Home
http://www.faz.net/-gym-t2kg
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Personalmanagement Demographie zwingt Unternehmen zum Umdenken

18.09.2006 ·  Auf die Alterung der Kunden und Mitarbeiter sind viele Unternehmen nicht vorbereitet. Nötig sind mehr qualifizierte Zuwanderer, Frauen in Führungspositioinen und längere Lebensarbeitszeiten, lautete eine Forderung auf dem 60. Deutschen Betriebswirtschafter-Tag

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Es gibt Manager, die können der demographischen Entwicklung durchaus etwas Positives abgewinnen. Stefan Krause etwa, Vorstandsmitglied bei BMW. „Wir bauen ausschließlich Automobile des Premium-Segments. Und die Käufer solcher Automobile sind naturgemäß eher älter“, sagt Krause auf dem 60. Deutschen Betriebswirtschafter-Tag der Schmalenbach-Gesellschaft in Frankfurt. Mit der Alterung der Bevölkerung wachse somit auch die Zielgruppe von BMW.

Ansonsten überwogen unter den Rednern aber die Moll-Töne. Im Jahr 2050 werde der Anteil der mehr als 50 Jahre alten Bevölkerung 48 Prozent betragen, das Verhältnis von Bevölkerung im Pensionsalter zu Personen im Erwerbsalter werde sich von heute 0,4 auf dann 0,8 verdoppeln, rechnete Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Clemens Börsig vor. „Von 2020 an scheiden die Baby-Boomer massiv aus dem Erwerbsleben aus“, sagte Börsig, „das wird tiefe Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen“.

Große Lücken im Erwerbspersonenpotential sieht auch Klaus Zimmermann, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung auf Deutschland zukommen. Gerade die Nachfrage nach Akademikern steigt. Laut BMW-Manager Krause wuchs der Anteil der Mitarbeiter mit Hochschulabschluß bei dem Automobilkonzern zwischen 1999 und 2005 um 61 Prozent. „Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter bei BMW sind Akademiker“, sagte Krause.

Neue Migrationspolitik gefordert

Zimmermann forderte vor allem eine Neuorientierung in der Migrationspolitik. „Zuwanderung kann den Prozeß nicht aufhalten, aber abmildern“, sagte Zimmermann. Dafür dürfe man bei der Auswahl der Migranten aber nicht wie bisher den Zufall walten lassen. Zimmermann plädiert für ein Punktesystem, um die Zuwanderung qualifizierter Mitarbeiter zu fördern. Der Zuwanderungswillige bewirbt sich dabei von seinem Heimatland aus und macht dabei Angaben zu Alter, Qualifikation, Berufserfahrung und Sprachkenntnissen. Diese Faktoren werden bewertet, die Bewertung erleichtere eine systematische Auswahl von Zuwanderungswilligen, erläuterte Zimmermann. Unternehmen könnten ferner die Möglichkeit erhalten, befristet gültige Zertifikate zur Anwerbung geeigneter Arbeitskräfte zu ersteigern. „Das wäre eine echte Marktlösung, um kurzfristige Personallücken zu schließen.“

Vierfach-Strategie

Bis 2025 würden 350 000 Fach- und Führungskräfte fehlen, bis 2050 dürfte die Millionengrenze überschritten werden, schätzt der Demographie-Experte. Eine Vierfach-Strategie könne helfen: Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Erhöhung des Frauenanteils, Erhöhung des Anteils ausländischer Fach- und Führungskräfte und stärkere Nachwuchsförderung. „Leider gibt es auf allen vier Feldern in Deutschland Defizite“. So unternehme etwa die Hälfte der Unternehmen nichts, um ihren weiblichen Talenten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, zitierte Zimmermann die Ergebnisse einer Studie.

Und gerade die Erhöhung der Erwerbsquote der mehr als 55 Jahre Alten bietet noch viele Ansatzpunkte. „Modellrechnungen zeigen, daß es 21,4 Milliarden Euro oder ein Prozent Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt bringt, wenn man ein Viertel der heute nicht erwerbstätigen über 55jährigen in Beschäftigung bringt“, sagte Ursula Staudinger, Professorin an der International University in Bremen. Dazu reiche es sogar, wenn diese Mitarbeiter nur 50 Prozent der durchschnittlichen Produktivität erreichten.

Die Alterung der Bevölkerung ist aber nicht allein ein Personal-, sondern auch ein Produkt- und Finanzierungsthema. „Die Frage ist, wie man Ältere mit attraktiven Produkten anspricht, ohne ihr Alter anzusprechen“, sagte BMW-Vorstand Krause. Ein zu offensichtlich auf die Belange älterer zugeschnittenes Auto werde es jedenfalls von BMW nicht geben. Dennoch müsse man etwa Einparkhilfen anbieten, um Älteren das Autofahren zu erleichtern. Daß ältere Kunden gerade nicht nach im strengen Sinne altersgerechten Produkten suchten, zeige die hohe Nachfrage der mehr als 60 Jahre Käufer nach Cabrios.

"Viel zu sehr die Risiken betont"

Die Finanzierungsseite betrifft insbesondere das Thema Altersversorgung. „Beim Thema Pensionsverpflichtungen werden viel zu sehr die Risiken betont“, sagte Stefan Kirsten, Vorstand bei Thyssen-Krupp. Dabei gebe es hier auch viele Chancen. Diese lägen vor allem in der Möglichkeit, Mitarbeiter an sich zu binden und in der Nutzung von Pensionszusagen als flexible Finanzierungsquelle. BMW hat sich ein Sonderproblem eingekauft. 60 Prozent der Pensionszusagen in Höhe von insgesamt rund 11 Milliarden Euro entfallen auf Großbritannien, obwohl dort nur 6 Prozent der BMW-Mitarbeiter tätig sind - Folge der Übernahme von Rover.

Quelle: nr., F.A.Z., 19. September 2006
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen