03.09.2009 · Die Unicef-Deutschlandchefin Regine Stachelhaus überließ die Betreuung ihres Sohnes ihrem Mann - während sie Karriere machte. Den Nachbarn im Dorf gefiel das gar nicht, ihrem Vorgesetzten noch weniger. Aber es hat funktioniert.
Von Nadine BösEinmal hatte ich nachts einen richtigen Albtraum“, erzählt Regine Stachelhaus. „Ich kam in mein Büro und der Chef hatte alles weggeräumt.“ Sie träumte, dass ihr Schreibtisch verschwunden war, alle Regale, alle Bücher. Sie träumte, dass der Chef sagte, sie werde doch sowieso nicht mehr wiederkommen und er habe schon einmal alles sauber gemacht. Dann wachte sie auf, nassgeschwitzt, und sie wusste: „Genau das will ich nicht.“
Regine Stachelhaus, 54 Jahre alt und Leiterin der deutschen Sparte des Kinderhilfswerks Unicef, spricht von längst vergangenen Zeiten. Von vor 23 Jahren, als sie im Computerkonzern Hewlett Packard Deutschland arbeitete. Damals wurde sie schwanger und nahm sich vor, schon kurz nach der Geburt in den Beruf zurückzukehren. Ihrem entgeisterten Chef fiel zu diesem Plan nur eines ein: „So ein Mist.“ Doch aus dem „Mist“ wurde schnell Realität. Vier Monate nach der Geburt stand Regine Stachelhaus wieder bei Hewlett Packard auf der Matte. Alle paar Stunden kam ihr Ehemann mit Sohn Moritz in der Firma vorbei. Dann verzog sich die Managerin in einen leeren Konferenzraum - zum Stillen. „Es war eine kleine Revolution“, erinnert sie sich, „aber mir war das egal.“
Der Stein des Anstoßes war simpel. „Eine Mutter gehört zu ihrem Kind, rund um die Uhr, 24 Stunden lang, hieß es damals, vor allem, wenn das Kind noch so klein ist“, erzählt Stachelhaus. Die Kollegen tuschelten, die Chefs äußerten offen ihre Missbilligung, sogar der Hausarzt, der Frisör und etliche weitere Leute aus dem Dorf ließen sich zu abfälligen Kommentaren hinreißen. „Aus dem Jungen kann nichts werden“, sagten sie, oder: „Der gerät später mal auf die schiefe Bahn.“ Dabei hatte Regine Stachelhaus ihren Moritz noch nicht einmal in fremde Hände gegeben. „Kitas für so kleine Kinder gab es nicht, jedenfalls nicht in unserer Gegend, und eine Kinderfrau war uns zu teuer“, erzählt sie. Also kam sie schnell auf eine Lösung, die ihr das Natürlichste von der Welt schien: Sie vertraute ihren Sohn ihrem Ehemann an. „Unsere Kita hieß ganz einfach Papa.“
„Ich wurde komisch angeschaut“
Papa Stachelhaus war zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes noch mitten im Maschinenbaustudium. Zwischendurch füttern, wickeln und spazieren gehen - das habe gut in seinen Zeitplan gepasst, erzählt er heute. „Das hat sich einfach so ergeben, als Moritz auf die Welt kam. Einer von uns musste ja zu Hause bleiben. Dass ich das machte, war auch eine wirtschaftliche Entscheidung.“ Wollte er selbst denn nie Karriere machen? „Im Studium habe ich davon geträumt, Ingenieur im Fahrzeugbau zu werden“, erzählt er. Dann aber habe er die Kinderbetreuung schnell so lieb gewonnen, dass alles andere völlig in den Hintergrund trat. „Ich hab so viel davon mitgekriegt, wie Moritz groß geworden ist“, erinnert sich Stachelhaus. „Diese Chance haben die meisten Väter gar nicht.“ Der Nachteil: „Ich wurde komisch angeschaut, wenn ich den Kinderwagen durch den Ort schob“, erzählt er. „Das war damals noch völlig ungewöhnlich, dass ein Mann das macht.“ Die Leute hätten sich umgedreht und halblaut hinter seinem Rücken über ihn hergezogen. „Der schafft nix“, hieß das damals im Schwäbischen, sagt Stachelhaus. „Aber ich ließ das an mir abprallen.“
Die frühesten Kindheitserinnerungen von Moritz Stachelhaus setzen in der Kindergarten- und frühen Grundschulzeit ein. Mit dieser Zeit assoziiert er vor allem „den Willi“, wie er seinen Vater nennt. Außerdem Kindergeburtstage, Baden im Bach, die drei Hunde, die sie zu Hause hatten, und „einen alten VW-Bus, in dem wir Raumschiff spielten“. Er erinnert sich auch daran, dass „alle Nachbarskinder immer bei uns rumhingen, weil bei uns immer viel los war“. Und natürlich erinnert er sich an den Tag, als sein Vater ihn mit einem uralten, restaurierten Horax-Motorradgespann von der Schule abholte und jedes Kind in der Klasse einmal im Beiwagen mitfahren durfte, rund um den Schulhof mit viel Getöse und Gelärme. „Und auf einmal kam der Direktor raus und hat meinen Vater mit Schimpf und Schande vom Schulhof gejagt. Danach war er bei uns Kindern endgültig der Held.“
Zwischen Nikolaus-Verkleidung und Gitarrenunterricht
Als Hausmann sei er kein großer Held gewesen, das gibt Regine Stachelhaus unumwunden zu. Das Frühstücksgeschirr blieb oft bis zum Abend ungespült, die Wäsche machte sie in der Regel selbst und er brachte den Kindern nicht bei, die Schuhe auszuziehen, bevor sie ins Haus gingen. Dennoch hat Regine Stachelhaus nur Gutes zu berichten über die Erziehungsmethoden ihres Mannes. „Ich habe viel von ihm gelernt“, sagt sie. „Er ist mit den Kindern im Gestrüpp herumgekrochen, während ich wahrscheinlich die Fenster geputzt hätte. Er hat mit ihnen an alten Autos herumgebastelt, während ich Moritz den Schraubenzieher weggenommen hätte, weil ich das für gefährlich hielt. Und am Ende des Tages hat er ganz wunderbar gekocht, für die ganze Bande, so dass wir immer den großen Tisch decken mussten.“
Während Vater Stachelhaus seine Nikolaus-Verkleidungen perfektionierte, den Sohn zum Gitarrenunterricht fuhr oder aufgeschlagene Kinderknie verpflasterte, machte Regine Stachelhaus Karriere. Und zwar richtig. Schritt für Schritt arbeitete sie sich hoch zur ersten weiblichen Geschäftsführerin von Hewlett-Packard Deutschland. Erst kürzlich wechselte sie zu Unicef-Deutschland und wurde dort Geschäftsführerin. Vor ihrem Aufstieg nahm sie aber noch ein Projekt in Angriff, das ihr bei HP am dringlichsten unter den Nägeln brannte: die Gründung einer Kita für Babys und Kleinstkinder.
„Damals war Moritz schon drei Jahre alt - wir selbst hatten also nichts mehr von der ganzen Sache“, erzählt Stachelhaus. „Ich wollte trotzdem, dass sich im Unternehmen was ändert, dass es jüngere Kolleginnen einmal besser haben und dass auch diese Vorurteile endlich mal aufhörten.“ In einer Kaffeerunde, die die Personalabteilung damals regelmäßig für die Mütter im Unternehmen veranstaltete, schloss sie sich mit fünf anderen Frauen zusammen und plante das Projekt. „Wir gingen Klinkenputzen, beim Bürgermeister und bei den Stadträten.“ Aber niemand wollte Geld für eine privat geführte Kita lockermachen, dafür gab es um so mehr Auflagen zu erfüllen.
„Ich bin sein größter Fan“
„Letztlich haben wir die ganze Sache doch einfach innerbetrieblich geregelt“, sagt Stachelhaus. Erst besuchten sie die Gattinnen der Chefs und überredeten sie, dann überredeten die Chefgattinnen ihre Ehemänner. „Und dann kam der Tag, an dem ich den Chefs das Ganze präsentieren sollte“, erinnert sich Stachelhaus. „Ich dachte damals wirklich: Das ist der Tag, an dem ich den Job endgültig los bin.“ Doch wenig später eröffnete in einem alten Pförtnerhäuschen die erste HP-Betriebskita.
Hat sie eigentlich nie etwas vermisst? War sie niemals sauer, wenn sich der kleine Moritz nicht von ihr, sondern nur von ihrem Mann wickeln ließ? Und wenn sie in der Schule auf den Elternabenden wenig mitreden konnte? „Natürlich war ich eifersüchtig“, sagt Stachelhaus. „Aber wir haben dann ein paar Sachen gefunden, die wir regelmäßig zusammen gemacht haben. Es gab immer ein paar Stunden in der Woche, die nur Moritz und mir gehörten.“ Als ihr Sohn noch klein war, gingen sie in der Zeit mit den Hunden spazieren, später gingen sie in die Stadt shoppen. „Und ich war immer bei seinen Auftritten dabei, ich bin sein größter Fan“, erzählt Stachelhaus. Denn von klein auf spielte Moritz mit Leidenschaft Gitarre in verschiedenen Bands. „Wenn er spielte, ließ ich auch schon mal die eine oder andere Konferenz sausen“, sagt Stachelhaus.
Durch die Vatererziehung viel gelernt
Moritz Stachelhaus ist inzwischen erwachsen - und hat die Vatererziehung gut verkraftet. Er gehörte in der Schule zum guten Durchschnitt. Manchmal sei er zwar ein bisschen neidisch auf die Schulfreunde gewesen, deren Mütter ständig bei den Lehrern auf der Matte standen und „sie rausboxten, wenn sie mal wieder Mist gebaut hatten“. Inzwischen findet er es gut, dass sein Vater immer der Meinung war, Moritz solle sich selbst herausboxen. „Dadurch habe ich viel gelernt“, sagt er. Heute studiert er BWL in München. Optimieren und organisieren, das war schon immer sein Ding. „Und ich wollte gern ein Fach studieren, bei dem ich mich heute noch nicht völlig festlegen muss, wo die berufliche Laufbahn hingeht, wo man noch flexibel bleiben kann.“
Für seine Mutter hat er viel Anerkennung. Dass sie vor kurzem den Wechsel vom Computerkonzern zur Hilfsorganisation Unicef durchgezogen hat, findet er „richtig cool“. Jetzt sei sie sogar hin und wieder in der Tagesschau zu sehen. „Das macht einen schon stolz“, sagt er. Genauso stolz ist auch Regine Stachelhaus auf den geradlinigen Weg, den ihr Sohn gegangen ist, ohne größere Kinderstreiche oder Aussetzer in der Schule. Ab und zu nimmt sie ihn mit auf geschäftliche Feiern, wenn ihr Mann keine Lust hat. „Das ist echt klasse, wenn ich dort dann mit meinem Sohn auftauche“, sagt sie.
Umgekehrt gilt das auch. Wenn die Mutter mal in München ist, nimmt Moritz sie mit in die Biergärten, in die er sonst mit den Studentenkumpels geht. Dann essen sie zusammen bei Blasmusik und blau-weißen Tischdecken und erzählen sich aus ihrem Leben. Die Rechnung allerdings übernimmt an solchen Tagen noch immer die Mama.
Serie „Rabenmütter!?“
Immer wieder stehen Frauen vor der Entscheidung: Kind oder Karriere oder beides und wenn dann wie? Entscheiden sie sich für beides, werden sie schnell hinter vorgehaltener Hand als Rabenmütter tituliert. „Stimmt nicht“, sagen häufig die Kinder. Wir haben einmal näher hingeschaut und präsentieren Mütter, Kinder und verschiedene Betreuungsmodelle in einer losen Porträtserie (Porträtserie: Rabenmütter!?).
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@Michael Meier, erklären Sie mir mal Ihre Welt,
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