02.09.2009 · Als Rabenmutter wurde Birgit Mensing zum ersten Mal beschimpft, als ihre Tochter vier Monate alt war - von einer Verwandten. Heute lobt dieselbe Tante die wohlgeratenen Kinder über den grünen Klee.
Von Sebastian BalzterManager, das Wort haben Michelle, Anika und Jasmin früh kennengelernt. Weil ihnen der Klang von „Mann“ und „Natsch“ so gut gefällt, sprechen Birgit Mensings Töchter es zwar noch ein wenig anders aus als im Business-English-Kurs, aber was ein Manager macht, das wissen sie schon genau: „Jungs rumkommandieren!“ Mensing lacht, so schnell wie ihre eigenen Kinder erklärt ihr sonst niemand ihre Aufgaben. Als Abteilungsleiterin im Großkundengeschäft von T-Systems ist sie von ihrem Berliner Büro aus für „Presales & Servicemanagement Nord“ zuständig und seit drei Jahren für rund 50 Mitarbeiter verantwortlich.
Um Computer und Technik geht es dabei, typische Männersachen. Die Chefin, 45 Jahre alt und im grauen Hosenanzug unterwegs, ist die einzige Frau in der Abteilung. Dass sie ihren männlichen Kollegen problemlos in die Augen schauen kann, liegt nicht nur an ihrer Körpergröße und der fachlichen Qualifikation, die sie im Ingenieurstudium und in sechs Jahren als Monteurin im Außendienst gesammelt hat. Eine kräftige Portion Durchsetzungsvermögen gehört auch dazu. Ohne sie hätte Mensing auch kaum den Sprung in die Handball-Bundesligamannschaft der Reinickendorfer Füchse geschafft. Vom Kunststück einer Karriere mit drei Kindern ganz zu schweigen.
„Dass ich zu Hause bleiben könnte, war nie ein Thema“
Vor 16 Jahren, als sie sich nur vier Monate nach Michelles Geburt für eine ganze Woche mit ihren Handballerinnen ins Trainingslager verabschiedete, sei sie zum ersten Mal als Rabenmutter beschimpft worden, berichtet Mensing. Man sieht ihr den Triumph nicht an, wahrscheinlich empfindet sie es auch gar nicht als solchen - aber neulich auf einem Familienfest sei dieselbe Tante geradewegs ins Schwärmen geraten darüber, wie wohlerzogen und freundlich ihre drei Nichten doch seien.
„Mein Mann und ich hatten nie das Gefühl, etwas falsch zu machen“, sagt Birgit Mensing bloß dazu. Weder bei Michelle noch bei Anika, die vier Jahre jünger ist, noch bei Jasmin, die gerade zehn geworden ist. Alle drei Kinder haben die Eltern tagsüber zur Betreuung fremden Händen anvertraut, noch ehe sie laufen konnten. „Dass ich zu Hause bleiben könnte, war nie ein Thema“, stellt Mensing im Nachhinein fest.
Dabei hat sie selbst als Kind ganz andere Erfahrungen gemacht. In Uelzen am Rand der Lüneburger Heide, wo sie zusammen mit einem Bruder und einer Schwester aufwuchs, kümmerte sich ihre Mutter in Vollzeit um die Familie. Gleich hinter dem Haus fing der Abenteuerspielplatz Wald an, vor dem Kindergarten dagegen nahm Birgit Mensing Reißaus. „Ich rebellierte regelrecht dagegen, ich passte nicht in das dort angewandte Konzept der behüteten Beschäftigung.“ Nur ein paar Wochen lang hielten ihre Eltern dagegen, dann ließen sie die damals Vierjährige wieder auf eigene Faust im Wald spielen.
Den Haushalt und die Wäsche schleifen lassen
Mensings Tochter Michelle war zur Rebellion zu jung, als sie zum ersten Mal in die Liegekrippe gebracht wurde, sechs Monate nach ihrer Geburt. Heute ist sie fast so groß wie ihre Mutter und im Gymnasium eine 15-Punkte-Kandidatin - nicht nur in Informatik, wo sie das einzige Mädchen im Kurs ist. Auch sonst gibt es Parallelen: Nach der Schule will sie vielleicht Ingenieurin werden, und Handball spielt sie dreimal die Woche. „Ich finde, unsere Eltern haben das richtig gut gemacht“, sagt sie. „Sogar, dass wir manchmal die Kinder waren, die als letzte abgeholt wurden, hatte einen Vorteil. Dadurch haben uns jedenfalls schnell alle im Hort gekannt.“
Aber diese Situationen habe sie so oft wie möglich zu vermeiden versucht, betont Birgit Mensing, denn die gefühlte Kluft zwischen „Ganztagskindern“ und „Halbtagskindern“ sollte nicht zu groß werden. Nicht vom Abholen, sondern vom „Kinderretten“ spricht sie dabei mit rauhem Humor. Sowohl ihr Mann, ein Softwareentwickler bei SAP, als auch sie selbst hätten stets flexible Arbeitszeiten gehabt. Einer sei morgens schon sehr früh aus dem Haus gegangen, um am Nachmittag die Kinder einigermaßen früh zu retten; der andere habe morgens mit ihnen gefrühstückt und sei dafür abends länger im Büro geblieben.
Andere Eltern seien nicht berufstätig gewesen und hätten ihre Kinder trotzdem abends erst in letzter Minute abgeholt, mit einem „Du nervst“ auf den Lippen. „Wir haben zwar theoretisch immer für eine Betreuungsmöglichkeit von 6 bis 18 Uhr gesorgt, aber den Zeitraum nie voll ausgeschöpft.“ Und abends und am Wochenende, darauf legt Mensing Wert, stand die Familie umso mehr im Vordergrund. „Den Haushalt, die Wäsche und dergleichen haben wir dann schleifen lassen“, sagt sie. „Wer dazu nicht bereit ist, sollte sich lieber keine Kinder anschaffen.“
Wie ein Druck auf die Reset-Taste
So kurz wie möglich hat Birgit Mensing ihre Auszeiten rund um die Geburt stets gehalten, mehr als ein oder zwei Monate Erziehungsurlaub nie genommen. Dennoch habe zur bewussten Entscheidung für die Kinder auch die Bereitschaft gehört, beruflich zurückzustecken. „Für die Karriereleiter war das jedes Mal wie ein Druck auf die Reset-Taste.“
Über die Reaktion vieler Vorgesetzter auf die Nachricht von einer Schwangerschaft dürfe sich niemand falsche Vorstellungen machen. Wenn andere Frauen sie um Rat bitten, empfiehlt sie ihnen deshalb, sich rund um die Geburt mit dem gesammelten Jahresurlaub und dem Mutterschutz ein halbes Jahr freizublocken. Währenddessen dürfe die Stelle nämlich nicht neu ausgeschrieben werden. „Danach kann man sich überlegen, ob man noch einen oder zwei Monate Erziehungsurlaub dranhängt.“ In so kurzer Zeit sei eine neue Fachkraft kaum zu finden, die Rückkehr auf die eigene Stelle deshalb ziemlich sicher.
Außer der Kindertagesstätte haben Mensings auch andere Modelle ausprobiert. Nach Anikas Geburt nahm ihr Vater ein halbes Jahr Erziehungsurlaub, und Jasmin war in ihrem ersten Lebensjahr tagsüber bei einer vom Bezirksamt empfohlenen Tagesmutter. „Als meine Tochter mir nachmittags Widerworte und der Tagesmutter zum ersten Mal einen dicken Schmatzer gab, war das schon ein seltsames Gefühl“, sagt Mensing.
Doch das Gefühl verflog. Die frühere Tagesmutter ist inzwischen in die Nachbarschaft gezogen und zählt zum Kreis der Helfer, ohne die ihr Unternehmen Familie, das gibt Birgit Mensing zu, vermutlich scheitern würde. „Mit zehn Jahren werden die Kinder aus dem Hort rausgeschmissen, aber selbst versorgen können sie sich dann ja noch nicht.“ Bis 15 Uhr sei die einstige Tagesmutter nun in der Regel wieder für Jasmin da, erst danach gehe sie nach Hause. Dort übernimmt nun Michelle nach und nach Verantwortung für ihre jüngeren Schwestern.
Die Option Oma gibt es nicht
Die Option Oma dagegen gibt es im Alltag nicht - dazu wohnen die Großeltern zu weit entfernt, drei Stunden Bahnfahrt sind es bis nach Uelzen. Dafür sei die öffentliche Kinderbetreuung in Berlin unschlagbar günstig. „Mehr als 500 Euro haben wir trotz Höchstsatz nie im Monat bezahlt“, rechnet Birgit Mensing vor. „Sogar in den beiden Jahren, als alle drei im Hort waren. Für so wenig Geld hätten wir sie zu Hause wahrscheinlich nicht betreuen können.“ Eine Freundin in Niedersachsen zahle fast doppelt so viel für drei Halbtagsplätze.
Und die Qualität der Erzieher, das problematische soziale Umfeld, um das sich viele wohlhabende Großstadteltern sorgen? Birgit Mensing, eine Ingenieurin eben, antwortet kurz und schmerzlos mit dem Vokabular aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung: „Wir haben uns das Personal nie vorher angesehen. Da hat man einen ganz normalen Gauß.“ Eine Normalverteilung also, mit wenig positiven und negativen Extremen und einem breiten Mittelfeld. „Wenn unsere Kinder todunglücklich gewesen wären, dann hätten wir das schon früh genug gemerkt.“
Dass über Sorgen, Ängste und Probleme zu Hause offen gesprochen werde, sei genauso selbstverständlich wie der Grundsatz, dass familiäre und berufliche Termine mit der gleichen Ernsthaftigkeit eingehalten würden. Und dank der Mobiltelefone, die alle drei Töchter mittlerweile haben, ist Birgit Mensing in Notfällen auch während der Arbeitszeit für sie erreichbar. Als Anika, die von der Mutter die Sommersprossen und das glatte brünette Haar geerbt hat, vor kurzem mitten in einer Besprechung für einen Kochversuch dringend mütterlichen Beistand brauchte, habe sie keinen Augenblick gezögert, ehe sie ihr weiterhalf. „Die Kollegen spielen im Meeting ja auch mit ihren Blackberrys rum. Das ist wahrscheinlich meistens viel unwichtiger als das Rezept für Milchreis.“
Serie „Rabenmütter!?“
Immer wieder stehen Frauen vor der Entscheidung: Kind oder Karriere oder beides und wenn dann wie? Entscheiden sie sich für beides, werden sie schnell hinter vorgehaltener Hand als Rabenmütter tituliert. „Stimmt nicht“, sagen häufig die Kinder. Wir haben einmal näher hingeschaut und präsentieren Mütter, Kinder und verschiedene Betreuungsmodelle in einer losen Porträtserie.