19.03.2009 · Vorstandsassistent hört sich nach gehobenem Sekretariat an. Doch er schindet sich, muss stets loyal arbeiten, steht immer unter Druck. Häufig ist seine Position ein Karrieresprungbrett. Nur: Wer scheitert, scheitert öffentlich.
Von Martin WittmannWer Vorstandsassistent ist, leidet - zunächst einmal unter seinem Titel. Die Berufsbezeichnung hört sich nach Beschönigungen jener Art an, die etwa aus der Putzfrau eine Raumpflegerin oder Bodenkosmetikerin machen. Vorstandsassistent klingt viel mehr nach Assistent als nach Vorstand, mehr nach Kaffeekocher als nach rechter Hand der Macht. "Als Berufsanfänger hätte ich mir das nicht entgehen lassen", schildert Kourosh Bahrami seine Reaktion, als er - ein Diplomkaufmann mit Überfliegerlebenslauf - als Assistent des damaligen Henkel-Vorstandsvorsitzenden Ulrich Lehner vorgeschlagen wurde. "Aber nach sechs Jahren Berufserfahrung wollte ich eigentlich nicht noch mal Assistent werden." Doch Bahrami informierte sich genauer und nahm den Job an. Heute liegen zwei aufregende Jahre "voller Adrenalin" hinter ihm, heute hat er seinen Traumjob als Geschäftsführer von Henkels französischer Klebstoffsparte in Paris.
Was es bedeutet, Vorstandsassistent zu sein, wurde Bahrami wie den meisten seiner Kollegen erst richtig bewusst, als er eigentlich schon gar keine Zeit mehr hatte, sich um Berufsbilder und Jobbezeichnungen Gedanken zu machen. Eines haben die etwa 6000 Vorstandassistenten in Deutschland wohl alle gemeinsam, selbst wenn sie sich Referent nennen wie Lai Pham, der für Siemens arbeitet: Vorstandsassistenten leiden unter Überarbeitung. Sie schinden sich, müssen viel Zeit investieren, stets loyal arbeiten, stehen immer unter Druck, immer unter Beobachtung, sollen hier Verantwortung übernehmen und dann dort "doch mal am Kopierer stehen", wie Lai Pham sagt. Schon seit dem Studium ist er mit kurzen Unterbrechungen bei Siemens beschäftigt: Praktika, Diplomarbeit, Dissertation, Stipendium, dann Portfolio-Manager, Projektleiter und zuletzt Senior-Manager in der Konzernstrategie. Der Lebenslauf eines Wasserträgers sieht anders aus.
Ein enges Gespann
Dass Vorstände oft gestandene, ihnen bekannte Mitarbeiter des Unternehmens als Assistenten wählen, ist kein Zufall: Kaum ein Arbeitsgespann arbeitet so eng zusammen wie Vorstand und Assistent. "Sich menschlich zu verstehen ist deswegen neben anderen Fähigkeiten eine wichtige Voraussetzung für den Job", sagt Lai Pham. Der vor 36 Jahren in Vietnam geborene Elektroingenieur arbeitet seit Dezember für den Technologievorstand von Siemens, Hermann Requardt. Er hat sowohl in München als auch in Erlangen ein Büro in der Nähe seines Chefs. Auf dessen Fragen muss Lai Pham stets eine Antwort parat haben oder wissen, von wem er sie einholen kann. "Manche Themen sind für mich natürlich noch vollkommen neu. Da hilft mir mein gutes Netzwerk", sagt er. Und wenn es schnell gehen muss, hilft manchmal auch Google.
Nicht immer geht es darum, wie man sich mit seinem Chef versteht, sondern auch, dass man ihn versteht. Die Chemie müsse stimmen, sagt Bahrami. "Ein Briefing dauert nicht eine halbe Stunde, sondern manchmal nur einen Satz lang." Dem Chef gedanklich folgen, präzise zuhören und sorgfältig antizipieren müsse ein Assistent können. Martin Moszkowicz ergänzt: "Ein Vorstandsassistent muss ein hervorragender Kommunikator sein und sollte über unendliche Belastungsfähigkeit verfügen." Moszkowicz muss es wissen: Er ist Vorstand der Filmproduktionsfirma Constantin.
Stress heißt nicht immer Leiden
Sein Assistent ist Franz Trosthammer. Der ist Jurist und damit nicht unbedingt der Prototyp eines Vorstandsassistenten. Erst hat er kurze Zeit Biologie, dann Rechtswissenschaften studiert und in München und Berlin sein Referendariat absolviert. Später arbeitete er als Prokurist bei einer auf internationale Filmrechte spezialisierten Lizenz- und Promotionagentur, zu deren Auftraggeber sein heutiger Arbeitgeber Constantin gehörte. Constantin mag nicht so groß sein wie Henkel oder Siemens, und dennoch ist das Tätigkeitsfeld dort groß: Der Weg der Filmherstellung von der Stoffauswahl und -entwicklung, über die Finanzierung, Vorproduktion, Dreharbeiten bis hin zur Nachproduktion sei so weit wie variantenreich, sagt Trosthammer. Neben den kino- und fernsehbezogenen Aufgaben kämen auch noch die branchenunabhängigen Aufgabenstellungen in einem Konzern, der ein Verbund vieler einzelner Firmen ist, hinzu. Kurz: "Diesen langen, manchmal kurvenreichen Weg säumen viele, auch rechtliche Fragestellungen", sagt der 39 Jahre alte Jurist, der sowohl diese Fragen wie auch die oft kurzfristige Antwortfindung seines Chefs begleitet. "Vielfältig, abwechslungsreich und anspruchsvoll" sei diese Arbeit, sagt Trosthammer. Stress zu haben heißt nicht immer, unter ihm zu leiden.
Siemens-Mann Lai Pham fungiert als eine Art Katalysator, was als Jobbezeichnung wohl nicht viel attraktiver wäre als das Wort Vorstandsassistent. Wer Fragen an seinen Chef hat, kontaktiert in der Regel Lai Pham, der die anfallenden Aufgaben dann so bearbeitet, dass sein Chef sich sofort einen Überblick verschaffen kann und "im Idealfall nur noch die finale Entscheidung treffen muss". Daneben muss er Sitzungen vorbereiten, mit seinem Vorgesetzten Strategien diskutieren, dessen Termine mitorganisieren und Reisen vorbereiten. Flexibel müsse ein Assistent sein und "hands-on" arbeiten, sagt er.
80 Prozent aller Führungskräfte, so sagt der Psychologe Dieter Frey, hätten in ihrem beruflichen Werden als Berater oder eben Vorstandsassistent gearbeitet und dabei ihre Mentoren getroffen. Der Beruf, der gewöhnlich auf zwei oder drei Jahre befristet ist, gilt nicht umsonst als Sprungbrett. Zu den berühmten ehemaligen Assistenten, die heute Vorstandsvorsitzende (teils bei anderen Unternehmen) sind, zählen etwa Kai-Uwe Ricke von der Deutschen Telekom (früher war er bei Bertelsmann), Frank-Jürgen Weise von der Bundesagentur für Arbeit (früher bei VDO Automotive) und Jürgen R. Großmann von RWE (früher bei den Klöckner-Werken).
Exklusive Einblicke, vielseitige Aufstiegschancen
"Die vielseitigen Aufstiegschancen sind neben den exklusiven Einblicken in das Vorstandsgeschäft und den guten Kontakten zur Führungsspitze der Lohn der ganzen Mühe", sagt Bahrami. Oder wie einer seiner Kollegen ihn nach einem stressigen Tag tröstete: "Diamonds are made by pressure."
Diese Karriereaussichten locken den Nachwuchs. Als Bahrami 2003 von dem Vorstand, der ihn als Assistenten des Vorstandsvorsitzenden vorschlug, aufgeklärt wurde - "So einen Job darf man doch nicht ablehnen!" -, erfuhr er, dass auch andere junge, aufstrebende Henkel-Mitarbeiter die Attraktivität des Postens erkannt hatten und sich um diesen bemühten. So musste Bahrami sich gegen starke Konkurrenz durchsetzen, erst den Personalchef von sich überzeugen, dann den Strategiechef und schließlich Lehner selbst. Dabei ist die Arbeit im internen Rampenlicht nicht nur eine Chance, sondern birgt auch Risiken für die "Entscheidungsvorbereiter" mit "geliehener Macht", wie Vorstandsassistenten im Beraterdeutsch genannt werden.
Jedes Missgeschick, jedes Versagen wird sofort registriert. Wer scheitert, scheitert öffentlich. Bahrami, der sich einmal im Jahr mit den anderen Assistenten von Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen zum Erfahrungsaustausch traf, kennt auch die Fälle jener, die von der Karriereleiter gestürzt sind. Nicht jeder Assistent wird automatisch zum Diamanten.
Bahrami hat seinem Chef vor zwei Jahren den Rücken gekehrt, steht aber immer noch in regelmäßigem, gutem Kontakt zu ihm. Vorstände wissen schließlich, was sie an ihren Assistenten haben. Moszkowicz etwa sagt: "Ein Vorstandsassistent muss vor allem über großes Diplomatiegeschick verfügen - das Letztere vor allem, wenn sein Chef Mist gebaut hat." So schlecht sich der Titel "Vorstandsassistent" auch anhören mag - besser als "Edel-Ausputzer" ist er allemal.