Home
http://www.faz.net/-gym-6z46s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neuordnung der Ausbildung Abschied vom Bürokaufmann

 ·  Einer der beliebtesten Ausbildungsberufe der Deutschen wird nach mehr als 20 Jahren neu geregelt. Die Anforderungen sind gewachsen. Künftig haben Manager das Büro im Griff.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Wenn Wilfried Malcher und Uta Kupfer am Tisch sitzen, geht es manchmal zu wie bei den großen Tarifverhandlungen: Der Arbeitgebervertreter und die Arbeitnehmervertreterin schenken sich nichts. Nur, dass es bei ihren Treffen nicht um Gehalt, sondern um Inhalt geht – um Ausbildungsinhalte. Malcher und Kupfer sind für die Neuordnung der Büroberufe zuständig. Sie schaffen den Bürokaufmann ab.

“Wir schaffen ihn nicht ab, wir ordnen nur die Ausbildung neu“, sagt Malcher. Deswegen hätten die Arbeitgeber am liebsten die alte Bezeichnung beibehalten. Auch, um das gute Image des Berufs zu sichern. Doch das geht nicht. Der Bürokaufmann soll mit dem „Kaufmann für Bürokommunikation“ und dem „Fachangestellten für Bürokommunikation“, dem Pendant im öffentlichen Dienst, zu einem neuen Beruf verschmelzen: dem „Kaufmann für Büromanagement“.

Der Bürokaufmann ist der drittbeliebteste Ausbildungsweg der Deutschen. Staatlich anerkannt wurde er noch zu Zeiten Konrad Adenauers im Jahr 1962. Die letzte Überarbeitung erfolgte 1991 – seitdem wurden rund 500 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen, schätzt Martin Elsner vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Nimmt man die anderen Büroberufe hinzu, kommt man auf mehr als 700 000 Menschen, die sich in den letzten 20 Jahren für die Ausbildung entschieden haben.

Es geht um 95 000 Ausbildungsplätze in allen Branchen

Die Arbeitgeber und -nehmer sind sich in einem Punkt einig: Die Anforderungen an diese Berufe haben sich seit 1991 aufeinander zubewegt. Von August 2013 an soll es deswegen statt drei nur noch einen Ausbildungsgang geben. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Weil es um mehr als 95 000 Ausbildungsstellen in allen Branchen geht, sind so viele Parteien betroffen wie bei keiner anderen Neuordnung. Und alle wollen von Anfang an mitreden: verschiedene Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, die Kommunen, die Länder und auch das Bundesministerium des Inneren.

Damit Beschlüsse überhaupt möglich sind, haben sich die Arbeitgeber darauf geeinigt, sich bei den Verhandlungen über die Grundlagen der neuen Ausbildung vom Handelsverband Deutschland (HDE) vertreten zu lassen. Die Arbeitnehmer vertritt Verdi.

Zehn Jahre konnte man sich bei der Neuordnung nicht einigen

Doch wenn Wilfried Malcher, der Mann des HDE, und Uta Kupfer, die Frau von Verdi, am Tisch sitzen, gibt es immer wieder Streit. Das ist nichts Neues, wenn die beiden Lager der Arbeitswelt aufeinandertreffen. Bei den Büroberufen konnten sich die Beteiligten dieses Mal jedoch besonders schwer einigen. Schon seit 2001 wollten sie diese Berufe neu ordnen, doch jahrelang wollte keine Seite nachgeben.

Die Arbeitgebervertreter forderten, dass es neben der dreijährigen auch eine zweijährige Ausbildung geben müsse. Malcher sagt: „Nicht alle Betriebe können sich die lange Ausbildung leisten und es gibt zum Beispiel im Handel noch immer viele Aufgaben, für die eine kürzere Ausbildung ausreicht.“ Die Arbeitnehmervertreter lehnen eine zweijährige Ausbildung aber grundsätzlich ab. „Wir wollen, dass junge Arbeitnehmer so lange und so breit wie möglich ausgebildet werden“, sagt Uta Kupfer. Im Falle eines Jobverlusts könne der Angestellte nur dann schnell wieder eine passende Stelle finden.

Sollte eine Ausbildung möglichst breit oder speziell sein?

Die Frage, wie breit oder speziell die Ausbildung sein soll, ist der zweite große Streitpunkt. Egal, ob Einkauf oder Kundenbetreuung – bislang mussten alle Auszubildenden zum Bürokaufmann alle kaufmännischen Aufgaben lernen, erst später gab es eine intensivere Einarbeitung in bestimmte Felder. Die neue Ausbildungsordnung setzt dagegen auf Plicht- und Wahlqualifikationen. Am Anfang lernen alle die Grundlagen, die „Büro- und Geschäftsprozesse“. Anschließend vertiefen die Auszubildenden zwei, wenn gewünscht, auch drei von zehn verschiedenen Schwerpunkten. Welche das sind, legt der Arbeitgeber im Vertrag fest.

Arbeitnehmervertreter befürchten nun: Wer als Schwerpunkte Personalwirtschaft und Einkauf wählt, könnte am Ende der Ausbildung von Buchführung und dem Umgang mit dem Kunden zu wenig Ahnung haben, um im Fall der Fälle einen neuen Arbeitgeber zu finden. Malcher argumentiert dagegen aus Arbeitgebersicht: „Je stärker sich die Angestellten in der Ausbildung spezialisieren, desto weniger Einarbeitungszeit wird in das Beschäftigungsverhältnis verlegt. Und das bedeutet weniger Kosten für die Ausbildungsbetriebe.“ Aber er gibt auch zu: Auf dem Arbeitsmarkt kommen für die Absolventen durch die Spezialisierung weniger Stellen in Frage.

Am Ende gab es einen Kompromiss

“Über die zweijährige Ausbildung und die Art der Differenzierung diskutieren wir bei fast jeder Neuordnung“, sagt Malcher. „Und das ist dann immer sehr politisch. Die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerstandpunkte sind da ziemlich festgelegt.“ Bei den Büroberufen hat er sich mit Kupfer mittlerweile auf einen Kompromiss geeinigt: Die Arbeitgeber rücken – vorerst – von ihrer Forderung nach einer zweijährigen Ausbildung ab. Die Arbeitnehmer stimmen den Wahlqualifikationen zu.

Diese gemeinsam beschlossenen Eckpunkte des Ausbildungskonzepts haben sie dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesministerium für Bildung vorgelegt und jetzt soll es konstruktiv weitergehen. Zur Zeit erarbeiten Kupfer und Malcher mit dem BIBB und verschiedenen Sachverständigen die konkreten Inhalte der betrieblichen Ausbildung.

„Dabei versuchen wir die Politik außen vor zu lassen“, sagt die Gewerkschafterin Kupfer. „Wir wollen schauen, was praktisch die beste Lösung ist.“ Malcher sagt: „Das Tauziehen am Anfang ist immer anstrengend, und es ist in diesem Fall besonders zeitaufwendig gewesen, die verschiedenen Interessen abzustimmen, aber es ist nun mal unbedingt notwendig.“ Wenn sich die Parteien nicht offiziell einigten, würde in den Betrieben hinterher weiterdiskutiert.

Die Betriebe sind noch zurückhaltend

Deswegen sei es jetzt besonders wichtig, den Ausbildungsbetrieben die Entscheidungen zu erklären. Das haben in den letzten Monaten die Industrie- und Handelskammern übernommen, die in ihren Bezirken Infoveranstaltungen ausgerichtet haben. Doch noch hat die Neuigkeit viele Arbeitgeber nicht erreicht. Und die Ausbilder, die davon mitbekommen haben, sind verunsichert. Auch, wenn sie eine Neuerung für notwendig halten.

So sagt zum Beispiel ein Sprecher des Schuhherstellers Deichmann: „Wir wissen leider noch nichts Konkretes, dabei müssen wir uns hier im Unternehmen ja wahrscheinlich auch umorganisieren.“ Bei Deichmann durchlaufen die Auszubildenden zunächst alle Abteilungen. Erst später wird entschieden, in welcher sie eingesetzt werden. Die neue Ausbildungsstruktur mit Wahlqualifikationen kommt dem Unternehmen deswegen nicht entgegen.

Bei Deichmann sieht man das Ganze trotzdem unaufgeregt: „Wir warten ab. Wir können ja eh noch nichts machen“, sagt der Sprecher. In der Personalabteilung sei man sich auch gar nicht sicher, ob die Neuordnung 2013 wirklich schon kommt. So ist es eigentlich geplant. Doch bis dahin müssen sich Malcher und Kupfer noch viele Male mit den Sachverständigen an den Tisch setzen.

Ausbildungsentwicklung

In Deutschland gibt es derzeit 344 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe. Zehn von ihnen, unter anderem der Revolverdreher, sind nur noch „Karteileichen“. In diesen Berufen kommen schon seit Jahren keine Ausbildungsverhältnisse mehr zustande. Offiziell abgeschafft wurden seit 2001 dreizehn Berufe, zuletzt das Handwerk des Handschuhmachers. In der gleichen Zeit wurden 46 Berufe neu eingeführt und 155 Ausbildungen überarbeitet. 2013 sollen der Pflanzentechnologe und der Kaufmann für Büromanagement hinzukommen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel