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Personalnot in der Provinz Lockruf aus der zweiten Reihe

11.12.2006 ·  Münster hat eine schöne Altstadt, üppiges Grün, bezahlbare Mieten und dennoch wie viele andere mittelgroße Städte erhebliche Schwierigkeiten, Stellen gut zu besetzen. Personalleiter kämpfen gegen die Bewerbermagneten München, Frankfurt und Berlin an.

Von Christine Pander
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Die westfälische Stadt ist Wirtschafts- und Universitätsstandort zugleich. Jeder siebte Münsteraner studiert oder arbeitet an der Universität. Und nach dem Studium wachsen hier Karrieren. So geschehen zum Beispiel bei René Obermann, dem Vorstandsvorsitzenden von T-Mobile. Er legte den Grundstein für seine Laufbahn in Münster. Im Jahr 1986 gründete er hier das Unternehmen ABC Telecom, aus dem der heutige Telekommunikationsanbieter The Phone House hervorgegangen ist. Obwohl die Region in vielen Bereichen Karrieresprungbrett sein kann, haben sich die Vorzüge der Stadt ganz offensichtlich noch nicht herumgesprochen. Denn Münster hat ein Personalproblem.

"Wir suchen zum Beispiel dringend Produktmanager, Expansionsmanager und Callcenter Agents", sagt Dirk Markgraf, Leiter Personal und Organisation von The Phone House Telecom GmbH. Rund 51 Stellen sind hier derzeit vakant: Es fehlen 13 Shopleiter, 30 Kundenberater, verschiedene Teamleiter. Das Problem: Das Unternehmen ist im Wettbewerb noch keine Marke. Der Standort Münster zieht beim Werben nicht. Und die Stadt kämpft gegen das Image einer Studenten- und Beamtenstadt.

Selbst der „Tatort“ reißt´s nicht raus

Münster, das mehr Fahrräder als Einwohner zählt und ganz nebenbei den Titel "lebenswerteste Stadt 2004" trägt, gilt als eine Stadt der Gegensätze. Kirchen neben moderner Architektur, hochmobile Studenten neben ortsverbundenen Münsteranern. Rund dreißig Museen, fünf Theater, vier Kinos. Alles ganz beschaulich und trotzdem irgendwie spannungsgeladen: Selbst Mord und Totschlag gibt es hier regelmäßig in medialer „Tatort“-Aufbereitung. Das hilft, der Stadt ein öffentlichkeitswirksames Bild zu geben. Reicht aber nicht aus. Axel Bode, Abteilungsdirektor Personal bei BASF, hat 30 freie Stellen und sucht zum Beispiel händeringend Lackingenieure, Betriebswirte und Chemiker für den internationalen Hersteller von Lacken für die Fahrzeugindustrie. "Mit Lackingenieuren ist es besonders schwierig, weil es davon generell nicht viele gibt", sagt Bode.

Auch bei Hengst herrscht Personalnotstand: Rund 100 Stellen sind dort derzeit vakant. Auf Filtersysteme für die Automobilindustrie und für die Industrie und Umwelttechnik hat sich das Unternehmen spezialisiert und ist damit Systemlieferant für die Automobil- und Motorenindustrie. "Fast täglich kommen neue Stellen hinzu. Wir suchen aktuell über 100 gewerblich-technische Mitarbeiter und über 30 Fachkräfte wie Diplomingenieure mit dem Schwerpunkt Entwicklung, Konstruktion, Fertigungs- und Produktionstechnik", sagt Norbert Möllers, Personalleiter bei Hengst. "Besonders schwer ist es, CNC-Kräfte zu bekommen. Also Dreher, Fräser und so weiter." Verstärkt möchte man jetzt auch Bewerbermessen ins Visier nehmen, um geeignete Kandidaten zu finden. "Denn in einem Wirtschaftsraum, der geprägt ist durch kaufmännische und verwaltende Berufe, ist es nun mal schwierig, Fach- und Führungskräfte aus der Industrie zu gewinnen", sagt Möllers.

Herausforderungen beim Personalrecruiting

Obwohl die Firma Wyeth zu den führenden forschenden Pharmaunternehmen gehört und international rund 52.000 Beschäftigte zum Mitarbeiterstamm zählt, sind auch dort die Herausforderungen beim Personalrecruiting um die Hochqualifizierten immer ein Thema. "Wir suchen ganz aktuell Produktmanager für jeweils Rheumatologie und Impfstoffe, zwei Medical Manager und einen Produkttrainer", sagt Karlo Willers, stellvertretender Personaldirektor. Guido Lepkes von der Tectura AG, einem Anbieter von integrierten Business-Lösungen, hat derzeit ebenfalls zehn offene Stellen. Im Schnitt suchen die Münsteraner Personalentscheider zwischen drei und sechs Monaten nach geeigneten Bewerbern. Dabei gehört Münster nach dem Ranking eines Wirtschaftsmagazins und der Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft" zu den Top-ten-Standorten in Deutschland. Unter den 50 größten Städten belegt Münster vor Köln, Dortmund und Berlin den achten Platz. Vor allem in puncto Wirtschaftsfreundlichkeit, geringer Arbeitslosenquote und hohem Bildungsniveau einer Universitätsstadt hat Münster gut abgeschnitten. Nichtsdestotrotz ist die Stadt über die Grenzen hinaus als Industriestandort weitgehend unbekannt.

Tuttlingen liegt am Bodensee

Personalnot ist indes kein typisch Münsteraner Problem. Gerade Standorte in mittelgroßen Städten haben oftmals Schwierigkeiten, mit den Großen der Welt mitzuhalten. Im tiefsten Schwabenland zum Beispiel ist Personalrekrutierung auch eine knifflige Sache, Standortmarketing gar eine vielbesprochene Formel. "Wer will schon nach Tuttlingen? Das ist zwar eine sehr schöne Gegend, aber das weiß niemand", sagt Peter Binder, geschäftsführender Gesellschafter bei Binder Klimaschränke. "Also einem Bewerber, der aus Frankfurt kommt, würde ich einfach sagen: Tuttlingen liegt am Bodensee. Das schaffe ich mittlerweile sogar, ohne rot zu werden", sagt Binder. Im Forschungs- und Entwicklungsbereich sind am Standort Tuttlingen regelmäßig ein halbes Dutzend Stellen frei. "Wir suchen Ingenieure oder hochqualifizierte Techniker", sagt Binder. Zwischen neun und zwölf Monaten kann es schon mal dauern, bis ein Mitarbeiter in die schwäbische Provinz rekrutiert ist. Marketingspezialisten haben deshalb die Broschüre "Warum Binder? Warum Tuttlingen?" für potentielle Bewerber auf den Markt gebracht. Pointiert wird dort aufgezeigt, warum ein Wechsel nach Tuttlingen von Vorteil sein könnte. "Die Lebenshaltungskosten sind hier viel niedriger, wir zahlen ähnlich wie Siemens, Porsche und all die anderen Großen. Die Nettoeinkünfte für unsere Mitarbeiter sind viel höher. Für Familien, die ein Häusle bauen wollen, ist der Standort hier in Tuttlingen prima", sagt Binder. Wichtig sei nun, den Standort intensiv zu bewerben und positiv zu vermarkten.

"Wenn uns Bewerber nach dem Vorstellungsgespräch absagen, dann in 80 Prozent der Fälle aufgrund des Standortes", weiß Binder aus leidvoller Erfahrung. Der klassische Fall: Dem Bewerber gefällt das Stellenprofil ausgezeichnet, aber die Ehefrau läßt sich nicht vom Leben in der schwäbischen Provinz überzeugen. "Obwohl wir auch bei der Jobsuche der Ehefrau oder der Suche nach geeigneter Kinderbetreuung behilflich wären", sagt Binder. Um das Unternehmen öffentlichkeitswirksam zu bewerben, schreibt Binder jährlich den Wissenschaftspreis für Zellbiologie aus. Auch an den weiterbildenden Gymnasien stellt sich die Firma als potentieller Arbeitgeber regelmäßig vor. "Nachwuchswissenschaftler können während ihres Studiums auch ein Auslandspraktikum an unserem Standort in Kuala Lumpur absolvieren", sagt Binder. So sollen die guten Leute für die Provinz gewonnen werden.

Partnerprogramme und andere Argumente

Auch die Münsteraner Arbeitgeber reagieren mit Partnerprogrammen, finanzieren Doppelwohnsitze oder helfen den Ehepartnern, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Unterstützung erhalten Wunschkandidaten unter den Bewerbern nicht nur beim Umzug, sondern auch bei der Suche nach einer geeigneten Betreuungsmöglichkeit für den Nachwuchs. Die Firma Wyeth Pharma setzt noch eins drauf. "Für alle oberen Führungskräfte haben wir einen ,High-Speed-High-Tech-Arbeitsplatz' für zu Hause eingerichtet. Diese Investition hat sich absolut gelohnt. Wir haben zum Beispiel eine Alleinerziehende in die Geschäftsführung berufen. Wenn um 22 Uhr eine Konferenz mit Amerika angesetzt ist, erwarten wir nicht, daß unsere Mitarbeiter in die Firma kommen", sagt Geschäftsführer Andreas Krebs. Dieses System habe sich bewährt, schaffe Freiräume und trage zur Work-Life-Balance bei. "Mit dem Nebeneffekt, daß mein E-Mail-Postfach am Wochenende stärker frequentiert wird", sagt Krebs.

Das Unternehmen Olympus, das zu den führenden Anbietern von Soft- und Hardware im Bereich digitaler Bildanalyse zählt, stellt seinen neuen Mitarbeitern einen Paten für die Einbindung in das soziale Umfeld und einen Tutor für die fachliche Integration zur Seite. Und bei The Phone House Telecom GmbH setzt man auf Familienfreundlichkeit im Betrieb. "Wir geben Sonderurlaub zur Einschulung und auch zum Kindergartenbeginn", sagt Personalleiter Dirk Markgraf. Die Firmen BASF und The Phone House Telecom GmbH zahlen an jedem deutschen Standort die gleichen Gehälter. Die Lebenshaltungskosten in Münster sind nicht so hoch wie vergleichsweise in München oder Stuttgart. "Für 300 000 Euro kann man sich hier in Münster ein schickes Einfamilienhaus bauen - in München reicht das höchstens für ein englisches Handtuch", sagt Babette Lichtenstein vom Wirtschaftsinformationsdienst Münster. Ein nicht zu verachtendes Argument für die Bewerber-Zielgruppe, die sich zumeist in der Familienphase befindet. "Überzeugen muß man letzten Endes ganz simpel über unser schönes Stadtbild. Einfach die Bewerber schnappen und ihnen Münster zeigen!" sagt Axel Bode von BASF. "Wenn man die samstags erst einmal über den Markt scheucht und die vor dem Abendessen den Prinzipalmarkt gesehen haben, ist das für alle, die nicht älter als hundert sind, ein Erlebnis", davon ist Bode überzeugt.

...ganz schnell heimisch geworden

Dieses Besucherecho haben hier im übrigen schon die meisten Personalverantwortlichen erlebt. "Wenn die Bewerber erst mal da sind, ist die Sache meist geritzt, und die kriegen leuchtende Augen", sagt Georg Stegemann von Olympus, der auch regelmäßig auf der Suche nach guten Softwareentwicklern aus den Bereichen Physik, Mathematik und Informatik ist. Außerdem habe die Außenwelt auch keineswegs ein schlechtes Bild von Münster, sondern im Zweifelsfall schlicht und einfach gar keines. "Wir haben ein Vermarktungsproblem", bedauert auch Möllers.

Das hat auch Blomberg in Ostwestfalen-Lippe. Dort bei Phoenix Contact hat man derzeit Schwierigkeiten, mehr als 20 Stellen mit Ingenieuren zu besetzen. Auch ein Senior Auditor wird dringend gesucht. Klaus Lütkemeier wirbt: "Hier ist die Lebensqualität wirklich sehr hoch. Und bisher ist noch jeder Mitarbeiter ganz schnell heimisch geworden."

Klimmzüge der Personalabteilung

Mittelgroße Städte ringen um qualifizierte Fachleute. Einige investieren umfassend in Standortmarketing und werben mit ihren Vorzügen:

Mit niedrigeren Lebenshaltungskosten und höherer Lebensqualität. Statt Apartment ist das Reihenhaus im Grünen finanzierbar.

Manche Unternehmen organisieren komplette Umzüge, finanzieren Doppelwohnsitze und helfen auch den Partnern bei der Jobsuche.

Unternehmen laden die Familien zum Schnuppertag : Eine Stadtführung soll die Wunschkandidaten überzeugen.

Quelle: F.A.Z., 09.12.2006, Nr. 287 / Seite C1
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