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Nur an den Wochenenden daheim Multilokal wohnen

Berufliche Mobilität hat ihren Preis. So sind viele Menschen auf eine Zweitwohnung angewiesen. Das macht sich auch auf dem Immobilienmarkt bemerkbar.

© Andreas Weishaupt Vergrößern

Für Wolfgang Hammermeister stellte sich die Frage nie: Weshalb er denn nicht komplett umgezogen sei, als er seine neue Stelle antrat? „Ein Saarländer, der gebaut hat und jeden Stein mit Vornamen kennt, gibt das nicht wieder auf“, antwortet er. Seit fünf Jahren wohnt Hammermeister nun schon unter der Woche in Ingelheim am Rhein. Seine Frau lebt derweil im gemeinsamen Haus im saarländischen Schiffweiler. 140 Kilometer trennen die beiden, oft sehen sie sich nur an den Wochenenden.

Wie den Hammermeisters ergeht es hierzulande vielen Paaren und Familien. Der Arbeitsmarkt verlangt nach Flexibilität, berufliche Mobilität wird vielfach vorausgesetzt. Lässt sich die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort mit dem Nahverkehr oder Auto kaum mehr täglich bewältigen, führt an einer zweiten Bleibe kein Weg vorbei. Multilokales Wohnen nennen Wissenschaftler dieses Phänomen - Menschen leben im selben Zeitraum an zwei oder mehr Orten. Was bei Schriftstellern durchaus üblich und bei Managern und Akademikern nicht selten ist, trifft heute nahezu alle Berufsgruppen, von der Verkäuferin bis zum Wachmann.

Provisorische Bleibe für den Anfang

Die Stadt- und Regionalsoziologin Christine Weiske von der Technischen Universität Chemnitz zählt zu einem Netzwerk von Wissenschaftlern, das sich dem Forschungsgebiet Multilokalität widmet. Wie viele Menschen hierzulande auf mehrere Wohnorte verteilt leben, lasse sich nicht beziffern, sagt Weiske. Tatsächlich tauchen in den Melderegistern beispielsweise auch Studenten auf, die ihren Erstwohnsitz bei den Eltern haben, obwohl der Studienort, an dem sie einen Zweitwohnsitz gemeldet haben, längst den Lebensmittelpunkt bildet.

Andere melden ihren Zweitwohnsitz ab, um die von vielen Städten und Gemeinden erhobene Zweitwohnungssteuer zu umgehen - und leben trotz Abmeldung weiter vor Ort. Dass es einen Trend zu multilokalem Wohnen gibt, dafür spricht „das Maß, in dem der Arbeitsmarkt nach Flexibilität verlangt“, erläutert Weiske, die zudem feststellt: „Die Wohnungswirtschaft reagiert nicht“, es fehle an adäquatem Angebot für diese Klientel.

Ein Mann, der vom Trend zu multilokalem Wohnen profitiert, ist Holger Bockholt. „Es läuft gut“, berichtet der Geschäftsführer des Verbands Home Company, der bundesweit in 50 Städten präsent ist. „Wohnen auf Zeit“ lautet das Geschäftsmodell; seinen Ursprung hat der Verband in den Mitwohnzentralen. Im Angebot finden sich laut Bockholt aktuell rund 10 000 Wohneinheiten, vor allem möblierte Apartments. Auf rund 30 000 Vermittlungen jährlich komme sein Verband. Meist fragten Berufstätige nach, die den Arbeitsort wechseln mussten und für den Anfang eine Bleibe suchten, denn bis zum Ablauf der Probezeit wollen viele sich nur provisorisch einrichten. „Wir bräuchten noch mehr Wohnungen“, sagt Bockholt, an Nachfrage mangele es jedenfalls nicht.

„Eher klein und gut gelegen“

Doch die meisten Eigentümer setzen auf langfristige Mietverhältnisse, an programmierter Fluktuation haben nur wenige Wohnungsbesitzer ein Interesse. Das bestätigen Makler wie Andreas Grimm aus Bremen. Dennoch führt auch er hin und wieder Wohnungen im Angebot, die bevorzugt an Pendler vermietet werden. Vor allem Ein-Zimmer-Apartments seien begehrt; für viele Nachfrager gelte die Devise: „Hauptsache, sauber“. Auch eine zentrumsnahe Lage und gute Verkehrsanbindung spielten eine gewisse Rolle, berichtet Grimm.

“Eher klein und gut gelegen“, bringt Christian von Malottki vom Darmstädter Institut für Wohnen und Umwelt das Profil der favorisierten Objekte auf den Punkt. Der Raum- und Umweltplaner sieht die Entwicklung durchaus kritisch, fürchtet gar einen Verdrängungswettbewerb. Schließlich herrsche in vielen Städten schon jetzt ein Mangel an Wohnraum. Die Nachfrage durch Pendler verschärfe deshalb den Druck auf den lokalen Märkten, warnt er. Betroffen sind vor allem Standorte mit hohem Arbeitsplatzangebot, etwa in den Metropolregionen oder in Großstädten wie Köln oder München.

Ulrich Wirth wohnt in einer Kleinstadt. Als er im Frühjahr seine neue Stelle in Mainz antrat, zog er in das 20 Kilometer entfernte Oppenheim. Wirth engagierte einen Makler und fand eine teilmöblierte Wohnung. Kurz überlegte er, ob er in eine WG ziehen sollte, doch „ich wollte meinen eigenen Bereich, in dem ich ein bestimmtes Ambiente schaffen konnte“. Immerhin verbringe er vier von sieben Tagen in Oppenheim, da wolle er sich schon wohl fühlen.

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Wirth will den Spagat schaffen zwischen der Familie, die weiter im rund zwei Autostunden entfernten Trier lebt, und seiner beruflichen Tätigkeit. Das lässt er sich einiges kosten, und nicht alle Mehraufwendungen sind steuerlich absetzbar. Auch Wolfgang Hammermeister leugnet nicht die Schattenseiten, doch hat der 54-Jährige auch Vorzüge des Wohnens an unterschiedlichen Orten ausgemacht: Für seine Frau sei es mitunter wie Urlaub, ihn zu besuchen und gemeinsam das Kulturleben im nahen Mainz zu genießen.

“Es ist nicht alles tragisch“, tritt Soziologin Weiske denn auch dem Eindruck entgegen, die multilokal Wohnenden fänden sich allesamt in einem unfreiwilligen Zustand wieder. In der Mehrzahl sind es Männer, die an mehreren Orten leben. Viele seien „sehr genügsam“, was die Ansprüche an ihre zweite Bleibe anbelangt, hat Weiske festgestellt - „das geht bis dahin, im Büro ein Klappbett aufzustellen“. Was oft ausgeblendet wird: Auch der Familienverband ist gefordert und leistet vom Lebensmittelpunkt aus Unterstützung. Auch deshalb ist der von multilokalem Wohnen betroffene Personenkreis inzwischen beträchtlich.

Stichwort Steuern

Eine Zweitwohnung ist mit Kosten verbunden, doch lassen diese sich teilweise steuerlich absetzen. So können die Mehraufwendungen für doppelte Haushaltsführung ohne zeitliche Begrenzung geltend gemacht werden. Voraussetzung ist, dass die Zweitwohnung beruflich veranlasst ist und tatsächlich ein doppelter Haushalt vorliegt, erläutert der Bund der Steuerzahler.

Keine doppelte Haushaltsführung wird angenommen, wenn die Beschäftigung lediglich als vorübergehende Auswärtstätigkeit anzusehen ist. Was die berufliche Veranlassung anbelangt, wird ein Wechsel des Arbeitsplatzes, eine Versetzung oder die erstmalige Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit akzeptiert.

Steuerlich geltend gemacht werden können zudem Fahrtkosten und in den ersten drei Monaten auch Mehraufwendungen für die Verpflegung, darüber hinaus für die Miete inklusive Nebenkosten und für die Umzugskosten. Die Mietkosten sind als Werbekosten absetzbar, wenn sie nicht überhöht sind. Wie der Steuerzahler unter Bezug auf die Rechtsprechung des Bundesfinanzhof erklärt, dürfen die Aufwendungen nicht jene für eine 60 Quadratmeter große, zum ortsüblichen Mietzins überlassene und nach Lage und Ausstattung durchschnittliche Wohnung überschreiten.

„Zahlreiche Städte und Gemeinden erheben eine Zweitwohnungssteuer, die sich in der Regel an der jährlichen Nettokaltmiete bemisst. So verlangt die Stadt Trier seit 2007 pro Zweitwohnung von den Inhabern, also den Mietern oder Eigentümern, 10 Prozent der Jahreskaltmiete. Allerdings gibt es auch Ausnahmen von der Steuerpflicht.

So sieht zum Beispiel die Trierer Zweitwohnungssteuersatzung vor, dass „verheiratete, nicht dauernd getrennt lebende Personen, deren eheliche Wohnung sich nicht in Trier befindet, aus Gründen ihrer Erwerbstätigkeit, ihrer (Berufs-)Ausbildung oder ihres Studiums Innehaben, von der Steuer befreit“ sind. Ähnliche Regelungen gibt es auch in anderen Städten.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 21.10.2012, 19:53 Uhr

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