11.01.2009 · Krisen sind ideal für Sabbaticals – zumindest theoretisch. Arbeitnehmer können sich so den Traum von einer Auszeit erfüllen, die Arbeitgeber sparen Geld. Trotzdem herrscht Zurückhaltung.
Von Anna LollJetzt oder nie. Silvester 2003 war gerade vorbei, der Januar grau. Sebastian Tenning* hatte genug. „Neun Jahre immer das Gleiche“, sagt der Redakteur einer Bauzeitschrift. „Ich brauchte eine Denkpause.“ Genau genommen brauchte er die schon zwei Jahre vorher. Jeweils zum Jahreswechsel suchte Tenning seinen Chef mit der Bitte nach einer längeren Auszeit – einem Sabbatical – auf. Die Antwort war immer dieselbe: „Kommt nicht in Frage. Wenn du meinst, du möchtest hier nicht mehr arbeiten, kannst du ja kündigen.“ Tenning riskierte es trotzdem noch einmal, der angestaute Frust war zu groß. Und siehe da, sein Vorgesetzter stimmte plötzlich zu. Zwölf Monate ging der Journalist mit seiner Frau auf Reisen. „Eine wunderbare Zeit, die ich nicht missen wollte“, sagt er im Rückblick.
Wie ein Marathonläufer bei Kilometer 25
Sabbaticals sind ursprünglich ein akademisches Konzept mit einem biblischen Hintergrund, dem Sabbatjahr. Allmählich übernahm die Wirtschaft das Modell, wenn auch zögerlich: Die Zahl der deutschen Unternehmen, die feste Regeln für die Auszeit anbieten, liegt nach wie vor im einstelligen Prozentbereich. Die Dauer beträgt meist zwischen drei und zwölf Monaten. „Die Institution Sabbatical ist in Deutschland noch lange nicht so etabliert wie in den angelsächsischen Ländern“, sagt Tiemo Kracht, Geschäftsführer von Kienbaum Executive Consultants. Viele Vorgesetzte sähen es als problematisch an, wenn ein Mitarbeiter sich für eine Zeit aus dem Marathonlauf der Führungskarriere ausklinken wolle. „Das ist für manche mit einer Pause auf Kilometer 25 vergleichbar. Damit läuft der Mitarbeiter Gefahr, vom Radarschirm für obere Führungspositionen zu verschwinden“, sagt Kracht. Das Durchhaltevermögen werde angezweifelt. Sabbaticals würden nicht selten als Eingeständnis von Schwäche angesehen.
Das aber sei ein gravierender Fehler. Nicht nur sei das Sabbatical ein Instrument, um die Motivation und die Kreativität im Unternehmen zu steigern. Durch die Möglichkeit der persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung erzeuge das Unternehmen außerdem Bindungskraft und vermeide Burnouts. In der momentanen Krisensituation könne das Sabbatical-Modell darüber hinaus eine besondere Chance darstellen: die zeitweilige Entlastung des Unternehmens. Eine begrenzte Freistellung von Mitarbeitern in Zeiten mangelnder Aufträge oder schwacher Ertragslage könne einem Arbeitgeber helfen. Sinnvoll sei dies, weil man Leistungsträger nicht entlassen sollte, um dann später wieder für viel Geld Ersatz anzuwerben. „Das Sabbatical kann eine sehr wirksame Maßnahme im Krisenmanagement sein“, meint Kracht.
Kurzarbeit statt Sabbatical
Theoretisch zumindest. Praktisch gibt es spezielle Programme, wie sie beispielsweise die Unternehmensberatung Accenture im Jahr 2001 forcierte, in dieser Krise bisher nicht. Jedenfalls nicht offiziell. „Ob sie ein Sabbatical nehmen oder nicht, obliegt den Mitarbeitern“, sagt etwa Klaus Thoma, Sprecher der Deutschen Bank. Man betreibe nicht kurzfristige Personalpolitik mit Arbeitszeitprogrammen und fördere Sabbaticals auch nicht indirekt mehr als sonst. Ähnliches äußern Hewlett- Packard, Opel, SAP und auch Siemens, dabei hatte das Technologieunternehmen 2001 ebenso wie Accenture seinen Mitarbeitern Sabbaticals besonders ans Herz gelegt. Selbst bei Daimler, wo es Kurzarbeit gibt, will man nicht extra auf Sabbaticals setzen. Trotz der angebotenen 1000 Euro Taschengeld je Auszeit hätten in den Jahren 2005 und 2006 nur wenige Mitarbeiter das Angebot in Anspruch genommen, heißt es beim Stuttgarter Autohersteller.
„Diese extreme Zurückhaltung kann man sicherlich darauf zurückzuführen, dass gerade in Krisenzeiten die Top-Mitarbeiter und Leistungsträger gebraucht werden“, sagt Tiemo Kracht von Kienbaum. Hinzu komme die Erfahrung, dass die Sabbatical-Programme in Deutschland nicht immer gefruchtet hätten. Teilweise hätten sich Mitarbeiter im Lichte neuer Erfahrungen, Qualifikationen und Reisen vom Unternehmen abgewandt und neue Lebensentwürfe entwickelt. Außerdem bedeuteten Sabbaticals Investitionen von Zeit und Geld in die Mitarbeiter. In der aktuellen Krisenphase würden solche Programme eher geschlossen als eröffnet. „Nur gesteht man dies ungern ein“, meint er.
Die Liebe zur Sicherheit überwiegt
Aber auch die Mitarbeiter sind zurückhaltend. Viele trauen sich nicht, in einer Krisensituation nach einer Auszeit zu fragen. „Als Voraussetzung, dass Sabbaticals in einer Krise wahrgenommen werden, braucht man das Vertrauen, dass man trotz vertraglicher Vereinbarung nicht seinen Job verliert“, sagt Barbara Hess, Geschäftsführerin der Imanent Beratung & Training GmbH sowie Buchautorin zum Thema Sabbaticals. Ohne eine solche Vertrauenskultur könnten Mitarbeiter Angst haben, dass man ihnen den Antrag auf ein Sabbatical als Motivationsdefizit auslegt. Und sie als diejenigen identifiziert, die man bei der nächsten Entlassungsrunde ein bisschen lieber gehen sieht als den Kollegen, der bereitwillig Überstunden macht. Aufgrund der deutschen Liebe zur Sicherheit erwartet Hess, dass sich jetzt in der Rezession eher wenige Mitarbeiter für ein Sabbatical entscheiden.
Auszeitwillige Arbeitnehmer brauchen nicht nur Überzeugungskraft und Mut für das Unbekannte. Auch müssen die finanziellen Rücklagen stimmen. Ein Sabbatical ist teuer, selbst wenn man sich Arbeitszeit angespart hat und von einem Teilzeitgehalt während der Auszeit lebt. Oft handelt es sich bei Sabbaticals zudem um Kündigungen mit einem Rückkehrvertrag. In diesem Fall muss der Mitarbeiter sich in der freien Zeit komplett selbst versichern und finanzieren. Um seine Arbeitsstelle muss er aber nicht bangen. Charakteristisch für Sabbaticals ist die Vereinbarung zur Wiederaufnahme ins Unternehmen.
„Jeder Tag war ein Highlight“
Weiterbildungen sind der häufigste Grund für die Auszeit. Die Weltreise kommt erst danach in der Rangliste der Sabbatical-Beschäftigungen. „Die Wiederkehrer rücken oft nach ihrer Qualifizierungszeit in eine höhere Entgeltgruppe“, sagt Angela Lechner, Leiterin personalpolitische Konzepte und Projekte bei Daimler. Schwierigkeiten für das Unternehmen gäbe es mit Sabbaticals kaum, sagt sie. Der Verwaltungsaufwand lohne sich. Die Mitarbeiter kämen mit aufgeladenen Batterien zurück. Sabbaticals seien so als Beitrag zum Erhalt der Gesundheit und Steigerung der Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer zu verstehen.
Rainer Schaller, Inhaber und Geschäftsführer der Fitnesskette McFit, würde es jedenfalls jedem empfehlen, sich einmal eine längere Auszeit zu nehmen. Der 39 Jahre alte Bayer hat für sich vor kurzem ein besonderes Arbeitsmodell entworfen. In den nächsten zwei Jahren will er mit einem VW-Bus um die Welt fahren. Ein paar Wochen reisen, dann ein oder zwei Monate arbeiten. Gerade hat er seine erste Etappe hinter sich. Von Berlin nach Kalkutta. „Jeder Tag war ein Highlight“, erzählt er begeistert. Von Warlords in Pakistan gejagt zu werden, mit iranischen Frauen Wodka zu trinken und sich durch träge Elefanten auf den verdreckten Straßen Indiens zu schlängeln inklusive. Auch bei seinen Mitarbeitern würde er es gerne sehen, wenn sie etwas Ähnliches in Angriff nehmen würden. „Es verändert den Blick. Man kommt definitiv mit mehr Gelassenheit und Kreativität ins Unternehmen zurück.“
* Name geändert
Wie gelingt das Sabbatical?
1. Die Voraussetzung: Arbeitnehmer müssen überzeugt sein, dass es nicht nur ihnen, sondern auch dem Arbeitgeber etwas bringt, wenn sie eine Auszeit nehmen. Nur dann können sie die Zustimmung des Vorgesetzten erwarten.
2. Die Vorarbeit: Ist der Chef ein Workaholic, wird er kaum sofort von dem Wunsch begeistert sein, dass Mitarbeiter sich für ein Jahr verabschieden wollen. Dann ist es wichtig, ihn in beiläufigen Gesprächen vorzubreiten. Vielleicht wollte er auch schon immer durch Neuseeland reisen? Wenn er sich daran erinnert, sieht er ähnliche Träume eventuell nicht nur als Faulenzerei.
3. Der Plan: Bevor Mitarbeiter mit dem Vorgesetzten den Wunsch besprechen, sollten sie einen Plan ausarbeiten: Wer übernimmt meine Arbeit in der Zwischenzeit? Die Lösung muss dem Chef auf dem silbernen Tablett serviert werden.
4. Die Taktik: Kluge Verhandlungsführung ist gefragt. Wer sechs Monate Auszeit möchte, sollte vielleicht nach acht fragen. Dann kann der Mitarbeiter dem Vorgesetzten entgegenkommen. Allgemein gilt: je kürzer, desto besser. Bei längeren Auszeiten kann die Skepsis des Arbeitgebers wachsen, dass sich der Mitarbeiter nicht mehr eingliedern lässt.
5. Die Sicherheit: Nichts geht ohne einen Vertrag. Wichtig ist es, genau zu besprechen, zu welchen Konditionen jemand geht und auf welche Position er wiederkommt, ob der Arbeitgeber die Auszeit mitfinanziert und die Versicherungen weiter trägt oder ob der Arbeitnehmer dies übernehmen muss.