hat.“
Gerhard Haase lebt in einem reichen Land: in den Vereinigten Arabischen Emiraten und deren Hauptstadt Abu Dhabi. Ein Zehntel aller bekannten Ölreserven liegen unter dem Boden des Emirats Abu Dhabi, und die Staatsfonds des Emirats sind die größten auf der Welt. Vor einem halben Jahrhundert lebten in Abu Dhabi 5000 Einwohner, heute sind es 1,2 Millionen. Von ihnen sind 90 Prozent keine Emiratis. Petrodollars haben der Stadt zu mehr als nur einem Quantensprung verholfen.
Für die Energie nach Abu Dhabi
Die Energie hat auch die Hamburgerin Nina Alsen nach Abu Dhabi gebracht. Im Oktober 2009 kam sie nicht des Erdöls und Erdgases wegen, sondern weil sich Abu Dhabi gegen Konkurrenten, unter ihnen Bonn, als Sitz für die „Internationale Agentur für erneuerbare Energien“ (Irena) durchgesetzt hatte. Das Bundesumweltministerium ordnete sie zunächst für drei Monate nach Abu Dhabi ab, nun hat sie direkt mit Irena einen Dreijahresvertrag. Im Hauptquartier von Irena entwickelt sie die institutionellen Strukturen der jungen Organisation, Mechanismen für die Kommunikation mit den Mitgliedsstaaten, Geschäftsordnungen für die Jahres- und Halbjahrestreffen.
Die Arbeit in dem Hochhaus mit Blick auf die Corniche lässt ihr nicht viel Zeit. Häufig arbeitet Nina Alsen auch an Wochenenden, also freitags und samstags. Die letzten Wochenenden hatte sie damit zugebracht, bei Ikea ihre Wohnungseinrichtung einzukaufen. Draußen steigt das Thermometer schnell über 40 Grad. Gut ertrage sie die Hitze, sagt sie. Bäume, deren Blätter grün sind und nicht verstaubt, vermisst sie aber, ebenso grüne Wiesen, in denen es auch mal etwas Unkraut geben darf. In ein paar Tagen wird sie das alles wieder genießen, wenn sie zu ihrem ersten Sommerurlaub aufbricht.
Junges Team
Einsam fühlt sich Nina Alsen in Abu Dhabi nicht. Das Team von Irena ist jung, Frauen stellen die Hälfte. Ja, wie oft hört sie die Frage, ob Frauen in Abu Dhabi überhaupt leben und arbeiten könnten. „Ich ziehe mich hier an und ich bewege mich wie in Deutschland“, sagt sie. In der Öffentlichkeit werde sie nicht belästigt, trotz ihres westlichen Aussehens und ihrer blonden Haare, und sie genießt es, an den Stränden mitten in der Stadt hinaus ins Meer zu schwimmen.
Eher durch Zufall hat es den Arzt Richard Stangier nach Abu Dhabi verschlagen. In der „Ärzte-Zeitung“ hatte er im März 2008 eine Anzeige für eine Stelle in dem neuen „German Medical Center“ gesehen, das in Abu Dhabi gegründet werden sollte. Es entsprach genau seinem Leistungsprofil. Ende April hatten sich der Arzt aus Betzdorf im Siegerland und seine Frau Ayten, eine Deutsche türkischer Herkunft, für den Umzug entschieden. Ein Wermutstropfen blieb, dass seine als Unternehmerin tätige Frau drei pädagogische Betriebe nun aus der Ferne zu betreuen hat.
Schlechte Aussichten für Familien und Bildung
Das Ehepaar drängte ins Ausland. Zunehmend trüb sah Richard Stangier die Zukunftsaussichten Deutschlands. Ein Jahrzehnt hatte ihn das Thema umgetrieben, und er war zum Schluss gekommen, dass es der Gesellschaft an Nachhaltigkeit fehle, dass es zu wenig Familienfreundlichkeit gebe und einen unzureichenden Bildungsanspruch. Im Gesundheitswesen wollte er nicht länger zusehen, wie die unbestrittenen Probleme allein durch Reglementierung und bürokratische Eingriffe geregelt werden.
„Der Mut für einen grundlegenden Systemwechsel fehlt“, klagt Stangier. Mit der Einschränkung der ärztlichen Tätigkeit wollte er sich nicht länger abfinden. Deshalb wollte er ins Ausland. Um mehr Freiheit für die Therapie zu haben, und auch, um seinen Kindern Vorbild zu sein, nicht nur zu kritisieren, sondern mit Aufgeschlossenheit und Flexibilität einen großen Schritt zu wagen.
Vorfahren waren Walfänger
Wintershall-Manager Gerhard Haase war diese Fernsucht schon in die Wiege gelegt. Vorfahren waren als Walfänger in die Südsee gefahren, und als Kind zog er aus der elterlichen Bibliothek am liebsten die Bücher über weit entfernte Länder, Lexika, schwer wie Stein, aus dem frühen 19. Jahrhundert, mit Handzeichnungen von Stämmen, Tieren und Landschaften. Afrika und das Humboldtsche Südamerika faszinierten den Jungen, der später Geowissenschaften als Studienfach wählte, um möglichst viel über die Erde zu erfahren. Vor dem Studium war er mit einem Forschungsschiff nach Labrador und Grönland gefahren, er studierte in Clausthal und San Diego, nahm ein Angebot zur Polarforschung beim Alfred-Wegener-Institut im Bremerhaven an, beteiligte sich an zwei Antarktis-Expeditionen.
Auch Nina Alsen erkundete früh die Welt jenseits von Deutschland. Sie studierte in Hamburg und Berlin, aber auch in Frankreich und den Niederlanden Geschichte und politische Wissenschaften mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen. Das wendet sie heute an. „Irena ist wie eine kleine Version der Vereinten Nationen“, sagt sie. Aus 26 Nationen stammen die bislang 38 Beschäftigten. In zwei Jahren sollen es mehr als 150 Beschäftigte sein. Sie kommen wie Nina Alsen aus Deutschland und wie die Direktorin Hélène Pelosse aus Frankreich, aus dem Libanon und aus Südafrika, aus der Ukraine und aus Niger. Zuvor hatte Alsen in Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin für den Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer gearbeitet, der als treibende Kraft hinter Irena gilt.
Strategie gegen Diabetis
Für den Arzt Richard Stangier haben sich in Abu Dhabi seine beruflichen Erwartungen erfüllt. „Hier habe ich, was ich in Deutschland nicht mehr hatte“, sagt er. Eine Herausforderung für ihn als Diabetologen ist, dass die Menschen in den Vereinigten Arabischen Emiraten vergleichsweise oft an Diabetes 2 leiden. Die Erkrankungsrate ist dreimal so hoch wie in Deutschland. Dagegen eine Strategie zu entwickeln, gehört auch zu seinen Aufgaben. Nur über die nicht unerhebliche Bürokratie der lokalen Gesundheitsbehörden klagt er.
Aufgewogen wird sie durch das faszinierende Leben mit so vielen Menschen vielfältiger Herkunft. Alle drei Expats fasziniert gleichermaßen, wie in Abu Dhabi Menschen aus mehr als hundert Nationen auf engstem Raum zusammenleben, in einem nur scheinbaren Chaos, sehr diszipliniert, jeder tolerant. Seinen westlichen Lebensstil musste Richard Stangier nicht ändern, und ihm gefällt, dass jeden Tag die Sonne scheint und er nie in einen grau-düsteren Novemberhimmel blicken muss. Nur vermisst er, dass er sich nicht mehr in der Natur und im Wald bewegen kann. Nina Alsen findet die schnell gewachsene Stadt etwas gesichtslos. „In Marokko atmet man viele Gerüche ein, hier ist aber alles so blitzsauber.“ Alles fließt, geht reibungslos seinen Gang. „Wie war Berlin dagegen doch chaotisch!“
„Wo man singt, da lass dich nieder“, sagt Gerhard Haase. Das Klavier in seinem Wohnzimmer erklingt bereits auf dem vierten Kontinent. Über Musik finde man überall interessante Menschen, Sprachprobleme gebe es keine. Gleich wird ein indischer Lehrer und Pianist aus Darjeeling kommen, und sie werden Sonaten musizieren. Kennengelernt hatten sie sich bei einem Konzert der New Yorker Philharmoniker in Abu Dhabi. Die Konzertreihe „Abu Dhabi Classics“ bringt alle paar Wochen die besten Orchester in das Emirat, sie ist Teil der Glitzerwelt. Allein hebt sie Abu Dhabi nicht in den Status einer Metropole. Dorthin aber strebt das Emirat und bietet den Expats aus aller Welt mehr und mehr. Über allem aber steht, dass seine petrodollargetriebe Wirtschaft unvermindert boomt.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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