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Samstag, 18. Februar 2012
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Psychologie Einfach mal abschalten

12.12.2007 ·  Unser Hirn ist nicht dafür gemacht, doch Multitasking ist in Mode, ebenso wie die ständige Erreichbarkeit. Arbeitnehmer tun sich damit keinen Gefallen, warnen Forscher. Wer sich dem Wahn unterwirft, zerstört sein eigenes Werk.

Von Tim Farin und Christian Parth
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Die Ansprüche sind unmenschlich im Informationszeitalter. Es reicht nicht mehr, wenn das Hirn des ambitionierten Bewerbers nur gut denken kann, signalisieren die Stellenanzeigen. Nein, zum gefragten Profil eines Bewerbers gehört die "Fähigkeit, umfangreiche und verschiedene Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten". Als ganz banal erachtet es der Inserent einer aktuellen Annonce, dass der Mensch an seinem grauen Bürotisch schier übermenschliche Fähigkeiten vollbringt: "Als Personaldisponentin zeichnen Sie sich durch vorausschauendes Planen, Koordinieren und Multitasking aus." Multitasking. Ein Zauberwort des 21. Jahrhunderts, Synonym für wirtschaftliche Grenzenlosigkeit - und eine Chiffre für falsches Anspruchsdenken.

Das Zeitalter der Multi-Kompatibilität schreitet voran, nicht nur in den inzwischen zu Medienzentren aufgerüsteten Mobilfunkgeräten, sondern in der Arbeitswelt ganz allgemein regiert das Postulat der lücken- und grenzenlosen Verfügbarkeit. Multitasking, die Fähigkeit, parallel E-Mails zu lesen, zu beantworten und zeitgleich mit dem Geschäftspartner aus Kalifornien über einen neuen Vertriebsvertrag zu telefonieren, um scheinbar Zeit zu sparen, ist das Hard Skill der I-Conomy. "Derzeit ist Multitasking absolut in Mode", weiß Florian Koenen von der Topos Personalberatung in Hamburg, "und gerade Führungskräfte hinterfragen den Begriff und die Anforderungen selten."

Kommunikationsstress als Statussymbol?

Dabei würde es sich durchaus lohnen, den kritischen Stimmen zu lauschen, die wissenschaftlichen Ergebnisse zu reflektieren. Menschen, die zu wenig Zeit haben und dabei viel zu tun, packen viele Aufgaben gleichzeitig an, "aber das ist allein hirntechnisch nicht möglich", sagt Gerald Hüther, ein Vordenker der deutschen Neurobiologie von der Universität Göttingen. Kommunikationsstress als Statussymbol? Der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn erwartet jeden Moment den großen "Multitasking Crash", die "Attention-Deficit Recession". Und auch das neueste Buch der deutschen Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel von der Universität St. Gallen widersetzt sich dem allgemeinen Gebimmel. Der Titel: "Das Glück der Unerreichbarkeit".

Das Gespräch mit dieser Zeitung muss Meckel in der U-Bahn über das Mobiltelefon führen. Sie ist in diesem Moment selbst eine "Simultantin", wie sie in ihrem Buch jene Menschen nennt, die beim Samstagseinkauf ihre Arbeit übers Handy mit dem Kollegen diskutieren. Aber sie sagt: "Das bedeutet nicht, dass ich meinen Prinzipien untreu geworden wäre. Ich sehe sie nicht als eiserne Regeln für jeden Moment." Vielmehr mahnt die Forscherin zur allgemeinen Zurückhaltung: Man brauche nicht ständig überall seine Mails zu lesen, wie wild zu telefonieren. Man konzentriere sich auf eine Sache - und sei derweil für andere Gesprächspartner und Dinge unerreichbar. "Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit - aber wir haben sie verlernt", sagt die Professorin, die übrigens einen guten Grund hat, in der U-Bahn zu telefonieren. Der ursprüngliche Telefontermin war ausgefallen, weil sie ihre Koffer nach einem Flug nicht bekommen hatte und deswegen vor einem Vortrag Ersatzkleidung beschaffen musste.

„Crackberry“ ist mehr als ein Wortwitz

Meckel merkt an den Reaktionen ihrer Gesprächspartner, dass sie einen Denkprozess angestoßen hat. Viele Menschen fühlen, dass der Begriff "Crackberry" für den schwarzen Organizer vielleicht doch mehr bedeutet hat als einen billigen Wortwitz. Wer einmal eine SMS abgeschickt und dann aufs Gas gedrückt hat, obwohl er im Stau vor der roten Ampel stand, und so das Vorderauto gerammt hat, begreift: Multitasking schadet. Das Grün der Taste, die man zum Senden drückt, ist im Kopf mit dem Signal fürs Losfahren durcheinandergeraten. Peng. "Die Forschung zeigt deutlich, dass man zumindest strenggenommen niemals zwei Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen kann", fasst der Aachener Kognitions- und Experimentalpsychologe Iring Koch zusammen, "in Experimenten zeigen sich deutliche Leistungseinbußen bei einer oder gar beiden Aufgaben."

Eigentlich sollte es beim Arbeiten um die Resultate gehen. Doch wer sich dem Multitasking-Wahn unterwirft, zerstört sein eigenes Werk. Die Forschung mittels Kernspintomographen zeigt, dass beim parallelen Abwickeln mehrerer Aufgaben die Hirnregionen für die visuelle Verarbeitung und die körperliche Koordination angeregt werden und derweil das Gedächtnis und das Lernen zu kurz kommen. Man erinnert sich nicht mehr so genau, obwohl man doch eben voll konzentriert war. "Man denkt Gedanken nicht mehr zu Ende und gerät in eine Orientierungslosigkeit", weiß Hirnforscher Hüther. Auch zeigen Studien, dass Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin verstärkt ausgeschüttet werden, was die Qualität der Arbeit nicht fördert und den Körper altern lässt. Zeit spart man nicht, wenn man alles auf einmal macht, das Gegenteil ist der Fall. "Menschen werden immer langsamer und produzieren immer schlechtere Ergebnisse, je mehr sie parallel erledigen wollen", sagt Meckel.

Klar: Es gibt einen Unterschied zwischen dem klinischen Experiment, wo man eindeutig definierte Impulse in ein und derselben Sekunde verarbeiten soll, und dem Arbeitstag, an dem man 15 berufliche Herausforderungen meistern muss. Doch nicht nur für Psychologe Koch von der RWTH Aachen liegt es nahe, dass auch diese Form des Multitaskings den Fokus der Menschen einengt. Informationen werden schlechter verarbeitet. Wer während jedes Telefonats schon im Hintergrund die nächsten Termine durchscrollt, schafft sich suboptimale Bedingungen. Das sogenannte prospektive Gedächtnis, also die Erinnerung an das noch zu Absolvierende, nervt: "Je mehr Aufgaben sich auf diese Weise mischen, desto stärker wird es zur Belastung für das Gedächtnis."

„Nationales Aufmerksamkeitsdefizit“ kostet Milliarden

Glaubt man dem Analysten Jonathan Spira vom US-Business-Forschungsunternehmen Basex, dann verliert die amerikanische Wirtschaft im Jahr 650 Milliarden Dollar durch ihr "nationales Aufmerksamkeitsdefizit". Spira beobachtete nämlich, dass Büroangestellte 28 Prozent ihrer Zeit beim Multitasken unproduktiv verstreichen lassen. Es ist also höchste Zeit für deutsche Unternehmer und Mitarbeiter, sich mit Meckels "Glück der Unerreichbarkeit" auseinanderzusetzen. Doch ihr größtes Hindernis, sagt die Forscherin, seien "ignorante Führungskräfte, die sich nicht damit beschäftigen, welche Auswirkungen überzogene Anforderungen auf die Ergebnisse haben". Die Autorin selbst ist optimistisch, dass nach dem Goldrausch der digitalen Ökonomie schon bald ein souveräner Umgang mit Skype, MSN, Outlook und ICQ einsetzen kann, "eine Art Kommunikationsökologie des Lebens". Ihr Gegenentwurf lässt sich so zusammenfassen: "Wir müssen Prioritäten setzen", "wir dürfen abschalten", "wir haben das Recht auf eine kommunikative Identität."

Das mag trivial anmuten, für Arbeitskräfte in einer hektischen Bürowelt ist es aber eine Art Sezession. Meckel meint: Auch wer in ein neues Unternehmen kommt, soll sich seine Freiräume der Unerreichbarkeit erkämpfen. Es sei ein gutes Argument zu sagen: "Meine beste Leistung für wichtige Produkte erreiche ich nur, wenn ich mich voll und ungestört auf sie konzentrieren kann." Kluge Personaler würden diese Haltung begrüßen. Die manchmal unerreichbare Meckel findet, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter im Umgang mit vielen Aufgaben und Kommunikationskanälen coachen sollten, um Bewusstsein zu schaffen für Prioritäten und Nutzen von Kommunikation.

Zeit für eine neue Ordnung in der Netzwerk-Ekstase

Manche Unternehmen erkennen bereits, dass es an der Zeit ist für eine Ordnung in der Netzwerk-Ekstase. Meckel verweist auf das Beispiel Deutsche Telekom, wo man bereits definiert, wann Mitarbeiter erreichbar - und wann unerreichbar - sein dürfen und innerhalb welchen Zeitraums eine E-Mail-Antwort angemessen ist. Ein solches Regime verringert den Druck auf den Einzelnen, ständig sofort alles erledigen zu müssen. Das wäre dann auch die Voraussetzung für tatsächlich gewinnbringendes Arbeiten.

Auch Hirnforscher Hüther erwartet, dass wahrhaft erfolgreiche Menschen zumindest in wichtigen Momenten auf Multitasking verzichten. "Ein erfolgreicher Börsenmakler etwa wird sich nicht der Hektik der Frankfurter Börse aussetzen", erläutert der Neurobiologe, "er wird versuchen, sich dem ständigen Handlungsdruck zu entziehen." Denn aus der Ferne, mit Überblick, lassen sich die entscheidenden Trends oft deutlich besser erkennen als im Smog der elektronischen Posteingänge. Seine Millionen kann der Makler auch am Strand von Bali machen.

Quelle: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite C1
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