An den Türen hängen bunte Kinderzeichnungen, im Büro türmt sich das Spielzeug. Es ertönt ein Kinderlachen, hell und laut, und dann die Frage: „Mami, Mami, kannst du mir meinen Orangensaft geben?“ Büroalltag bei Lifetime Media. Die Präsidentin des New Yorker Verlags, Jacqueline Grace, lächelt geduldig, unterbricht kurz ihre Besprechung und reicht ihrer Tochter Alexandra ein Glas. Dann geht es weiter im Text.
Seit mehr als fünf Jahren ist Alexandra die wichtigste Mitarbeiterin von Lifetime Media. Das zeigt sich schon daran, dass ihr kleines Büro mit eigenem Computer direkt neben dem Zimmer der Präsidentin liegt. Dort feilt die Fünfjährige an ihren eigenen Designs, überprüft gewissenhaft die E-Mails ihrer Chefin oder erledigte Kontrollbesuche bei den Mitarbeitern. Pausen nimmt sie sich, wann es ihr passt. Manchmal legt sie sich aufs Ohr oder testet die Kreativität ihrer Kollegen. Der Flur mag zwar eng sein, aber zum Fangenspielen reicht er allemal.
Bis zum vergangenen Herbst arbeitete die jüngste Mitarbeiterin von Lifetime Media Vollzeit in dem kleinen Team von rund einem Dutzend Angestellten. Erst wenn die Chefin das Büro verließ, ging sie auch. Seit September macht sie eine Fortbildung in der nahe gelegenen Vorschule und ist deshalb momentan nur sporadisch an ihrem Arbeitsplatz.
Jeden Tag mit ins Büro
Was für den Großteil der Arbeitswelt bisher undenkbar ist, hat Jacqueline Grace über Jahre hinweg praktiziert: Seit ihre Tochter zwei Monate alt ist, nahm sie sie jeden Tag mit ins Büro. Ihr Antrieb: Sie steckte in dem gleichen Dilemma wie unzählige andere berufstätige Mütter auch. „Mir war es immer sehr wichtig, mein Kind selbst großzuziehen, aber auf der anderen Seite hatte ich mein eigenes Unternehmen“, erläutert Jacqueline Grace mit ihrer ruhigen Stimme, die im krassen Kontrast zu ihrem quirligen Nachwuchs steht. Seit mehr als 15 Jahren führt sie ihren eigenen kleinen Verlag für Bücher rund um die Themen Lifestyle, Erziehung und Gesundheit in der Nähe des Madison Square Garden im Herzen Manhattans.
Karrierefrau oder Übermutter? Jacqueline Grace will beides sein. Am Morgen der Geburt war eine Besprechung angesetzt, an der sie selbst noch teilnehmen wollte, nachdem die Wehen eingesetzt hatten. Doch Alexandra war schneller. Allerdings sollte es das einzige Mal bleiben, dass sich Grace zwischen Familie und Beruf entscheiden musste. „Für mich ist es selbstverständlich, dass eine Frau gleichzeitig ihre Kinder und ihre Arbeit haben möchte“, sagt sie. „Ich verstehe gar nicht, warum diese beiden Dinge überhaupt getrennt werden müssen.“
Wochenendseminare für die Büromütter
Während Jacqueline Grace aus eigenem Antrieb ihr zweigleisiges Leben als Mutter und Chefin meistert, versucht Carla Moquin Babys im Büro auch im Rest des Landes in nahezu allen Branchen salonfähig zu machen. Die Amerikanerin gründete 2007 das Institut zur Kinderbetreuung am Arbeitsplatz (Parenting at the workplace Institute) mit Sitz im konservativen Salt Lake City. Seitdem kämpft sie gegen die weitverbreitete Meinung, dass Kinder am Arbeitsplatz nichts zu suchen hätten. In Wochenendseminaren informiert sie Eltern und Unternehmen über die Vorzüge dieser Idee: Unternehmen müssten so nicht auf ihre qualifizierten weiblichen Mitarbeiter verzichten, und Mütter könnten sich länger selbst um die Erziehung ihrer Kinder kümmern.
Im Gegensatz zum New Yorker Beispiel konzentriert sich ihr Institut allerdings auf Babys bis zum Krabbelalter zwischen sechs und acht Monaten. In diesem Alter sei es einfacher, die Kinder mit zur Arbeit zu nehmen, sagt die studierte Psychologin.
„Anfangs ist es für jeden schwierig sich vorzustellen, wie das funktionieren soll“, sagt Carla Moquin verständnisvoll, wann immer sie mit der üblichen Skepsis zu diesem Thema konfrontiert wird. Aber selbst Unternehmen, die der Idee zuvor ablehnend gegenüberstanden, seien nach einer Versuchsphase begeistert. Die Kollegen bauten meist eine sehr enge Beziehung zu den Kindern auf, und die Atmosphäre im Büro sei wesentlich fröhlicher. Inzwischen umfasst ihre Liste rund 125 Unternehmen in den Vereinigten Staaten, die ihren Mitarbeitern erlauben, ihre Babys jeden Tag mit zur Arbeit zu bringen, darunter Schulen, Anwaltskanzleien, die Handelskammer in Seattle sowie mehrere Landesministerien der amerikanischen Bundesstaaten North Dakota und Kansas.
Oft schlicht eine finanzielle Notwendigkeit
Dabei ist es kein Zufall, dass das Konzept ausgerechnet in den Vereinigten Staaten immer mehr Anhänger findet. In vielen Familien ist es schlicht eine finanzielle Notwendigkeit, dass die Frauen früh wieder zurück in den Beruf finden. Der gesetzlich garantierte Mutterschutz dauert nur einige Wochen, und wenige Unternehmen bieten ihren Müttern darüber hinaus noch bezahlten Erziehungsurlaub an. Von einer staatlichen Unterstützung nach dem Vorbild des deutschen Elterngeldes kann schon gar keine Rede sein.
Das Geheimnis des Erfolges liegt nach Ansicht von Carla Moquin zudem in der sozialen Ader der Säuglinge, die oft nichts lieber täten, als das bunte Treiben in einem Büro zu verfolgen. Das sei nicht zu vergleichen mit dem gelangweilten Gequengel, das Kinder oft in den eigenen vier Wänden an den Tag legten. Allerdings sollten Unternehmen klare Regeln aufstellen, damit der niedliche Nachwuchs nicht alle Kollegen von der Arbeit abhalte, warnt Carla Moquin. Dazu müssen zwei Mitarbeiter gefunden werden, die im Notfall der Mutter unter die Arme greifen können - der Rest der Belegschaft darf nicht behelligt werden. Viele Unternehmen erlaubten Babys sogar im Großraumbüro, erzählt Carla Moquin. In dieser Konstellation stehe den Müttern meist ein Familienraum zur Verfügung, in den sie sich zurückziehen können, wenn das Kind schreit und nicht sofort beruhigt werden kann. Die Mütter dankten es dem Unternehmen meist mit besonders harter Arbeit.
Auch Jacqueline Grace ist nach fünf Jahren immer noch überzeugt von ihrer Idee. „Man schafft seine Arbeit, solange man ein bestimmtes Maß an Organisation einhält“, bekräftigt sie, während sie ihrer Tochter zum Mittagessen einen Apfel schält. „Das musste ich auch erst lernen.“ Hinzu kam, dass sich Alexandras Bedürfnisse stetig änderten: Anfangs saß sie in einem kleinen Sitz am Schreibtisch ihrer Mutter gegenüber, sah ihr beim Arbeiten zu und ließ sich füttern. Als Alexandra größer wurde, wollte sie mitarbeiten. Das clevere Mädchen, das mit zweieinhalb Jahren schon lesen konnte, setzte sich während der Arbeit neben ihre Mutter und korrigierte ihre E-Mails. „Sie war buchstäblich ihr ganzes Leben lang umgeben von Büchern“, erzählt Grace. „Ich denke, das hat sie inspiriert.“
„Das ist nun einmal mein Leben“
Ihren Arbeitstag gestaltete die Verlegerin kreativ: Telefongespräche und Konferenzschaltungen organisierte Jacqueline Grace zu den Zeiten, in denen ihre Tochter schlief oder gestillt werden musste. Später erledigte sie ihre geschäftlichen Telefonate auf dem Spielplatz. Erst als Alexandra ein Jahr alt wurde, holte sie sich für ihre Tochter hin und wieder einen Babysitter ins Büro, an besonders hektischen Tagen half ihr Ehemann aus.
Auch die Autoren des Verlages reagierten mit einer Mischung aus Gelassenheit und Begeisterung, wenn Grace ihre Tochter mit auf Besprechungen nahm - obwohl sie vorher ihre Gesprächspartner nicht darüber informierte. „Ich will mich nicht dafür entschuldigen, dass ich meine Tochter mitbringe“, sagt sie bestimmt. „Das ist nun einmal mein Leben.“
Mit jeder positiven Erfahrung fiel es ihr leichter, Alexandra in ihren beruflichen Alltag einzubinden. So nahm sie sie vor einigen Jahren gar auf eine Dienstreise nach Washington mit. Dort traf sie sich mit einem Verleger und mit dem Kaplan des amerikanischen Senats, Barry Black. „Ich hatte befürchtet, dass sie es unangebracht finden, dass ich meine Tochter mitnehme“, erzählt Jacqueline Grace. „Aber die beiden Herren reagierten phantastisch“. Selbst als Alexandra anfing, in seinem Büro die Bücher aus dem Regal zu räumen, blieb Black gelassen. „Ich merkte schnell, dass es meinen Geschäftspartnern nichts ausmachte, dass sie dabei war, solange ich meine Arbeit gut machte.“ Nur ein einziges Mal habe sie es erlebt, dass sich eine Anwältin nach einer Telefonkonferenz über die Geräuschkulisse ihrer Tochter beschwerte.
„Die Vorteile wiegen die Nachteile bei weitem auf“, schwärmt die Unternehmerin. Routiniert hebt sie ein Spielzeugtelefon vom Boden auf, bevor sie ihre eigenen Unterlagen für die nächste Besprechung zusammenpackt. Ihre wichtigste Mitarbeiterin hopst derweil jubelnd durch den Gang zu ihrem nächsten Kontrollbesuch bei der Praktikantin. „Frauen können das schaffen, wenn sie es wollen“, bekräftigt Grace, bevor sie eilig ihr Büro verlässt. „Wir müssen nur begreifen, dass es auch gesellschaftlich in Ordnung ist.“
Serie „Rabenmütter!?“
Immer wieder stehen Frauen vor der Entscheidung: Kind oder Karriere oder beides und wenn dann wie? Entscheiden sie sich für beides, werden sie schnell hinter vorgehaltener Hand als Rabenmütter tituliert. „Stimmt nicht“, sagen häufig die Kinder. Wir haben einmal näher hingeschaut und präsentieren Mütter, Kinder und verschiedene Betreuungsmodelle in einer losen Porträtserie.
und was ist mir den unzähligen Kassiererinnen?
Andreas Westerbarkei (westerbarkei)
- 10.09.2009, 02:53 Uhr
