08.04.2007 · „Second Life“ ist ein Spiel, sagen manche Unternehmen. Die Zukunft der Arbeit, prophezeien andere. Doch kann ein Avatar Headhunter sein? Die einen probieren es mal. Die anderen schauen zu. Höchst interessiert.
Von Thomas ReinholdNewbie Job / 2 Plakatwerber gesucht. Einfache Tätigkeit im Bereich der Laufwerbung. Erwartet werden Freundlichkeit, Loyalität, Zuverlässigkeit. Bei guter Arbeit weitere Ausbildung zum Landmakler. Gehalt: 50 Linden-Dollar pro Tag.“ – „Greeter und Portier für Luxus-Resort. Gesucht werden zuverlässige Residents, die auf einem SIM Besucher empfangen . . . ganz wie man es von First-Class-Hotels kennt. Voraussetzung: fließende Englisch-Kenntnisse, ein halbwegs netter Avatar, Erfahrung mit Transaktionen in SL; ihr solltet schon ein paar Monate alt sein für diesen Job. Gehalt je Stunde 275 Linden-Dollar. Wenn durch eure nette Beratung eine Insel vermietet wird, bekommt ihr einen Bonus von 1000 Linden-Dollar.“ So lesen sich Angebote auf dem virtuellen Arbeitsmarkt in „Second Life“ (SL). Noch sind es Mini-Jobs, die sich in wachsender Zahl im Internet recherchieren lassen. Aber längst winkt Fachleuten mit technischem Verständnis Geld ganz wie im echten Leben: „Wir suchen einen Graphiker, der anhand von Profil- und Frontfotos Avatargesichter modelliert/texturiert. Je nach Qualität und Wiedererkennbarkeit zahlen wir bis zu 200 Euro.“ Ist das ein Teil der Zukunft?
Johanna Füllgraf, Leiterin der Wiesbadener Personalagentur Advaluemedia und Spezialistin für elektronisches Recruiting, hat Firmenkunden schon mal vorgeschlagen, sie könnten ihre Fachkräfte auf einer virtuellen Jobbörse in SL suchen. Sie blickte in fragende Gesichter: „Was, keine Zeitungsannonce?“ Das war die Zeit, als Unternehmen nur auf die aktiv Suchenden zugehen mussten. Heute suchen sie wieder händeringend gute Leute, und Personalprofis brauchen jede Fantasie, um die auch zu finden. Aber das heißt nicht, dass sie auf jeden Zug mit bunten Waggons aufspringen. Auch Füllgraf nicht. „Der Erklärungsbedarf fürs Internet ist noch immer riesig. Von Second Life gar nicht erst zu reden.“
„Streuverlust zu groß“
Fach- und Führungskräfte seien oft nicht aktiv auf der Suche nach einer neuen Stelle – und deshalb schwer auszumachen. Füllgraf vermutet sie vor allem nicht in SL: „Dort ist der Streuverlust zu groß.“ Stattdessen fahndet die Beraterin etwa in Stellenportalen im Internet oder in Netzwerken, in denen latent wechselbereite Manager aus einem Bauchgefühl heraus ihren Lebenslauf hinterlassen. Dann erwirbt sie eine Lizenz beim Betreiber der Website und schreibt denen, die zu einem Anforderungsprofil passen, eine E-Mail, um sie für einen neuen Arbeitgeber wachzurütteln. „In Second Life kann ich vielleicht junge Leute ansprechen, Hochschulabsolventen“, sagt Füllgraf, „aber der Gestandene mit Berufserfahrung wird das kaum nutzen.“ Obwohl sie dafür wirbt, bei der Personalsuche „den Filter zu öffnen und crossmedial zu arbeiten“, sieht sie in SL „kein Basismedium“.
Diese Zurückhaltung teilt auch Michael Peterson, Internetexperte und Mitglied der Geschäftsleitung der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. Er sieht SL als eines von vielen Kontaktnetzwerken, „doch dort werden in absehbarer Zeit nicht massenhaft Karrieren entstehen. Und dort werden momentan auch noch keine großen Firmen gegründet“, sagt er. In SL sei in der Regel der Bevölkerungsquerschnitt zu finden, „aber es lassen sich nicht gezielt die High Potentials ansprechen, die in unserer Zielgruppe sind“. Zwar rät Peterson Kunden, sie dürften „am Markt nichts verpassen“, glaubt aber, sie interessierten sich „weniger fürs Recruiting im dreidimensionalen Web 3D als für Geschäfte im interaktiven Web 2.0“.
Als Kommunikationskanal längst etabliert
Ein paar Schritte weiter ist die Management- und Technologieberatung PA Consulting. Claus Nehmzow ist sicher, Second Life habe sich als Kommunikationskanal längst etabliert, und auch für Karrieren in und durch Second Life sehe man erste Ansätze. „Ich habe ‚in world‘ an unserer SL-Repräsentanz einen Menschen kennengelernt, der gern reden wollte. Ich habe ihn in unser Auditorium geflogen und ihm die Firma vorgestellt. Später stellte sich heraus, er hatte sich in unserem Dubliner Büro beworben – eine interessante Vorbereitung auf den Vorstellungstermin.“
Kürzlich habe PA Consulting eine Personalmesse in SL veranstaltet – „400 Meter über unserem Büro, auf einer hübschen Insel mit Bäumen“. Avatare von 15 Studenten bekamen eine Audio-Präsentation. Die wurde gesteuert aus dem PA-Büro in London, Nehmzow nahm von zu Hause aus teil – „und wir alle konnten Fragen stellen, eine gemeinsame Erfahrung in Echtzeit“, schwärmt er.
An den globalen Arbeitsmarkt ausgelagert
Der „Greeter“ übrigens, wie die Empfangs-Hilfskraft im Jargon genannt wird, habe mit 350 Linden-Dollar „einen recht verträglichen Stundenlohn“ erhalten. In Deutschland seien umgerechnet 1,20 Dollar zwar wenig, nicht aber in Brasilien oder auf den Philippinen. PA Consulting wisse nicht, wer sich hinter dem Avatar verberge, doch so oder so erfülle er eine nützliche Aufgabe: „Wir haben unseren First-Level-Support an den globalen Arbeitsmarkt ausgelagert.“ Freie Mitarbeiter seien für die Versteuerung ihres Einkommens selbst verantwortlich. Nehmzow beschreibt SL als „eine Zone, die zum Glück noch nicht mit Juristen durchsetzt ist. Es gibt keine Verträge in der Personalabteilung, das ist alles eher wie im Wilden Westen.“
Diese unbändige Gründerkraft entfalte sich auch bei denen, die sonst beruflich kaum vorankämen. Sein Unternehmen habe einen Schwerstbehinderten angestellt, der geschützt sei durch die Anonymität, allein wegen seiner Reputation in der Community. „Der kann im echten Leben fast nichts mehr machen, aber für uns leistet er phantastische Arbeit beim Bauen.“ Nehmzow sagt Chancen auch für die alternde Gesellschaft voraus, etwa für den Ingenieur, der nicht mehr regelmäßig zur Pipeline nach Alaska fliegen kann, der sein Knowhow aber „spielend von Mallorca aus in zwei Stunden am Breitbandnetz“ einsetzt. Weil schließlich nach gängiger Erwartung die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen werden und Eigeninitiative als prägend für die künftige Netzwerkökonomie angesehen wird, könnte eine ganz neue Motivation entstehen, sich in virtuellen Welten zu tummeln. „Eine von unseren Greetern hat wegen ihrer Erfahrungen einen Job im ,First life‘ gefunden.“ Nehmzow spüre noch die Skepsis nach der Dot-Com-Blase. Aber das Internet nehme gerade eine neue Richtung. Selbst wenn der SL-Betreiber Linden Lab morgen am Ende wäre, „selbst wenn wir alles wegschmeißen und bei Google oder Microsoft weitermachen müssen, wäre die Erfahrung nicht verloren“.
„Nicht die zweite Revolution im Internet“
Der Medienwissenschaftler Eike Wenzel, Chefredakteur des von Matthias Horx gegründeten Zukunftsinstituts, relativiert das. Beobachten: unbedingt. Zu viel erwarten: auf keinen Fall. „Wir werden mit Second Life definitiv nicht die zweite Revolution im Internet erleben.“ Es werde auf dem Niveau des Spiels bleiben. Spielen heiße nicht mehr als „Probehandeln wie auf einer Bühne, ohne Konsequenzen“ – auch nicht für das Arbeitsleben.
Dem widerspricht Professor Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro. „Es gibt schon Designer und Programmierer, die in Second Life ihre Geschäfte machen. Theoretisch ist ihr Markt unendlich groß und nicht erschlossen.“ Für wesentlich hält er, dass das Einkommen der Akteure transferierbar ist, SL sei nur eine Schnittstelle ins echte Leben. Hier wie da veränderten sich ganze Berufsfelder: Marketing und Vertrieb, Kreation und Produktion. Nach dem Outsourcing, einem Verfahren zwischen Unternehmen, komme nun das Crowd-Sourcing, sagen unisono Wippermann und der Berater Nehmzow voraus: In dem Prozess zwischen Unternehmen und der Masse werden Konsumenten aktiver Teil der Wertschöpfungskette. SL sei „von der Ästhetik her ein Trauerspiel“, sagt der Trendforscher, „aber die Rohheit zeigt, was noch möglich ist. Es wird sicherlich jeder Job aus dem echten Leben in Second Life entstehen.“
Hoffnung auf Imagetransfer
Offenbar arbeiten viele daran. Der Beratungsbedarf der Unternehmen sei gewachsen, sagt Thomas Schildhauer, Professor für Electronic Business an der Universität der Künste Berlin (UdK): „14.000 aktive Unternehmen in Second Life, das ist schon ein Wort.“ Immer öfter werde nach Studenten oder Absolventen gefragt, die helfen sollen, eine Marke in die virtuelle Welt zu übertragen. Wegen des Interesses an digitalen Welten gründen UdK und die Universität St. Gallen gerade ein gemeinsames Forschungszentrum. „Wir wollen Substanz gewinnen im Umgang mit dem Kommunikationsmedium“, sagt Schildhauer.
Für Udo Völke, Deutschland-Geschäftsführer der amerikanischen Beratungsgesellschaft TMP, hat Substanz im Geschäftsleben auch mit Authentizität zu tun. An Second Life störe ihn deshalb, „dass man noch nicht mit normalem Namen reinkann“. Vorne dabei sein will er trotzdem. TMP hat Kunden wie Bertelsmann, SAP oder Accenture. Für die soll es Ende April eine mehrtägige Karrieremesse in SL geben. Bis zu 30 000 Euro koste sie die Teilnahme, 50 bis 60 Bewerber-Avatare können dabei sein. Alles ist geplant, auch die vage Aussicht auf einen Imagetransfer. „Mit Second Life hoffen wir, mehr Krach zu machen. Das ist ein möglicher Ort für andere Erfahrungen im Recruiting“, sagt Völke.
Mancher ist noch nicht scharf drauf. Die neue Welt wird „relativ wenig Einfluss haben aufs Recruiting“, winkt Tim Ackermann ab, der bei Microsoft Deutschland für strategische Prozesse der Personalbeschaffung zuständig ist. Der vordergründige Spaßfaktor und die „Vermischung von echt und falsch“ passten nicht zum Berufsleben. Virtuelle Bewerbungsgespräche oder die Bewerbung als Video-Clip – bloß nicht. „Der klassische Lebenslauf ist mir lieber.“
Wie viel Leben ist in „Second Life“?
Mehr als 5,2 Millionen Menschen sind in der Internet-Welt „Second Life“ angemeldet, selten sind mehr als 25 000 bis 40 000 aktiv. Im Zentrum stehen virtuelle Freizeit und Konsum. Von Adidas bis Randstad gilt „Marketing first“: Auch deutsche Unternehmen sind „in world“, zum Teil mit mäßigem Engagement
Die Entwicklung verläuft rasant. Interaktive Informationen gibt's zum Beispiel bei...
www.steingrau.de - Markus Breuers Blog „über das Leben, das erste und das zweite“. Der E-Business-Berater hat für die Elephant Seven AG eine Studie verfasst über „Second Life und Business in virtuellen Welten“
www.bernd-schmitz.net - Schmitz ist Dozent für Medienwirtschaft an der Rheinischen Fachhochschule Köln und unterhält unter anderem ein „Wiki“, ein Online-Lexikon, an dem jeder mitschreiben darf; als Podcast gibt es Interviews mit SL-Bewohnern