30.10.2006 · Für jeden Beitrag gibt es Applaus, nie wird das Rednerpult ohne freundlichen Handschlag übergeben. Bei den uramerikanischen „Toastmasters“ läßt sich die Kunst der freien Rede entspannt erlernen. Auf deutsch oder englisch.
Von Thomas ReinholdViola graust es nicht, wenn sie vor Publikum frei reden soll. Heute abend hält sie ihre zehnte Rede. Sie will die Grundschule der "Toastmasters" abschließen. Nach nur zehn Monaten. In dem Rhetorik-Club steht die 36jährige für ein paar ewig lange Minuten als Vorstandschef von "John Dogskin" vor ihren Zuhörern. Der Hersteller von Outdoor-Bekleidung kündigt die Schließung seines "1000 Schritte"-Bereichs an. Wird Viola Ängste der Kollegen aufnehmen, ohne die Zukunftsinteressen ihres Unternehmens aus dem Blick zu verlieren?
Im Nebenraum einer Frankfurter Gaststätte bewegt sich Viola ruhig zwischen Vereinsfahne und Pult, spricht ihr 25köpfiges Publikum direkt an, erzählt mit Inbrunst von einfachen Völkern, die auch nicht immer alle aus der Gruppe ernähren konnten, streift Großmutters Ratschläge, dreht leise deprimierende Trauer in kraftvoll mitreißende Zuversicht, wiederholt Kernpunkte, ohne sich zu verhaspeln, schließt mit einem Appell. Und wird lautstark beklatscht. Viola hat alle Regeln aus dem Handbuch beachtet - und einen Titel gewonnen: "Competent Toastmaster".
Ein Plus im Lebenslauf
Toastmaster? Was in Deutschland Achselzucken hervorruft, kenne in Amerika jeder, sagen die Toastmaster. Auch jeder Personalchef. Ein Plus im Lebenslauf bekomme dort, wer sich in seiner Freizeit um die Verbesserung seines persönlichen Auftretens bemüht, um Kommunikations- und Führungsfähigkeit. Im Oktober 1924 hat ein gewisser Ralph Smedley, Bildungsbeauftragter beim Christlichen Verein Junger Männer, den ersten Toastmaster-Club in Kalifornien gegründet. Jeder sollte für wenig Geld überzeugende Auftritte proben können. Heute hat die gemeinnützige Organisation 200 000 Mitglieder, die in 90 Ländern und mehr als 10 500 Vereinen aktiv sind. Gut 40 davon gibt es in Deutschland.
Bei den Treffen ist man unter sich, ohne Rhetorik-Trainer. Manche Clubs arbeiten auf deutsch, andere auf englisch. Und auch die wenden sich nicht an Profis der Fremdsprache. In beiden Fällen bleiben die durch und durch amerikanischen Rituale die gleichen. Jeder Teilnehmer engagiert sich. Er hält eine Rede, vorbereitet oder aus dem Stegreif, baut dort das "Wort des Tages" ein, bewertet wohlwollend den Auftritt eines anderen, führt durch den Abend, zählt "Ähs" und "Ems", erzählt eine Pointe oder überwacht einfach nur Redezeiten. Wer vorne steht, spricht über selbstgesetzte Themen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die das Unterrichtsmaterial der Toastmaster vorgibt: "Eisbrecher", eine Rede organisieren, auf den Punkt kommen, Körpersprache, optische Hilfsmittel - Schwierigkeitsgrad steigend. So soll sich jeder furchtsame Stammler allmählich zum eloquenten Redner häuten können.
Evaluation heißt Bewertung, nicht Kritik
Es ist an Monika, ihrer Club-Präsidentin Viola die Auszeichnung zu überreichen. Sie tritt dafür ans Rednerpult, mit Blume und selbstgebastelter Urkunde. "Please, help me welcome Monika", ruft Silke in die Runde und klatscht schon mal Beifall. Sie ist "Toastmaster des Abends" und moderiert die streng organisierten anderthalb Stunden. "A super-model in this role", lobt sie "Division-Governor" Greg später: vorbildlich in dieser Rolle. Jeder noch so kleine Beitrag wird mit Applaus quittiert, niemals wird das Rednerpult ohne freundlich aufmunternden Handschlag übergeben, die Runde füllt Feedback-Bögen aus ("wenn Sie glauben, daß Sie zur Entwicklung der Sprecher beitragen können"), selbst die Engländerin Claire wird für ihre sprachlichen Anmerkungen "in perfektem Englisch" gelobt. Dorothee, die hier auch schon Präsidentin war, erzählt, eine Pädagogin habe einmal über die geschützte Atmosphäre im Verein eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben - die Toastmasters als autonome Lerngruppe. Der Kniff: Niemand mißbraucht das Vertrauen der anderen, jeder muß ja mal ran.
So wie Raehyun, die junge Koreanerin, die ihr viertes Redeprojekt meistert: "Wie sage ich's richtig?" Sie erzählt in drei Minuten von ihrer Reise "von der Unsicherheit zum Selbstvertrauen". Sie lächelt, moduliert Lautstärke und Geschwindigkeit. "Ihr müßt euch als wundervolle Person mögen", mahnt sie. Silke ist beeindruckt: "Wow, was für eine Rede." Sie wolle nicht die Wahl zum besten Redner des Abends beeinflussen, "aber könnt ihr euch erinnern, als sie das erste Mal hier stand?". Und an die zierliche Frau gewandt: "Ich bin stolz, deine Entwicklung zu sehen."
30 Sekunden Bedenkzeit
Jetzt ist Fabio dran: "Table-topic-master". Zweieinhalb Minuten hat er Zeit, um das Thema der Stegreif-Reden zu erläutern, dann dürfen die Freiwilligen 30 Sekunden überlegen. Domingo spricht darüber, warum sich aus einer Niederlage mehr lernen läßt als aus einem Sieg. Annika denkt laut über privates Talent und öffentliche Karriere nach. Norbert fragt, wann ein Gewinner ein Gewinner ist. Sie schlagen sich wacker. Applaus, Applaus.
Nikolaus ist schon seit sieben Jahren dabei, aber es drängt ihn nicht zum Fortkommen in der Toastmaster-Hierarchie. "Die Unterlagen aus Amerika sind nützlich, aber wie eine Zwangsjacke", lästert er mit einem Augenzwinkern, "wenn ich mal einen Wettbewerb gewonnen hatte, kam ich mir vor wie ein Kasper." Doch reden hat auch mit Schauspiel zu tun, Beifall gehört dazu. Dorothee empfindet das viele Klatschen nicht als penetrant. Nicht mehr. "Wer da vorne steht, nimmt das gerne entgegen." Silke spricht von einem "Spielplatz der besonderen Art". Aus allen Branchen und Hierarchien kämen Deutsche, Inder oder Franzosen und öffneten sich: Leidenschaft und Bilder statt dröger Fakten und Folien. Davon profitierten Redner wie Publikum - mit unmittelbarem Nutzen fürs Berufsleben: "Das ist doch eine Krankheit, diese Powerpoint-Präsentationen."
Begeistern und zuhören können
Silke, die in der Kommunikationsabteilung eines internationalen Konzerns arbeitet, ist sicher: "Neben fachlicher und methodischer Kompetenz sind bei der Besetzung von Führungsfunktionen soziale und kommunikative Fähigkeiten entscheidend." Das glaubt auch Viola, die Anfang der neunziger Jahre Geoökologie studiert hat und heute rechte Hand des Finanzvorstands eines Maschinenbaukonzerns ist: "Zur Zeit meines Studiums ging es nur um Inhaltliches, erst jetzt kommen Präsentationstechniken ins Blickfeld." Ob für den Verkauf oder effektive Zusammenarbeit mit Kollegen: Begeistern und zuhören können, Zeitmanagement, das alles lasse sich bei den Toastmasters trainieren. "Erst profitiere ich, dann gebe ich etwas weiter."
Viola hat ihr Talent längst bewiesen. Im Mai gewann sie eine Ausscheidung - "District 59, Division F, South Germany" - vor mehr als 250 Zuhörern in einem Kölner Hotel. "Vor so einer großen Gruppe zu reden, das gibt einen echten Kick", sagt sie lächelnd, "es macht fast süchtig." Greg wird das gerne hören. Das Jahresmotto seiner 13 Clubs lautet: "The power-family can help you." Das muß man nicht übersetzen. Man muß es fühlen wollen.