31.10.2008 · Motiviert, innovativ, risikobereit: Gründer haben ein positives Image. Doch wer zurück in eine feste Anstellung will, muss oft gegen Vorurteile kämpfen. In manchen Personalabteilungen gelten einstige Selbständige als gescheitert oder nicht teamfähig.
Von Isa HoffingerManchmal ist Angriff die beste Verteidigung. Etwa dann, wenn man zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, das sich zu einem Kreuzverhör entwickelt. Anke Rohn-Maas ist 41 Jahre alt, und sie hat einige solcher Situationen erlebt - und sich erfolgreich gegen die verbalen Attacken gewehrt. Nach zwei Jahren als selbständige Personalberaterin bewarb sie sich um feste Stellen im öffentlichen Dienst. Obwohl man sie offenbar für qualifiziert hielt, erntete sie in vielen Gesprächen skeptische Blicke und musste sich rechtfertigen. "Mir wurde unterstellt, ich hätte nicht genug Aufträge und würde mir deshalb einen neuen Job suchen", sagt sie heute. "Selbständigkeit, das klingt nach Tatkraft und Selbstbestimmung. Sein Unternehmen aufgeben, das klingt nach Resignation und Scheitern."
Dabei hat Anke Rohn-Maas sich nur aus privaten Gründen für den Wechsel in eine Festanstellung entschieden. "Mein Mann und ich waren früher beide selbständig und viel auf Reisen. Als wir uns irgendwann nur noch in Hotelzimmern trafen, wollte ich an meinen Lebensumständen etwas ändern", berichtet sie. "Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich als Angestellte in einer Führungsposition mehr bewegen kann. Als Selbständige habe ich projektbezogen gearbeitet und konnte Veränderungsprozesse nicht langfristig begleiten." Ihrem neuen Arbeitgeber, einem mittelständischen Unternehmen, konnte sie ihre Beweggründe glaubhaft vermitteln. Doch nicht vielen Selbständigen gelingt das so gut wie ihr.
Unternehmer haben ein positives Image
Wer sich selbständig machen will, bekommt finanzielle Förderungen und wird von Außenstehenden in der Regel zu dem durchaus riskanten Schritt ermutigt. Denn Unternehmer haben ein positives Image: Existenzgründungen gelten als Indikator für wirtschaftliches Wachstum, schaffen neue Arbeitsplätze und sichern die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften. Wer dagegen für sich beschließt, dass die Selbständigkeit doch nicht die geeignete Lebensform ist, muss mit Gegenwind rechnen. "Wer eine Weile sein eigener Chef war, sammelt wertvolle Erfahrungen. Doch manche Firmen sehen das nicht. Sie betrachten Selbständige, die sich um Jobs bewerben, als Verlierer", sagt Anke Rohn-Maas.
Die Grafikdesignerin Eva Stolz beispielsweise arbeitete nach ihrem Examen als freie Mitarbeiterin für verschiedene Auftraggeber. Als sie sich um feste Stellen bewarb, bekam sie zu hören, man wolle lieber jemanden "mit mehr Berufserfahrung", der schon fest angestellt sei und die Strukturen in Unternehmen besser kenne. "Gerade für Freiberufler ist ein lückenloser Nachweis der getätigten Projekte wichtig", sagt deshalb Frank Schabel vom Personaldienstleister Hays. Außerdem müssten Selbständige ihre sozialen Kompetenzen besonders unterstreichen. Denn wer ein paar Jahre "von Beruf frei" war, dem eilt in den Personalabteilungen oft der Ruf voraus, nicht teamfähig zu sein oder sich nicht in hierarchische Strukturen einfügen zu können - ein Vorwurf, der sich nur schwer entkräften lässt, wenn man gar nicht erst die Möglichkeit bekommt, das Gegenteil zu beweisen.
Dass ehemalige Existenzgründer auch Vorteile auf der Suche nach einem neuen Job haben können, glaubt dagegen Andreas Lutz. Der promovierte Betriebswirtschaftler hat sich vor ein paar Jahren als Gründungsberater selbständig gemacht. "Selbständige müssen besser netzwerken als andere Arbeitnehmer. Wer viele Kontakte pflegt, erhöht seine Chancen, von freien Jobs zu erfahren", argumentiert er. Warum das so ist, lässt sich gut nachvollziehen: Menschen, die ihr Schicksal nicht dem Zufall überlassen, sondern aktiv werden, gewinnen Selbstvertrauen. Das wiederum kann besonders gut gebrauchen, wer gegen Vorurteile kämpfen muss.
Weit in der Defensive
Weit in die Defensive rutscht nach der Einschätzung von Anke Rohn-Maas zum Beispiel, wer im Auswahlverfahren den Eindruck hinterlässt, aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus zu handeln. "Selbständige haben bessere Karten, wenn sie schon in der Bewerbung erklären, dass sie zwar mit ihrer Situation zufrieden sind, sich aber wegen der spannenden neuen Aufgaben oder aus persönlichen Gründen die entsprechende Stelle wünschen", sagt sie.
Genau das ist allerdings oft leichter gesagt als getan. Denn die meisten Existenzgründer schlittern mangels Alternativen in die Selbständigkeit. Nach dem "Gründerreport 2008" des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) waren im vergangenen Jahr 60 Prozent aller Gründungsinteressierten erwerbslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht. Wer vorübergehend gegen seinen eigenen Willen selbständig war und nach einer gewissen Zeit wieder eine feste Stelle sucht, gerät verständlicherweise in Erklärungsnot. Wie soll man, wenn man nie sein eigener Chef werden wollte, vernünftig begründen können, warum der Weg in die Selbständigkeit eine erfolgreiche Weiterentwicklung war?
Geisteswissenschaftler haben es schwer
Schwer haben es auch viele Absolventen geisteswissenschaftlicher oder kreativer Studiengänge. Sie müssen häufig als Freiberufler ins Arbeitsleben starten, weil es in den einschlägigen Branchen schlicht zu wenige feste Jobs gibt. Die Kompetenzen, die sie dadurch erwerben, werden nicht in allen Unternehmen anerkannt. Dazu kommt, dass die meisten freiwillig Selbständigen mit ihrer Arbeit eigentlich glücklich sind. Nur ein Drittel der Gründer jedenfalls gibt nach dem "Gründungsmonitor 2008" der KfW-Bankengruppe schon in den ersten drei Jahren wieder auf.
Die Vorbehalte gegenüber denjenigen, die sich irgendwann gegen die Unabhängigkeit entscheiden, haben nicht nur für die abgelehnten Bewerber selbst negative Folgen, sondern auch für die gesamte Wirtschaft: Aus Angst, in eine Sackgasse zu geraten, verzichten nämlich viele Menschen auf eine Existenzgründung. Das glaubt zumindest die ehemalige Unternehmerin Anne Koark. Tatsächlich ist die Zahl der Gründungen zuletzt zurückgegangen. Arbeitsmarktexperten erklären die Gründungsflaute mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre und den restriktiveren Förderbedingungen der Arbeitsagentur, die seit der Einführung des Gründungszuschusses genauer prüft, wer Geld bekommt und wer nicht.
„Insolvent und trotzdem erfolgreich“
Anne Koark ist da anderer Meinung. "In den Biographien von Amerikanern wechseln sich Phasen der Selbständigkeit und Phasen der festen Beschäftigung häufiger ab als bei Menschen in Deutschland", sagt die gebürtige Engländerin, die seit 1985 in Deutschland lebt und arbeitet. "Hier fehlt das Verständnis dafür, dass sich beide Beschäftigungsformen in einem Werdegang gut ergänzen können." Dass manche Menschen nicht bereit seien, das Risiko einer Gründung einzugehen, wenn sie befürchten müssten, für immer auf die Unternehmerrolle festgelegt zu werden, sei kein Wunder.
Mit ihrem eigenen Unternehmen hatte Anne Koark kein Glück, im Jahr 2003 musste sie Insolvenz anmelden. Danach schrieb sie ein Buch mit dem Titel "Insolvent und trotzdem erfolgreich". Seither kämpft sie gegen die Stigmatisierung von Gründern, die aufgeben mussten. "Es wird Zeit, dass ein Umdenken stattfindet", sagt sie. "Auch gescheiterte Unternehmer verdienen eine zweite Chance."
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