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Persönliche Schicksale Unser Jahr mit der Krise

 ·  Seit mehr als einem Jahr wütet die Wirtschafts- und Finanzkrise auf der ganzen Welt. Beeinträchtigt hat sie die Menschen und ihre Karrieren überall: Ob als Selbständige oder Angestellte - viele wurden arbeitslos, arbeiteten kurz oder stellten ihr Geschäftsmodell um. Acht Betroffene erzählen.

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Seit mehr als einem Jahr wütet die Wirtschafts- und Finanzkrise auf der ganzen Welt. Beeinträchtigt hat sie die Menschen und ihre Karrieren überall: Ob als Selbständige oder Angestellte - viele wurden arbeitslos, arbeiteten kurz oder stellten ihr Geschäftsmodell um. Acht Betroffene erzählen, wie sie die Krise ganz persönlich erfahren haben - am Arbeitsplatz und privat. Ein Spezial.

Der Elektroniker hat auf einmal ganz viel Zeit

Als Christian Tißen im Februar 2008 fertig war mit seiner Lehre, da sah es noch gut aus für seinen Arbeitgeber, den Stahlkonzern Thyssen-Krupp. Die Nachfrage nach Stahl war hoch, die Produktion lief auf Hochtouren. Tißen wurde übernommen; man konnte ihn gut gebrauchen. Seitdem arbeitet der heute 22 Jahre alte Elektroniker in der Produktion. Im Werk in Duisburg-Hamborn steuert er eine Anlage, die Stahlbänder herstellt. Das sind sehr dünne Bleche, die man im Autobau, aber auch für Dachziegel oder Garagentore verwendet.

Ein paar Monate lief es dort gut. Doch im Herbst 2008 kam der Absturz. „Die Aufträge wurden immer weniger. Zeitweise ist fast alles weggefallen“, erzählt Tißen. „Ende des vergangenen Jahres hieß es, dass wir um Kurzarbeit nicht herumkommen.“ Im Januar 2009 erhielt Tißen Bescheid, dass es für ihn auch so weit war - und er hatte auf einmal fünf Tage frei im Monat. „Da habe ich erst einmal meine Wohnung geputzt“, erzählt der Junggeselle.

Doch es kam schlimmer. Die Arbeit wurde weniger, die Kurzarbeit mehr. Im März war Tißens Arbeitskraft auf einmal kaum mehr gefragt. „In dem Monat habe ich bloß sechs Tage gearbeitet.“ Ansonsten saß er zu Hause, traute sich nicht, in den Urlaub zu fahren, weil er ja bereit sein musste, falls doch Arbeit da war, und versuchte, die Zeit herumzubringen: mit Sport und damit, an seinem VW-Bus herumzuschrauben. „Meine Freunde waren ja alle arbeiten. Die konnte ich nicht treffen.“

Viel Geld, um mit ihnen auszugehen, hatte er sowieso nicht. Zeitweise bekam er wegen der Kurzarbeit bis zu 400 Euro netto weniger pro Monat. Zudem hatte er einiges Geld in Aktien von Thyssen-Krupp gesteckt, die die Mitarbeiter zu Sonderkonditionen bekommen hatten. In der Krise rauschten deren Kurse in den Keller. „Halligalli war nicht drin“, sagt Tißen. Er musste sparen. Allerdings hatte er es noch gut. Er hat keine Familie, wohnt zur Miete, hat keine Schulden abzutragen. Von den 1400 Euro, die ihm nach den Einbußen durch die Kurzarbeit manchmal im Monat blieben, konnte er noch leben. „Vielen Familienvätern ging es schlechter. Die mussten richtig sparen.“

Doch auch die jüngeren Kollegen waren extrem verunsichert. Tißen weiß das, denn er ist Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung von Thyssen-Krupp. „Die haben mir die Bude eingerannt, als es losging mit der Kurzarbeit.“ Denn Auszubildende dürfen nicht kurzarbeiten, haben allerdings auch nichts mehr zu tun, wenn die Facharbeiter alle nicht da sind. „Wir haben dann wieder eine Lehrwerkstatt eingerichtet“, erzählt Tißen. Irgendwie muss man den Nachwuchs ja ausbilden.

Mittlerweile geht es Tißen und seinen Kollegen schon wieder etwas besser. Die Aufträge haben wieder angezogen, die Fabriken haben zu tun. In diesem Monat musste Tißen bloß drei Tage in Kurzarbeit verbringen. Das ist zwar immer noch kein voller Job, doch er ist einigermaßen zufrieden: „Es ist viel besser, einmal in der Woche nicht mehr gebraucht zu werden als gar nicht mehr.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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