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Nachtaktivität Verfolgt bis in den Schlaf

26.05.2009 ·  Lässt der Job Sie auch nachts nicht in Ruhe? Einmal ist das nicht schlimm, sagen Fachleute. Wenn Nachtaktivität zum Dauerzustand wird, dagegen schon.

Von Julia Löhr
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Andreas grübelt. Immer nachts. Stundenlang. Darüber, ob sein aktueller Job wirklich der richtige ist. Wie er sich am besten durchsetzt. Wie er möglichst freundlich, aber doch bestimmt anderen Leuten auf die Füße tritt, was Teil seiner Arbeit ist, ihm aber nicht unbedingt liegt. „Die letzten drei Nächte waren immer zwischen 4.10 Uhr und 4.40 Uhr zu Ende“, erzählt der 40 Jahre Ingenieur, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Es ist nicht so, dass Andreas schlecht träumt. Auch das Einschlafen ist nicht das Problem. „Ich werde einfach plötzlich wach.“ Er versucht dann zu lesen, was nicht klappt, weil er zu müde ist, zum Einschlafen aber ist er zu wach, und so geht das Grübeln weiter. Ist der Job wirklich der richtige?

Seit Jahren geht das schon so, im Schnitt drei oder vier Nächte in der Woche, selbst ein beruflicher Wechsel aus der Selbständigkeit in den öffentlichen Dienst hat an den nächtlichen Denkspiralen nichts geändert. Es gibt immer etwas, was nicht läuft wie gewünscht, es gibt immer Anlässe zum Grübeln. Beim Arzt war Andreas war noch nicht, „dazu ist der Leidensdruck noch nicht groß genug“, sagt er. „Aber befriedigend ist die Lage natürlich auch nicht.“ Noch hofft Andreas, dass sich die Sache irgendwann von selbst wieder einpendelt.

Meistens haben Schlafstörungen berufliche Gründe

Wie ihm ergeht es vielen Deutschen. Schätzungen zufolge leiden knapp ein Drittel aller Erwachsenen an einer Schlafstörung, ob leichter oder schwerer Natur. „In den meisten Fällen hat das berufliche Gründe“, sagt Jürgen Zulley, Leiter des schlafmedizinischen Zentrums an der Universität Regensburg. „Viele Schlafstörungen entstehen am Tag. Die Menschen können gedanklich nicht loslassen.“ Ein Gefühl, das sich quer durch alle Berufsgruppen und Hierarchiestufen zieht. Exbundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete jüngst in einem Interview die ungeheure Anspannung als größten Preis, den er für seine Kanzlerschaft gezahlt hat. „Man kommt nicht zur Ruhe, auch wenn man zu Hause ist, selbst wenn man im Bett liegt.“

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) sieht einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Arbeitsdauer und gesundheitlichen Beschwerden wie Schlafproblemen, Rückenschmerzen und Herzbeschwerden. In einer im Jahr 2006 durchgeführten Erwerbstätigenbefragung kam sie zu dem Ergebnis, dass lediglich 10 Prozent der Befragten mit einer Wochenarbeitszeit von weniger als 19 Stunden unter Schlafstörungen litten. In der Gruppe jener Arbeitnehmer, die jede Woche 60 Stunden oder mehr arbeiteten, bekundete dagegen jeder Vierte Schlafstörungen. Noch größer war der Anteil der Schlafgestörten im Kreis der Schichtarbeiter.

Folgen für Arbeitgeber und Volkswirtschaft

Das nächtliche Hin- und Hergewälze im Bett stört nicht nur die Betroffenen selbst, es hat auch Folgen für deren Arbeitgeber und die Volkswirtschaft insgesamt. Anfang der neunziger Jahre rechneten amerikanische Wissenschaftler einmal den Schaden für ihr Land durch. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der volkswirtschaftliche Schaden für die Vereinigten Staaten im Jahr in die Milliarden geht.

Was tun, wenn die Präsentation am nächsten Tag einen nachts wach liegen lässt? Oder das Arbeitspensum so groß ist, dass kaum mehr Zeit zum Schlafen bleibt? Der amerikanische Schlafforscher Charles Czeisler vertritt die Ansicht, dass eine Nacht mit wenig Schlaf unproblematisch ist. Doch auf Dauer nage Schlafentzug an der Leistungsfähigkeit. Die Konzentration lasse nach, der Orientierungssinn leide, und auch das Gedächtnis arbeite nicht so gut, wie es könnte. Czeisler kritisiert jene Manager, die morgens als Erste im Büro sind und abends als Letzte gehen. Weil an Arbeitstagen mit zwölf Stunden oder mehr irgendwann die Produktivität sinkt, arbeiten die Menschen noch mehr, um ihr vermeintliches Arbeitssoll zu erfüllen – ein Teufelskreis. So mancher Manager mag sich manchmal wünschen, er wäre eine Giraffe. Die Tiere schlafen am Tag nicht einmal 30 Minuten.

„Vier Stunden Schlaf sind das absolute Minimum“

Die optimale Schlafdauer gibt es nach Einschätzung des Regensburger Schlafforschers Zulley nicht. Er ist kein Freund des vielfach genannten Richtwerts von sieben Stunden. „Ob man genug schläft, merkt man ganz einfach daran, ob man am nächsten Tag fit ist oder in den Seilen hängt.“ Ein Mittagstief sei erlaubt, mehr Tiefpunkte sollten zu denken geben und Anlass für einen Arztbesuch sein. Frauen brauchten grundsätzlich etwas mehr Schlaf als Männer, und im Winter würden Menschen grundsätzlich länger schlafen als im Sommer. „Die wichtigste Phase ist der Tiefschlaf“, sagt Zulley. „In dieser Zeit werden Wachstumshorme ausgeschüttet, regeneriert sich das Immunsystem.“ Zulleys Faustregel: „Vier Stunden Schlaf sind das absolute Minimum.“

In Managerkreisen gilt der frühere Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff als Beispiel für einen extremen Kurzschläfer – ihm wird nachgesagt, er komme mit drei bis vier Stunden Schlaf in der Nacht aus. Auch die Frankfurter Wirtschaftspsychologin Felicitas von Elverfeldt kennt etliche Lang-Arbeiter. Manche ihrer Kunden gehen nach einer Coaching-Sitzung abends um neun Uhr noch einmal ins Büro, telefonieren bis ein oder zwei Uhr nachts mit Kollegen in Amerika. Und verschicken trotzdem um sechs Uhr morgens schon wieder E-Mails. „Solange ihnen das Spaß macht, ist das kein Problem“, meint Elverfeldt.

Deutsche schlafen lang, Franzosen noch länger

Die Mehrheit der Deutschen schläft deutlich mehr als das Vier-Stunden-Minimum, sagt die Statistik. Exakt acht Stunden und zehn Minuten schlafen die Deutschen durchschnittlich je Nacht, hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer jüngst veröffentlichten Studie ausgerechnet, für die sie Daten aus 18 Ländern zusammengetragen und ausgewertet hat. Mit ihrem Schlafpensum zählen die Deutschen – genauer: alle ab einem Alter von 15 Jahren – nach Angaben der OECD im internationalen Vergleich eher zu den Kurzschläfern. Noch genügsamer sind die Koreaner und Japaner, die mit 7,5 Stunden Schlaf auskommen. Die Franzosen gönnen sich dagegen im Schnitt knapp neun Stunden Schlaf.

Dass hinter den Durchschnittszahlen viele Fälle stehen, die nicht der Norm entsprechen, zeigt die Zahl der Schlaflabore. Mehr als 300 solcher Zentren zählt die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, sie erfreuen sich wachsenden Zulaufs. Dort können Menschen ihre Schlafstörungen erforschen lassen – und bekommen ein Gefühl dafür, wie viel sie wirklich schlafen. Viele unterschätzten die Dauer, weiß Zulley. „Wenn man im Schlaflabor Schlafende weckt und sie fragt, ob sie gerade geschlafen haben, dann sagen die meisten: nein.“

Ein Patentrezept für mehr oder besseren Schlaf gibt es nicht. Psychologin Felicitas von Elverfeldt erzählt von einem Manager, der auf Dienstreisen immer eine handliche Reisegitarre mitnimmt, um auch unterwegs abends seinem Hobby nachgehen und entspannen zu können. „Das funktioniert für ihn gut“, sagt sie. Schlafforscher Zulleys Rat geht in eine ähnliche Richtung. „Jeder muss für sich selbst herausfinden, was ihm hilft, um abzuschalten.“ Schäfchen zu zählen hält Zulley übrigens für alles andere als lächerlich. „Das wirkt durchaus beruhigend. Ich persönlich finde leise Musik aber schöner.“

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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