Home
http://www.faz.net/-gym-6vcii
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Psychotherapeuten Lange Durststrecke

24.11.2011 ·  Wer Psychotherapeut werden will, muss nach dem Studium eine lange und teure Ausbildung in Kauf nehmen. Viele arbeiten ein Jahr lang ohne Bezahlung in der Psychiatrie. Am Ende winkt dafür meist ein sicherer Arbeitsplatz.

Von Philipp Alvares de Souza Soares
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)
© dpa

Anna Nitsche arbeitet in einer psychiatrischen Klinik in Lüneburg. Sie geht gern zur Arbeit, freut sich, mit den Patienten zusammen zu sein. Nitsche leitet eine Entspannungs- und eine Depressionsbewältigungsgruppe, führt Einzelgespräche mit Menschen, die sich selbst verletzen wollen. Aber manchmal, wenn sie auf ihren Kontoauszug blickt, ist die Diplom-Psychologin ziemlich unzufrieden. Rund 1000 Euro brutto verdient sie im Monat - für eine Vollzeitstelle. Dass sie nach dem Studium weniger Geld zur Verfügung hat als zuvor, macht ihr zu schaffen. „Ich hatte mir das einfacher vorgestellt“, sagt sie.

Dabei hat es Nitsche vergleichsweise gut getroffen, sie verdient wenigstens noch etwas. Seit vergangenem Mai macht sie das „Psychiatriejahr“, das jeder zu absolvieren hat, der „Psychologischer Psychotherapeut“ werden will. 1200 Stunden in einer Psychiatrie verteilt über mindestens ein Jahr, und dann noch einmal 600 Stunden in einer psychosomatischen Einrichtung sind fester Bestandteil der Ausbildung. In Ballungsräumen wie Berlin, Hamburg oder Köln müssen die Jungtherapeuten dabei oft umsonst oder für ein kleines Praktikantengehalt arbeiten. Abends oder an den Wochenenden stehen dann noch Seminarbesuche an. Die Ausbildung dauert alles in allem mindestens drei Jahre - und sie kostet Geld. 1100 Euro muss etwa Nitsche pro Quartal an ihr Ausbildungsinstitut überweisen. Später kommen weitere Kosten für Supervision und Selbsterfahrung hinzu. Wenn die Ersparnisse nicht reichen oder die Eltern nichts dazugeben können, müssen daher viele einen Kredit aufnehmen, um den Lebensunterhalt und die Ausbildungskosten bezahlen zu können.

„Die Arbeit in der Psychiatrie ist eine harte Arbeit“, sagt Katharina Röpcke. Auch sie will Therapeutin werden, macht ihre Ausbildung in Berlin. Ihr Psychiatriejahr absolviert sie an einer Klinik des Vivantes-Konzerns. Dort zahlte man ihr zunächst 200 Euro im Monat. Ihr und gut 200 anderen „Psychotherapeuten in Ausbildung“ (PIAs) aus Berlin war das nicht genug, sie wollten sich wehren. Also gingen die „Psychotherapeuten in Ausbeutung“, wie sich das Aktionsbündnis nennt, mehrmals auf die Straße, zogen im September etwa von der Charité zum Bundesministerium für Gesundheit. Zumindest Vivantes hat inzwischen die Bedingungen verbessert, Röpcke verdient nun immerhin 400 Euro. Dennoch soll Anfang Dezember in Berlin der erste PIA-Streik Deutschlands stattfinden. Offenbar hat nun auch die Politik die Klagerufe wahrgenommen: Das Gesundheitsministerium kündigte etwas vage an, die Ausbildung noch in dieser Legislaturperiode „umfassend“ reformieren zu wollen.

Menschen aus der Krise begleiten

Doch warum tut man sich das eigentlich alles an? 350 Euro zahlt Röpcke im Monat für ihre Ausbildung, das Gehalt verschwindet also gleich wieder. „Das ist eine idealistische Entscheidung“, sagt sie. Ihr mache die Arbeit viel Freude, es sei etwas „sehr Schönes, einen Menschen aus einer Krise zu begleiten“. Außerdem ist die Durststrecke begrenzt: Nach dem Psychiatriejahr kann man sich einen normalen Job suchen und verdient Geld mit den ambulanten Therapiesitzungen, die man im Rahmen der Ausbildung zu absolvieren hat. 55 Euro pro Sitzung sind es etwa bei Robin Siegel, der sich in der Endphase der Ausbildung befindet. Mindestens 600 Sitzungen müssen PIAs unter Supervision machen, da kommt einiges zusammen. „Ich werde ohne Lebenshaltungskosten wahrscheinlich mit zwei- bis viertausend Euro plus rauskommen“, sagt Siegel. Nach seinem Studium musste er zunächst wieder bei seiner Mutter einziehen, um sich das Psychiatriejahr leisten zu können. Danach lief es finanziell aber schnell besser.

Siegel ist PIA-Sprecher im Berufsverband Deutscher Psychologen und setzt sich für eine angemessene Bezahlung durch die Psychiatrien ein. Er und seine Mitstreiter betreiben etwa eine Website, auf der man sich über die Konditionen vieler Kliniken informieren kann. „Einige Kollegen gehen auch aufs Land“, sagt er. Die Kliniken dort suchen oft händeringend nach Psychologen und zahlen daher deutlich mehr. „Die meisten wollen einfach lieber in eine Großstadt und die Psychiatrien nutzen das aus.“ Siegel rät, vor dem Ausbildungsstart die Angebote der Kliniken und Ausbildungsinstitute genau zu vergleichen. „Viele machen sich da zu wenig Gedanken“, findet er. Die Ausbildungskosten werden nämlich oft nicht wirklich transparent gemacht. Beispielsweise gibt es beträchtliche Unterschiede bei der Vergütung, die Auszubildende für die 600 ambulanten Therapiesitzungen erhalten. An manchen Instituten werden etwa nur 35 Euro pro Sitzung gezahlt, anderswo gibt es dafür über 60 Euro. Die Ausbildung an sich ist dann oft nur scheinbar günstig; wenn man die geringeren Einnahmen durch die Therapie mit einrechnet, zahlt man schnell über 10.000 Euro mehr. „Bei Sätzen unter 40 Euro wäre ich skeptisch“, sagt Siegel. Denn die Krankenkassen zahlen den Instituten gut 80 Euro pro Sitzung - da bliebe in diesem Fall eine unverhältnismäßig hohe Marge hängen.

Immer beliebter

Trotz der harten Ausbildungszeit wird der Beruf des Therapeuten immer beliebter. Schlossen 2006 noch 862 Kandidaten die schriftliche Prüfung zum Psychologischen Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) ab, waren es im vergangenen Jahr 1497. Die Ausbildung zum KJP können neben Psychologen auch Pädagogen absolvieren. Die Therapeuten in spe müssen sich auch noch für eine Therapierichtung entscheiden. Drei Verfahren werden von den Krankenkassen anerkannt und bezahlt: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch-fundierte und analytische Psychotherapie. Von all diesen ist die analytische Therapievariante am aufwendigsten und am kostspieligsten. Mindestens fünf Jahre dauert hier die Ausbildung. Teurer ist sie, weil mehr „Selbsterfahrung“ verlangt wird: Man muss sich selbst bei einem Lehranalytiker auf die Couch legen.

Die Anhänger der einzelnen Verfahren stehen sich zum Teil sehr kritisch gegenüber, das hört man immer wieder. Jede Gruppe reklamiert den therapeutischen Stein der Weisen für sich, beansprucht das jeweils realistischere Menschenbild. Die Feindschaft untereinander nimmt nicht selten ideologische Züge an. Von diesen Grabenkämpfen sollte man sich aber nicht beunruhigen lassen: Die Wirksamkeit aller drei Verfahren sei wissenschaftlich eindeutig belegt, sagt Kay Funke-Kaiser von der Bundespsychotherapeutenkammer.

Hat man die Ausbildung erst einmal hinter sich gebracht, winkt zwar nicht das große Geld, aber dafür ein sicherer Arbeitsplatz. An einer Klinik kann ein Berufseinsteiger, je nach Tarifstufe, mit ungefähr 3200 bis 3800 Euro brutto rechnen. „Wenn man mobil ist, ist die Chance groß, direkt nach dem Abschluss eine Stelle zu finden“, sagt Funke-Kaiser. Schwieriger wird es, wenn man eine eigene Praxis eröffnen möchte. Hier muss ein Sitz von einem Kollegen gekauft werden. Und diese sind knapp, da die Krankenkassen deren Anzahl 1999 gedeckelt haben. Gesundheitsminister Daniel Bahr hat jedoch kürzlich angekündigt, hier Abhilfe schaffen zu wollen, da die Wartezeit bis zum Therapiebeginn mancherorts bei über einem halben Jahr liegt. Eine „zielgenaue Bedarfsplanung vor Ort“ soll zukünftig die zentralen Vorgaben ersetzen. Je nach Region kann ein Praxissitz bis zu 80.000 Euro kosten, wobei es auf dem Land natürlich auch deutlich günstiger geht. „Ein Therapeut in eigener Praxis kann dafür mehr Geld verdienen“, sagt PIA-Sprecher Siegel, mit 6000 bis 8000 Euro brutto könne man vor Abzug der meist geringen Praxiskosten rechnen. Spätestens dann hat sich die langwierige und teure Ausbildung auch finanziell gelohnt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel