Home
http://www.faz.net/-gym-6whuk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rente mit 67 Nicht mehr zu verdrängen

09.01.2012 ·  Die Rente mit 67 ist da. In mehreren Schritten wird die alte Regelaltersgrenze bis zum Jahr 2029 erhöht. Was das bedeutet, kommt bei Unternehmen und Arbeitnehmern allerdings nur langsam an.

Von Philipp Alvares de Souza Soares
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Es gibt Wörter, die klingen so technisch, so sehr nach Amt und Bürokratie, dass man nur schwer und widerwillig ihren Bezug zum eigenen Leben herstellt. Die „Regelaltersgrenze“ ist so ein fader, grauer und unpersönlicher Begriff. Fast 100 Jahre, von 1916 bis 2011, lag sie unangetastet bei 65 Jahren und kümmerte kaum jemanden. In den Tiefen der Rentenregularien hatte sie zwar ihren festen Platz, beschäftigte aber höchstens Finanzwissenschaftler, die Änderungen an ihr simulierten. Die Marke 65 war in den Köpfen der Leute fest verankert und galt als absolut spätester Zeitpunkt, an dem man endlich in den Ruhestand gehen konnte. Arbeitsverträge, Versicherungspolicen und Lebensplanungen richteten sich wie Kompassnadeln an dieser Grenze aus.

Doch seit einer Woche ist nun Schluss damit: Die Rente mit 67 kommt. In mehreren Schritten wird die gute alte Regelaltersgrenze nun erhöht, bis sie 2029 bei 67 Jahren angelangt ist. Pünktlich zum Beginn der Einführungsphase flammt nun wieder die Diskussion darüber auf, ob die Reform denn nun nötig, sozial gerecht oder überhaupt sinnvoll ist. Viele Daten und vermeintliche Fakten schwirren durch den Raum. „Die meisten wissen einfach zu wenig über die gesetzliche Rentenversicherung“, sagt Judith Kerschbaumer, die bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für Sozialpolitik zuständig ist. Es werde vieles durcheinandergebracht, und es gebe sogar noch immer Leute, die glauben, mit 60 in Rente gehen zu können. „Dabei sollte man seinen Ruhestand planen und sich vor allem bewusst auf ein längeres Erwerbsleben einstellen“, klagt Kerschbaumer.

Der entsprechende mentale Wandel greift jedoch erst langsam um sich - bei den Unternehmen und den Versicherten. Vielen ist etwa nicht klar, dass sich ihr Rentenanspruch nun sogar erhöhen wird, da sie zwangsläufig mehr Beitragsjahre in der gesetzlichen Versicherung sammeln oder dass sie trotzdem noch mit 65 in Rente gehen können, wenn sie mindestens 45 Jahre lang eingezahlt haben.

Nur Ausnahmen bleiben bis 65

Viele arbeiten schon heute noch nicht einmal bis zur alten Regelgrenze: Mit 63,5 geht der Durchschnittsversicherte in Rente - sei es freiwillig oder weil er keine Stelle mehr findet. Gegen die These der massenhaft erzwungenen Altersarmut spricht jedoch, dass nicht wenige anscheinend bewusst die durchschnittlich 113 Euro monatlichen Abschlag in Kauf nehmen: „Wann kann ich am frühesten raus?“, sei die am häufigsten gestellte Frage in der Beratung, heißt es bei der Deutschen Rentenversicherung. Manchmal würde es sich jedoch eher lohnen, noch ein Jahr durchzuhalten und dafür auf Dauer jeden Monat 3,6 Prozent mehr Rente zu beziehen.

„Die meisten Kollegen gehen zum frühstmöglichen Zeitpunkt in den Ruhestand. Jemand, der bis 65 bleibt, ist noch die totale Ausnahme“, sagt auch Gabriele Buchs von der Deutschen Bank. Mit weniger als 63 Jahren geht der durchschnittliche Banker in ihrem Unternehmen in Rente. Ein Grund ist die gute Versorgung: Dank einer üppigen Betriebsrente können viele die Abschläge locker verkraften, die sie durch den früheren Renteneintritt in Kauf nehmen müssen. Außerdem kann man bei der Deutschen Bank auch sein Arbeitszeitkonto über die Jahre füllen und dann sogar bei vollem Gehalt eher aussteigen.

„Das Zauberwort heißt Vielfalt“

„Diese flexiblen Arbeitszeitmodelle wollen wir noch ausbauen“, sagt Buchs, die in den Frankfurter Zwillingstürmen für den Bereich Vergütung zuständig ist. Es gebe beispielsweise schon jetzt Kundenberater, die noch aus dem Ruhestand ab und zu „beratend tätig sind“. Viele ältere Kunden würden es schätzen, wenn sie von Mitarbeitern betreut werden, die nicht 20 oder 30 Jahre jünger sind als sie selbst. Generell gehe es darum, nicht mehr zwangsläufig vom Karrierehöhepunkt ins Nichts zu fallen. „Das Zauberwort heißt Vielfalt“, findet Buchs. Auf den demographischen Wandel stellt sich die Bank auch vorbeugend ein: So gibt es etwa einen freiwilligen „Gesundheits-checkup“ für alle Kollegen ab 40, den das Unternehmen bezahlt. In den bislang drei Jahren Laufzeit soll sich die Form der Mitarbeiter so schon „messbar“ verbessert haben.

Der Chemiekonzern BASF sorgt sich ebenfalls um die Gesundheit ihrer alternden Belegschaft: „Fit bleiben! Dranbleiben! Gemeinsam am Werk!“ heißt es etwas barsch in einem Infoblatt zum Programm „Generations@Work“. Sport- und Fitnessangebote will man hier ausbauen und bietet sogar eine betriebliche Ernährungsberatung. Am Standort in Ludwigshafen wird in zehn Jahren jeder zweite Kollege über 50 sein. Gerwig Kruspel, Leiter der Einheit Personalstrategie, betont jedoch, dass es nur die eine Seite der Medaille ist, dass das Unternehmen entsprechende Angebote parat hat: „Entscheidend ist, dass die Mitarbeiter diese auch nutzen.“ Hier sieht er auch die Führungskräfte in der Pflicht, solche Themen anzusprechen und so für ein entsprechendes Bewusstsein zu sorgen. Auch mit Mitarbeitern über 50 sollte im Rahmen von regelmäßigen Gesprächen über ihre berufliche Weiterentwicklung gesprochen werden.

„Gesund in die Rente gehen können“

Ähnlich wie die Deutsche Bank setzt BASF der Rente mit 67 auch Arbeitszeitkonten entgegen: Seit 2010 zahlt das Unternehmen hier jedes Jahr je Tarifmitarbeiter 300 Euro extra ein und ermöglicht auch die Umwidmung anderer Gehaltsbestandteile in Zeitguthaben. So soll ein früherer Austritt auch trotz der gesetzlichen Änderungen möglich bleiben. Die Deutsche Post bietet ihren Mitarbeitern ein ähnliches System, in dem sie Teile ihres Gehalts ansparen können, auf die sie vorher verzichtet haben.

Bei der Berliner Stadtreinigung gibt es zwar keine ausgeklügelten Arbeitszeitkonten, dafür versucht man es den alten Mitarbeiter praktisch leichter zu machen: Wenn sie körperlich nicht mehr können, fahren sie seltener oder gar nicht mehr auf dem Wagen mit. Stattdessen reparieren sie beispielsweise die orange Mülleimer der Hauptstadt.

Strategische Personalprogramme wie bei BASF sind für Jörg Köther von der IG-Metall lediglich „Ausnahmen“, die es bislang noch zu wenig gibt: Auch in der Metallindustrie müssten die Firmen noch viel mehr tun, um ihren Mitarbeitern ein längeres Arbeitsleben überhaupt möglich zu machen oder Alternativen zu einem Rentenbeginn mit 67 zu schaffen. „Etwa ein Drittel schafft es in der Metall- und Elektroindustrie schon jetzt nicht bis zum Ende“, sagt Köther. Die Taktzeiten der Fabrikarbeiter müssten im Alter runter und die Pausen rauf. „Man muss ja auch gesund in die Rente gehen können.“

Untätigkeit bei kleineren Unternehmen

Eine Studie der Universitäten Göttingen und Kassel zum Thema „Altersdifferenzierte Tarifpolitik“ ergab etwa, dass nur 9 Prozent der befragten Metallunternehmen reduzierte Leistungsvorgaben für Ältere vorsahen, im Elektrohandwerk waren es immerhin 15 Prozent. Köther glaubt, dass die Rente mit 67 den Veränderungsdruck erhöht: Viele Firmen würden annehmen, dass es für alle Zeit genug Nachschub auf dem Arbeitsmarkt gäbe, um die Alten auszutauschen. „In den nächsten Jahren werden sie aber merken, dass sie sich nicht mehr wegducken können.“

Seine Kollegin Kerschbaumer von Verdi beklagt, dass es entsprechende Veränderungen und Personalprogramme fast nur in Großunternehmen gibt, kleine Betriebe aber fast gar nichts unternehmen würden. „Da gibt es ja oft gar keine Personalabteilung, die sich so etwas überhaupt ausdenken könnte.“ Es ist ähnlich wie mit der Rente mit 67 und den aufgeregt diskutierenden Politikern: Jetzt, wo sie anfängt, konkret zu wirken, scheinen manche erst anzufangen, sich Gedanken über die Folgen zu machen.

Rente mit 67: Erst die Jahrgänge ab 1964 trifft es voll

In diesem Jahr beginnt die Einführungsphase der Rente mit 67, während der die Regelaltersgrenze schrittweise erhöht wird. Betroffen sind alle, die 1947 und später geboren sind. Versicherte ab Jahrgang 1964 müssen dann normalerweise bis 67 arbeiten. Ausnahmen gibt es etwa für Versicherte mit 45 Beitragsjahren oder Menschen mit Behinderung. Die Altersgrenze für die Erwerbsminderungsrente wird schrittweise von 63 auf 65 Jahre angehoben.

Wer eher in Ruhestand will, kann dies frühestens mit 63 Jahren tun, sofern er oder sie mindestens 35 Jahre lang Beiträge gezahlt hat. Für jeden Monat, den ein Versicherter früher aus dem Erwerbsleben ausscheidet, muss er einen Abschlag in Höhe von 0,3 Prozent in Kauf nehmen.

Arbeitet ein Versicherter aber wirklich bis 67, erhöht sich im Vergleich zur vergangenen Regelung seine monatliche Rente: bei einem Durchschnittsrentner im alten Bundesgebiet um 56 Euro, in den neuen Ländern um 48 Euro.

Für bestehende Arbeitsverträge, die an die alte Regelaltersgrenze angelehnt sind, gilt - je nach Geburtsjahrgang - nun das entsprechend neue Alter. Bei dessen Eintritt endet das Arbeitsverhältnis automatisch.

Private Rentenversicherungsverträge lassen sich oft flexibel an die neue Situation anpassen: Bei der Allianz ist etwa ein vorzeitiger Bezug mit geringerer Rente oder ein Aufschub mit entsprechend höheren Zahlungen möglich, erläutert Mitarbeiter Udo Rössler. „Riester- und Rürup-Verträge sehen bislang flexible Abrufoptionen zwischen 60 und 65 Jahren vor. Diese Phase wird sich ab diesem Jahr auf 62 bis 67 Jahre verschieben.“ Das gilt etwa für Riester-Verträge, die 2012 neu abgeschlossen werden. „Wer eher an sein angespartes Geld möchte, muss die staatliche Förderung zurückzahlen“, heißt es bei der Ergo Lebensversicherung. (phal.)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel