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Redenschreiber Die Worte der Anderen

01.09.2011 ·  Politiker und Manager kämen ohne ihre Hilfe oft ins Stottern: Redenschreiber liefern schöne Worte und kluge Zitate für Vorträge und Ansprachen. Auf Applaus müssen sie verzichten.

Von Sarah Sommer
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Barack Obama gilt als einer der besten Redner unserer Zeit. Sein „Yes we can“ ließ nicht nur die amerikanischen Wähler jubeln: Seine mitreißenden Reden machten den charismatischen amerikanischen Präsidenten zum internationalen Polit-Popstar. Jedes Kind kennt Barack Obama. Kaum jemand kennt dagegen Jon Favreau – dabei stammen Obamas schöne Worte meist aus seiner Feder. Gerade einmal 24 Jahre alt war Favreau, als ihn Obama als Redenschreiber in sein Team holte und sich in der heißen Phase des Wahlkampfes mehr und mehr auf Favreaus Gefühl für die richtigen Worte zur richtigen Zeit verließ. Auch in der aktuellen Schuldenkrise ist der blasse junge Mann mit Dreitagebart stets an Obamas Seite. Und bleibt für die Öffentlichkeit doch meist unsichtbar.

Redenschreiber wie Favreau sorgen dafür, dass Politiker, Manager oder Vereinschefs mit ihren Reden glänzen. Ob es die Wahlkampfrede im Bierzelt ist, die Ansprache des Vorstands vor seinen Mitarbeitern oder die Trauerrede auf einer Beerdigung: Vielbeschäftigte Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bezahlen Profis, die ihnen kluge Zitate, treffende Bilder und mitreißende Formulierungen in den Block diktieren. Die Meister schöner Worte müssen sich allerdings damit abfinden, stets im Hintergrund zu bleiben. Denn den Applaus für eine perfekte Rede ernten die Vortragenden.

Nur eine Dienstleistung

Diskretion gehört zum Geschäft der Redenschreiber: Nur die wenigsten Politiker oder Unternehmer geben offen zu, dass sie ihre Reden nicht selbst schreiben. „Wer gerne im Rampenlicht stehen will, der ist für den Beruf des Redenschreibers nicht geeignet“, sagt Thilo von Trotha, Gründer und Ehrenpräsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache. „Reden schreiben ist eine Dienstleistung, eigentlich ganz ähnlich der eines Steuerberaters oder Arztes.“ Wie diese sei auch der Redenschreiber zu Verschwiegenheit über seine Kunden verpflichtet. Falsche Eitelkeit ist in diesem Beruf also fehl am Platz. „Die Rede ist immer die Rede des Kunden“, sagt von Trotha. Der Schreiber muss in seinem Manuskript dessen Kernbotschaft vermitteln und ihm interessante, verständlich und unterhaltsam formulierte Argumente für seine Sache liefern. „Der Redner kann und soll dann schließlich mit der Rede tun, was er will. Er kann sie ändern, kürzen, seinem persönlichen Stil anpassen.“ Auch damit müsse ein Redenschreiber klarkommen.

Von Trotha weiß, wovon er redet: Auch er begann, ähnlich wie Favreau, seine Karriere als junger Mann im Schatten eines prominenten Politikers. Mit Anfang dreißig wurde er durch Zufall zum Redenschreiber des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt – weil er dessen Schreiber während des Urlaubs vertreten hatte. Schmidt war dafür bekannt, dass er zu Beginn eines Vortrags gerne demonstrativ die Vorlage seiner Redenschreiber zur Seite schob und sagte: „So, meine Damen und Herren, jetzt lege ich das Manuskript einmal weg und sage Ihnen, was ich wirklich denke.“ Ein wirkungsvoller rhetorischer Kunstgriff, wie Trotha neidlos anerkennt.

Kein Universitätsstudium

Die Vorstellung, dass der Redner einfach eins zu eins das Manuskript seines Schreibers vorlese, sei ohnehin falsch. „Natürlich hat Helmut Schmidt nie eine Trotha-Rede gehalten“, sagt er. „Und kein vernünftiger Mensch wird eine Rede vortragen, die er vorher nicht gelesen hat.“ Der Redenschreiber ist kein Marionettenspieler, der dem Redner nach Belieben etwas in den Mund legt. Es geht im Gegenteil darum, sich möglichst gut in den Redner hineinzuversetzen. Ruhm und Ehre haben von Trotha in seinem Beruf nie gefehlt: „Auch wenn man persönlich im Hintergrund bleibt, ist es doch ungeheuer aufregend, wenn schließlich der Kanzler Worte verwendet, die man selbst aufgeschrieben hat“, sagt der heute 61 Jahre alte Redenschreiber. Wenn ein Kunde Applaus für seine Reden bekommt, ist von Trotha stolz auf seine Leistung – auch wenn der Applaus nicht ihm gilt.

Heute schreibt von Trotha Reden meist für Auftraggeber aus der Wirtschaft und für private Anlässe – und hat außerdem eine Akademie gegründet, an der Teilnehmer in zweiwöchigen Seminaren lernen, was eine gute Rede ausmacht. Solche Seminare gibt es in Deutschland fast ausschließlich von privaten Anbietern. Eine einschlägige Ausbildung oder ein Universitätsstudium, das gezielt auf den Beruf des Redenschreibers vorbereitet, fehlt. Wer sich zum Redenschreiber berufen fühlt, kann aber zum Beispiel in Tübingen allgemeine Rhetorik studieren: Hier wird unter anderem auch das Redenschreiben geübt. 100 Studenten beginnen jedes Jahr das Rhetorikstudium an der Tübinger Universität. Nur etwa zehn Prozent dieser Studenten würden später Redenschreiber, sagt Professor Joachim Knape, Leiter des Seminars – das sei auch gar nicht das Ziel des Studiengangs. „Wir bekommen zwar immer wieder Anfragen von Unternehmen, die unter unseren Studenten gute Redenschreiber suchen“, berichtet Knape. „Aber insgesamt gibt es für diese spezielle Aufgabe nur wenige Stellen.“ Große Unternehmen und Ministerien stellen zwar Redenschreiber ein. „In der Regel ist das Schreiben im Beruf aber nur eine Teilaufgabe neben anderen“, sagt Knape. Oft sind es zum Beispiel Mitarbeiter in den Fach-, Marketing- oder Kommunikationsabteilungen von Konzernen, denen plötzlich jemand sagt: Schreib doch mal eine Rede für den Vorstand. Oder es sind Journalisten und Schriftsteller, die sich freiberuflich etwas dazuverdienen.

Eine Stunde Arbeit für eine Minute Rede

Natja Denk hingegen hat das Redenschreiben zu ihrem Hauptberuf gemacht. Eigentlich hatte sie ihre Karriere in der Unternehmenskommunikation eines Energiekonzerns begonnen. „Redenschreiben war dort nur ein Teil meiner Aufgaben, hat mir aber besonders viel Spaß gemacht“, sagt Denk. Mit ihrem Unternehmen „denk tank Ghostwriting“ machte sie sich selbständig und spezialisierte sich auf das Schreiben von Reden für Manager. „Man kann von diesem Beruf durchaus gut leben“, sagt Denk. „Es ist allerdings sehr wichtig, gezielt Kontakte zu pflegen und aufzubauen, etwa auf Tagungen und Kongressen.“ Wenn man sich in den Networking-Pausen bei solchen Veranstaltungen als Redenschreiberin vorstelle, sei einem die Aufmerksamkeit der Umstehenden sicher. „Viele finden es sehr spannend, zu erfahren, wie Redenschreiber arbeiten.“ Dass im Durchschnitt nur ein Kontakt von zehn zu einem Geschäftsabschluss führt, damit müsse man umgehen können.

Die Verdienstmöglichkeiten sind solide: Für eine Rede von zehn Minuten schlägt der Verband der Redenschreiber eine Vergütung von 700 bis 1250 Euro vor, für eine Dreiviertelstunde bis zu 5600 Euro. Eine Redeminute erfordere im Schnitt eine Stunde Arbeit, schätzt der Verband. Denn zum eigentlichen Schreiben kommen noch die Beratungsgespräche, die Recherche der Fakten und die Abstimmung und gegebenenfalls Korrektur des Redeentwurfs mit dem Kunden – ein zeitaufwendiger Prozess. „Mindestens drei Wochen braucht man, um eine gute Rede fertigzustellen“, sagt Denk. Es sei denn, man kenne den Redner und das Thema schon sehr gut – dann seien auch kurzfristige Aufträge machbar. Wer sich wie Obama ein Schreiberteam leisten kann, verlangt seine Reden allerdings auch von einem Tag auf den anderen – die Redenschreiber arbeiten auf Zuruf. Was wohl der Grund sein dürfte, warum man das junge Redenschreiber-Team um Jon Favreau in der Entourage des Präsidenten dann doch leicht erkennt: an übernächtigten Gesichtern und tiefen Schatten unter den Augen.

Reden schreiben will gelernt sein

Nur die wenigsten können einen Vortrag frei aus dem Stand halten. Für die Mehrheit ist eine gute Vorbereitung deshalb wichtig. Um das zu lernen, haben Profis einige Ratschläge parat:

Zunächst alles notieren, was einem zum Thema der Rede einfällt. Dann das Blatt zur Seite legen und frei ins Diktiergerät sprechen.

Anschließend strukturieren: Eine Rede hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss. Der Anfang macht die Zuhörer neugierig, im Mittelteil folgen die Argumente, am Schluss steht ein Resümee.

Eine gute Rede ist klar und verständlich. Statt vieler Fremdwörter sollten Redner besser anschauliche Bilder und glaubwürdige, lebensnahe Anekdoten verwenden.

Die Zuhörer mögen es, wenn es in einer Rede menschelt. Persönliche Erfahrungen oder der Dank an die Ehefrau sorgen für Glaubwürdigkeit.

Und schließlich: üben, üben, üben. Ob vor dem Spiegel oder vor Freunden und Familie - entwickeln Sie Ihren eigenen Vortragsstil.

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