Home
http://www.faz.net/-gym-ykse
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rabenmütter!? Mutterliebe und Au-pair-Erziehung

31.08.2009 ·  Lassen Frauen ihr Kind frühzeitig betreuen, werden sie schnell als Rabenmütter tituliert. Der Nachwuchs sieht das oft wesentlich entspannter. Wir haben einmal näher hingeschaut und präsentieren Mütter, Kinder und verschiedene Betreuungsmodelle in einer losen Porträtserie.

Von Melanie Amann
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Wenige Stunden nach der Geburt ihres zweiten Sohns Vincent verabschiedete sich Rechtsanwältin Daniela Weber-Rey in eine Telefonkonferenz mit New York. „Eine Geburt hat mich zum Glück körperlich nie groß belastet. Ich weiß noch, dass sich die Mandanten erkundigt haben, wann denn mein Kind kommt. Dabei war es schon da.“

Drei Kinder haben Daniela Weber-Rey und ihr Mann großgezogen, eine längere berufliche Auszeit haben die beiden sich dafür nicht gegönnt. Als die Anwältin vor mehr als 20 Jahren ihr erstes Kind erwartete, warnte der geschäftsführende Partner ihrer Kanzlei sie: „Warten Sie die Geburt ab, Sie kommen ja doch nicht zurück!“ Aber Daniela Weber-Rey kam immer wieder.

Heute ist sie Partner der internationalen Großkanzlei Clifford Chance, Spezialistin für Unternehmenstransaktionen im Finanz- und Energiesektor, Verwaltungsratsmitglied einer französischen Großbank und als erste und bislang einzige Frau Mitglied der Regierungskonferenz für Corporate Governance, die Empfehlungen für eine gute Unternehmensführung entwickelt. In manchen Wochen kommt sie mit 17 Stunden Schlaf aus.

„Kritik kam immer nur von außen“

Familie Rey wohnt im Frankfurter Westend, in einem großen Altbau, nur wenige Minuten entfernt von dem Büroturm von Clifford Chance. Im zweiten Obergeschoss hat Vater Stephan Rey sein Büro eingerichtet, er war früher Investmentbanker und ist heute selbständiger Unternehmensberater. Unten im Wohnzimmer sitzen Julien, Vincent und Léonie mit ihrer Mutter am Esstisch und wundern sich, dass schon wieder jemand hören will, wie sie es ihre ganze Kindheit nur mit Fremdbetreuung ausgehalten haben.

„In unserer Familie hat niemand dieses Zusammenleben in Frage gestellt“, sagt Léonie, 17 Jahre alt, die gerade das Abitur an der Europäischen Schule in Frankfurt hinter sich hat und vor einem Auslandsjahr in Marokko steht. „Kritik kam immer nur von außen. In der Schule musste ich mir immer mal wieder von Lehrern anhören, dass meine Mutter ja wohl viel zu wenig Zeit für uns hat.“ Sie selbst hätte dieses Gefühl nie gehabt, sagt Léonie: „Allerdings kannten wir auch kein anderes Leben.“

Ihr älterer Bruder Julien, der vor dem Berufsstart als Unternehmensberater steht, hält die Lebensplanung seiner Mutter auch für selbstverständlich. „Ich wundere mich zunehmend über die Berichte, dass Frauen es so schwer im Job hätten. Ich kenne vor allem die Situation meiner Mutter, die ihre Arbeit liebt und alles erreicht hat, was sie wollte. Ich kann nicht nachvollziehen, wie jemand seine Frau drängen kann, daheimzubleiben.“

Auf das Prinzip „quality time“ gesetzt

Nach Juliens Geburt vor 22 Jahren blieb Daniela Weber-Rey einen knappen Monat zu Hause und reduzierte dann ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent - was in anderen Branchen noch immer 110 Prozent wären. Als ein Jahr später Vincent und dann Léonie folgten, stieg die Mutter gleich nach der Geburt wieder voll ein in den Beruf. Um die Kinder kümmerten sich Au-pair-Mädchen und Haushälterinnen - „oft nicht schlechter ausgebildet als ich selbst“, sagt die Anwältin. Ihre Sekretärin hatte Anweisung, alle Anrufe von daheim durchzustellen, die ihr wichtig erschienen. Die Betreuung hatte ihren Preis: „Lange Zeit ging ein ganzes Nettogehalt dafür drauf“, sagt Daniela Weber-Rey. Anfangs halfen ihre Eltern aus, die beiden Töchtern versprochen hatten, für jedes Enkelkind im ersten Lebensjahr die Betreuung zu finanzieren.

„Am Anfang fiel mir die Trennung von den Kindern schon sehr schwer“, erinnert sich Weber-Rey. „Vor allem die Geburt des ersten Kindes hat eine enorme emotionale Wucht. Ich hatte zwar keine Schuldgefühle, weil ich wieder arbeitete. Aber ich fühlte mich doch zerrissen zwischen der Arbeit und den Kindern.“ Echte Teilzeit sei trotzdem für sie nie ein Thema gewesen. „Ich habe immer ungern Mandatsarbeit abgegeben. Und ich sehe, dass viele Mütter in Teilzeit unglücklich sind, weil sie sich nie zu 100 Prozent auf eine Sache einlassen können. Sie können weder zu Hause loslassen, noch sind sie wirklich zufrieden mit ihrer beruflichen Leistung.

Weber-Rey setzte deshalb auf das Prinzip „quality time“. Während eines Studienjahres an der Columbia University in New York, als Julien schon unterwegs war, waren die Zeitschriften voll mit Geschichten über „working moms“, Stillen am Arbeitsplatz und die „quality time“ daheim. „Ich habe mir zur Regel gesetzt, dass ich die Zeit zu Hause immer mit den Kindern verbringe, nie mit dem Haushalt“, sagt Weber-Rey. Sie räumte nicht auf, sie bügelte nicht, sah nicht fern und telefonierte auch nicht ausgiebig mit Freundinnen.

Die Kinder verteidigen das Lebensmodell vehement

Ihre Kinder hat die Strategie überzeugt. Julien, der gerade sein Studium in Internationalen Beziehungen an der Boston University abgeschlossen hat, fand es „viel intensiver, meine Mutter drei Stunden am Stück ganz für mich zu haben, als wenn sie neun Stunden da gewesen wäre, aber sich ständig mit anderen Dingen beschäftigt hätte. Wir haben von unseren Eltern die Liebe bekommen und die alltägliche Erziehung eben oft von Au-pair-Mädchen oder der Haushälterin.“

Die Anwältin Weber-Rey beobachtet, dass ihre Kinder ihr Lebensmodell viel vehementer verteidigen als sie selbst. „Vielleicht weil sie spüren, dass die Außenwelt es oft kritisch sieht.“ Auch ihr Ehemann habe ihr Pensum nie in Frage gestellt, sagt Weber-Rey: „Eigentlich hatte ich selbst früher geplant, für die Familie beruflich auszusetzen. Aber als es so weit war, erschien es uns beiden ganz selbstverständlich, dass ich weiter arbeite.“ Später habe sogar ihr Mann mit seiner Entscheidung für die Selbständigkeit beruflich zurückgesteckt und ihre Karriere unterstützt. Denn um in seinem Beruf ganz nach oben zu kommen, hätte er Jahre im Ausland verbringen müssen.

Um das Berufs- und Privatleben besser abzustimmen, durften die Rey-Kinder länger aufbleiben als ihre Freunde, auch während der Kindergartenzeit oft bis 23 Uhr, damit sie noch etwas von ihren Eltern hatten. Dafür war der Mittagsschlaf ein fester Termin im Tagesablauf. „Es gab überhaupt feste Familienrituale“, berichtet Vincent, der eine Ausbildung zum Vermögensberater macht. „Wir sind sehr oft zusammen ins Kino gegangen, und das Wochenende war wirklich für die Familie reserviert.“ Dafür habe er auch Freunden abgesagt. Deren Eltern seien fast alle geschieden, hat der 21-Jährige beobachtet. „Im Vergleich dazu scheint unser Familienmodell ganz gut zu funktionieren.“

Nachmittags Ruhe haben vor den Eltern

In der Schulzeit genossen die Kinder es auch, nachmittags Ruhe zu haben vor den Eltern. Wenn die Rechtsanwältin einmal ausnahmsweise früher nach Hause kam, kam bei den Kindern nicht unbedingt Freude auf. Mancher Konflikt, den Eltern und pubertierende Kinder sonst überstehen müssen, blieb im Hause Rey aus. „Meine Freunde standen mehr unter Kontrolle, aber hatten nicht unbedingt bessere Noten“, sagt Léonie. „Und obwohl meine Mutter nicht so oft da war, hat sie mehr Liebe über uns ausgeschüttet als manche Mutter in meinem Bekanntenkreis.“

Für Léonie, die Geschichte und arabische Sprachen und Kultur studieren will, steht fest: „Wenn ich je so weit komme wie meine Mutter, will ich mein Leben auch so organisieren.“ Eine Mannschaft sei die Familie gewesen. So viel arbeiten wie die Eltern wollen allerdings alle drei Kinder nicht unbedingt. Und Vincent kann sich auch durchaus vorstellen, lieber „nicht so eine ehrgeizige Frau“ zu heiraten, wie seine Mutter es ist.

Serie „Rabenmütter!?“

Immer wieder stehen Frauen vor der Entscheidung: Kind oder Karriere oder beides und wenn dann wie? Entscheiden sie sich für beides, werden sie schnell hinter vorgehaltener Hand als Rabenmütter tituliert. „Stimmt nicht“, sagen häufig die Kinder. Wir haben einmal näher hingeschaut und präsentieren Mütter, Kinder und verschiedene Betreuungsmodelle in einer losen Porträtserie.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel