21.08.2009 · Ein neuer Freizeitspaß geht um: Powerpoint- Karaoke. Menschen halten Vorträge zu ihnen bislang völlig unbekannten Präsentationen. Je abstruser das Thema, desto größer der Jubel.
Von Marie Katharina WagnerErinnert sich noch jemand an die Overhead-Projektoren? Das waren Zeiten. Wenn die Lehrer ihr didaktisches Engagement unter Beweis stellen wollten, wuchteten sie den unhandlichen Overhead-Projektor auf den Tisch. Meistens ging die Glühbirne nicht. Wenn doch, freute man sich als Schüler über den quietschenden Filzstift und die Lehrerfinger, die auf dem Plastik ihre Abdrücke hinterließen. Immerhin verliefen die Präsentationen gemächlich und ließen den Zuhörern genug Zeit zu verstehen, um was es gehen sollte auf den Folien. Doch irgendwann in den späten neunziger Jahren war diese beschauliche Zeit vorbei: Powerpoint war geboren.
Seitdem wird ein Vortrag erst dann für voll genommen, wenn er durch möglichst viele, möglichst dicht beschriebene und mit möglichst aufwendigen Spezialeffekten ausgestattete Powerpointfolien unterstützt wird. Dass die neue Präsentationsform in ihrer inflationären Verwendung nicht nur nervig, sondern sogar schädlich sei, schrieb 2003 der emeritierte Yale-Professor Edward Tufte in einem Artikel mit dem Titel „Powerpoint ist böse“. Das Programm mache dumm, weil es Inhalte zu stark vereinfache und Kommunikation auf Schlagwörter reduziere, schrieb Tufte.
In seinem Kampf gegen die Herrschaft der Folien fand er auch in Europa Mitstreiter. Aber diese wählten eine andere Strategie: Anstatt gegen die Schwächen des Programms zu wettern, suchten sich einige kluge Berliner im Januar 2006 die schlimmsten Beispiele für misslungene Präsentationen im Internet zusammen, luden Leute in einen Club ein und hatten dank der haarsträubenden „Slides“ einen tollen Abend. Das ging so: Teilnehmer aus dem Publikum hielten aus dem Stegreif Vorträge zu Präsentationen, die sie vorher nie gesehen hatten, zu inspirierenden Themen wie „Erfolgsfaktor Dienstleistung für Dentallabore“. Danach wurden sie von einer Jury bewertet - Powerpoint-Karaoke war erfunden. Seither breitet es sich langsam, aber sicher unter Studenten, auf Partys, im Kulturleben und bis in manche Unternehmen aus.
„Das kann jetzt auch schiefgehen“
Ludwigsburg. Ein Sommerabend in der pädagogischen Hochschule, einem Betonbunker auf der grünen Wiese. Die Cafeteria hat sich den Tag über auf tropisches Klima aufgeheizt. Trotzdem quillt der Raum über, viel mehr Zuschauer als sonst sind zum wöchentlichen „Literaturcafé“ gekommen. Es sei ein Experiment, man wisse noch nicht, ob es funktioniere, sagt einer der Veranstalter zur Begrüßung. Als erster Teilnehmer kommt der Student Julian Busch auf die Bühne. Etwas steif steht er da. „Das kann jetzt auch schiefgehen“, sagt ein Mädchen im Publikum.
Als die erste Folie per Beamer an die Wand projiziert wird, geht ein erleichtertes Lachen durchs Publikum: Ein Adventskranz ist zu sehen, in einer verwischten Aufnahme, wie sie die großmütterlichen „Ein Gedicht für jeden Tag“-Kalender zieren. „Ich referiere heute über das Licht“, sagt Julian Busch, und Ludwigsburg kreischt vor Vergnügen. Es wird noch besser: Die nächste Folie zeigt keine Kerzen mehr, sondern eine überaus schlecht gemachte Grafik, die mit Hilfe von Blitz, Mond und Smiley das „religiöse Weltbild der Antike“ zu illustrieren vorgibt. Und so geht es weiter, man riecht förmlich das Gemeindehaus, in dem diese Präsentation zur Pein einer Konfirmandengruppe entstanden sein muss.
Julian Busch hat sich nun einmal für das Thema Licht entschieden, also muss er auch dabei bleiben, als die Präsentation bei Jahwe ankommt („Er gilt als Erfinder des Lichts“) und schließlich in der Postmoderne, wo auf der Folie mit dem Titel „Wertediskussion“ die Erde zu rotieren beginnt wie eine Waschmaschine. Als Julian Busch mit der Frage schließt, ob es noch Fragen gebe, erntet er tosenden Applaus.
Je abwegiger die Texte, desto größer der Jubel
Je abstruser das Thema, je schlechter die Grafiken, je abwegiger die Texte, desto mehr jubelt das Publikum. „Es geht genau darum, dass man durch das Internet Zugang findet zu diesen Nischen, wo wirklich alle Menschen glauben, sie müssten jetzt Powerpoint-Präsentationen machen, obwohl sie mit diesem Blendwerkzeug normalerweise nichts zu tun haben“, sagt Holm Friebe. Er gehört zu den Berlinern aus der Zentralen Intelligenz Agentur, die das Powerpoint-Karaoke erfunden haben.
Ihnen geht es nicht um Kritik am Erfinder Microsoft, sondern am falschen Umgang mit den Folien. „Das Programm ist nicht schuld“, sagt Friebe. „Es ist wie jede mächtige Waffe. In den falschen Händen kann es schnell sehr gefährlich werden. Die Anzahl der Stunden, in denen ein Publikum mit schlechten Präsentationen gequält wurde, bewegt sich sicherlich in den Milliarden“, sagt er. Dabei entstünden „ästhetische Komplett-Bauchlandungen“, die sie als Beispiele natürlich besonders interessierten.
Dass seine Erfindung mittlerweile in vielen Ländern Nachahmer findet, stört Friebe nicht. Das Format stehe zur freien Verfügung. In der Schweiz ist es schon populär, in Japan und Amerika beginnt die Welle gerade. Manche Werbeagentur soll zur Förderung der Kreativität ihrer Mitarbeiter Powerpoint-Karaoke-Abende veranstalten. Und die Unternehmensberatung Roland Berger lud im vergangenen Sommer zu einem Wettbewerb an der Universität Zürich ein, wo zwei Teams verschiedener Hochschulen gegeneinander antraten. Das Unternehmen versprach sich davon offenbar Kontakte zu den Studenten. So gute Stimmung wie in Ludwigsburg kam aber nicht auf: Teilnehmer kritisierten später, man hätte sich entscheiden müssen, ob es sich um einen seriösen Recruitment-Anlass oder um eine Spaßaktion handeln sollte.
Die Entlarvung der Maske des Expertentums
Holm Friebe findet es in Ordnung, dass die ironische Verwendung von Powerpoint am Ende wieder da ankommt, wo das Programm besonders verbreitet ist: in der Wirtschaft. Die Zentrale Intelligenz Agentur selbst habe schon einmal einen Powerpoint-Karaoke-Workshop für einen großen Autohersteller veranstaltet. Immerhin verbreitet sich so auch die Botschaft, die dahinter steht: die Entlarvung der Maske des Expertentums, wie Friebe es nennt. „Powerpoint hat sich als Kulturtechnik inzwischen so weit durchgesetzt, dass jeder sich durch irgendeine völlig unbekannte Präsentation bluffen kann“, sagt er. So werde deutlich, wie wenig Wissen und Informationen normalerweise auf den Folien steckten.
Ein Paradebeispiel dafür ist auch in Ludwigsburg zu sehen: ein Vortrag über den „virtual cube“, den der Vortragende, ein Dozent der Germanistik, konsequent „Zube“ ausspricht. „Die Virtualisierung von Groß Unternehmungen in der Praxis“ lautet der Untertitel, und was immer es ist, es wird dem Zuhörer in höchst komplizierten Folien nahegebracht, in denen bunte Linien und Puzzleteile sich zu wirren Grafiken formen. Der Germanist schafft es, die Linien in die politischen Bewegungen von Parteien umzudeuten und die virtuelle Zergliederung eines Unternehmens auf die Wirtschaftskrise zu übertragen. Und der als Hintergrundbild gewählte Lkw „schafft die ganze Kohle, die wir im Zube vom Steuerzahler gesammelt haben, in die Schweiz“. Im Finale verliert der Dozent knapp gegen Julian Busch.
Eine neue Sprache
„Powerpoint ist Pop“, hat Holm Friebe einmal gesagt. Alle sprächen diese neue Sprache, Schüler, Studenten, Manager. Powerpoint ist Mainstream, Powerpoint-Karaoke ist Subkultur. Auch Pecha-Kucha zählt Friebe zu den alternativen Formen, ein von Architekten in Japan ausgedachtes Format, bei dem Teilnehmer ihre eigenen, ernsthaften Slideshows vortragen - aber in höchstens 20 Bildern á 20 Sekunden, um die Ödnis schlechter Präsentationen zu vermeiden. Pecha-Kucha-Abende finden regelmäßig in vielen großen Städten statt und sind unter Künstlern und Freiberuflern sehr beliebt, weil sie auf diese Weise Projektideen oder Gedanken einem Publikum in konzentrierter Form vorstellen können.
Für Pecha-Kucha allerdings muss man Powerpoint wieder ernst nehmen. Und das fällt etwas schwer, wenn man gesehen hat, was passiert, wenn es in die falschen Hände gerät - etwa in die der Freiwilligen Feuerwehr Durmersheim, Abteilung Würmersheim. Deren Slideshow zur „Unfallverhütungsvorschrift für Feuerwehren vom Mai 1989, in der Fassung vom Januar 1997“ war bei den Studenten in Ludwigsburg der Renner des Abends.