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Perfektionismus 80 Prozent reichen auch

In ihrem nie endenden Drang, alles erstklassig zu machen, gehen Perfektionisten sich und anderen auf die Nerven. Dabei hat ordentliches Mittelmaß durchaus gewisse Vorteile.

© Cyprian Koscielniak / F.A.Z. Vergrößern

Das Leben ist ein Kindergarten. Morgens in Unterhaching bei München: Frau P. ist pünktlich wie immer, ihre Stiefel blitzen, auch Tochter Fiona erscheint wie aus dem Ei gepellt in ihrem entzückenden Cape. Selbstverständlich ist das Höher-schneller-weiter-Kind bereits in der musikalischen Frühförderung. Ein artiger Abschiedskuss für Mama, die Richtung München fährt. Dort wird sie den Tag über arbeiten, ihr Büro dann um 17 Uhr verlassen, die Tochter abholen, Kürbissuppe kochen, mit dem Gatten ein Glas Wein trinken und bis Mitternacht über den Akten sitzen – das lässt sie gerne verlauten. Frau P. lebt ihren Drang nach Vollkommenheit aus. Sie ist leistungsorientiert, eine perfekte Mutter, Ehefrau und Juristin.

Und keiner mag die Frau so recht. Nicht nur, dass sie einen Hauch verkniffen wirkt. Sie gibt den anderen das latente Gefühl, Dinge nicht im Griff zu haben, nicht den widerspruchsfreudigen Vierjährigen, nicht den knappen Abgabetermin der Kostenkalkulation, nicht den entnervten Partner, der müde von der Dienstreise heimkehrt. Das Leben rumpelt halt so vor sich hin.

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„Ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst“

Dabei sei vieles Schein bei all jenen, die nach außen so perfekt wirkten. Davon ist der 39 Jahre alte Münchner Jo Kupfer* überzeugt: „In meinem Bekanntenkreis beobachte ich, dass angeblich alles so super ist. Leute übernehmen Führungspositionen, es läuft perfekt. Dann gehen sie oder müssen gehen, erst dann gestehen sie, dass gar nichts perfekt war. Schade, ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst. Schwäche zu zeigen geht überhaupt nicht. Da lassen sich Menschen von ihren Chefs fast mobben, nur weil sie die Raten fürs Haus abstottern müssen.“

Kupfer ist Bankkaufmann, Betriebswirt und hat ein Team von 25 Mitarbeitern bei einem Tochterunternehmen eines Dax-Konzerns geleitet. 14 Jahre lang hat sich der gutaussehende, sportliche Mann um Perfektion bemüht und wollte allen gerecht werden: Seiner Frau und den Kindern, seinem geliebten Sport, in erster Linie aber seiner Geschäftsführung, die Dinge gegen den Willen der Mitarbeiter durchdrückte und erwartete, dass er Sonntagabend zur Vorbesprechung anreiste, wenn die Konferenz Montag begann.

„Ich habe in dem Unternehmen als Diplomand angefangen, war am Schluss Bereichsleiter in einer schwierigen Sandwichposition und hatte den Anspruch, alles, was ich mache, sehr gut zu machen. Das heißt die kurzfristig anberaumte Neun-Uhr-Präsentation habe ich nachts vorbereitet und wenn es bis drei Uhr in der Früh war.“ Trotz Telefonkonferenz am Wochenende sollte Zeit bleiben für die Familie und den Skisport. „Man versucht, alles reinzupacken. Mit Muße Zeitung zu lesen, das ging gar nicht. Mir ging es auch darum, ein perfektes Bild nach außen abzugeben“, sagt er heute selbstkritisch. Dazu passten immer weniger die zwei Kulturen, die er im Großkonzern erlebt hat: Die einen erwarteten Dauerpräsenz und perfektes Funktionieren. Unangenehmer aber seien die leidenschaftslosen Vorgesetzten gewesen, „denen war vieles egal, solange ihr Konto stimmte“.

„Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“

Körperliche Erschöpfung brachte Jo Kupfer zum Umdenken. Vor gut einem Jahr hat er gekündigt. Seither arbeitet er als Interimsmanager, berät Firmengründer, hat einen Modeladen eröffnet und erfolgreich verkauft. Zur Zeit bewirbt er sich und möchte zurück in seinen alten Beruf, „aber unter anderen Prämissen. Ich möchte Arbeit und Stress in einen geregelten Ablauf bringen.“ Dazu gehört auch, dass er nach seiner „fairen“ Trennung von seiner Frau alle zwei Wochen freitags um 16 Uhr frei haben möchte für das Wochenende mit seinen Kindern. „Ich plane jetzt für mich selbst Termine ein und gewichte das entsprechend.“

Bestärkt hat ihn darin Eva Link, die als Persönlichkeitstrainerin arbeitet und oft Menschen erlebt, die an ihren perfektionistischen Maßstäben scheitern. „Der äußere Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“, sagt die Münchnerin. Kürzlich hat sie einen angehenden Bankkaufmann getroffen, der seine Tage minutiös verplant und grübelt: „Arbeiten, Freunde, Fußballspielen, wie schnell ist dann mein Leben vorbei?“ Und er klagt: „Ich weiß nicht, wo die Zeit bleibt.“ Der Mann ist 17 Jahre alt. „Das hat mich berührt“, sagt Eva Link.

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