30.04.2010 · Für die einen ist Nachhilfe völlig normal. Für die anderen ist sie ein Beweis für große Lücken im staatlichen Schulsystem - und ein sozialer Skandal.
Von Lisa BeckerScheinbar Unspektakuläres passiert an diesem Nachmittag in der Schülerhilfe Obertshausen. Fünf Kinder sitzen um einen weißen Kunststofftisch. Darauf liegen Mäppchen, Hefte und Bücher. Eine Stunde des neunzigminütigen Nachhilfeunterrichts ist bereits vorbei; die Konzentration lässt nach. Während ein Mädchen noch fleißig versucht, einen englischen Text zu schreiben, guckt ein Junge lieber in die Luft als in sein Matheheft. Ein anderer quatscht mit seinem Nachbarn. „Kannst du mal zwei Minuten nicht reden!“, ermahnt ihn die Lehrerin. Sie studiert Grundschulpädagogik. Wegen der geringen Zahl der Kinder kann sie auf jedes achten und bei Bedarf weiterhelfen. Aber auch in der Nachhilfeschule lernen nicht alle Kinder gleich gut. „Je motivierter die Schüler sind, umso besser funktioniert es“, sagt die Studentin.
Was in der Schülerhilfe Obertshausen und in den vielen anderen Nachhilfestunden in Deutschland tagtäglich geschieht, ist für manche jedoch keine normale, sondern eine höchst fragwürdige Angelegenheit. Alarmiert ist zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh. Nachhilfe sei längst keine Ausnahme mehr, um kurzfristige schulische Schwächen auszugleichen, beobachtet die Stiftung. Sie habe sich zu einem fest etablierten, privaten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Stiftung. Dass jedes Jahr mehr als 1,1 Millionen Schüler - das ist etwa jeder neunte Schüler - Nachhilfe bekämen, lege große Lücken in der staatlichen Schulbildung offen. Denn in den Staatsschulen wird nach Drägers Ansicht zu wenig Wert auf eine individuelle Förderung gelegt. Das sei in Kanada, den Niederlanden und Finnland ganz anders. In diesen Ländern, die in internationalen Lernstandstests gut abschneiden, kämen die Schüler weitgehend ohne Nachhilfe aus.
Zwischen 942 Millionen und 1,47 Milliarden Euro für Nachhilfe
Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat für die Bertelsmann-Stiftung das Ausmaß der Nachhilfe in Deutschland geschätzt. Zwischen 942 Millionen und 1,47 Milliarden Euro gäben Eltern jährlich für die Nachhilfestunden ihrer Sprösslinge aus; eine genaue Zahl ist nicht zu ermitteln, weil sich Nachhilfe oft im privaten Bereich abspielt. Unter der Annahme der niedrigsten Ausgabenschätzung sind es durchschnittlich 108 Euro für jeden Schüler an einer allgemeinbildenden Schule. Klemm findet es erschreckend, dass schon viele Viertklässler Nachhilfe im Fach Deutsch bekommen. Im Jahr 2006 waren es nach einer Sonderauswertung der Iglu-Studie fast 15 Prozent der Grundschüler.
Nachhilfe ist nach Klemms Worten noch aus einem anderen Grund problematisch: Schüler aus sozial schwachen Familien könnten sich diese Ausgaben kaum leisten. Das beeinträchtige die Bildungschancen von Kindern aus der Unterschicht weiter. Statistische Auswertungen untermauern die Befürchtung, dass es eine soziale Schieflage gibt. So hat der Bamberger Soziologe Thorsten Schneider ermittelt, dass 36 Prozent der Schüler, die Nachhilfe bekommen, in Haushalten aufwachsen, deren Einkommen im oberen Viertel liegt. Aus Haushalten mit Einkommen im untersten Viertel kommen nur 15 Prozent der Nachhilfeschüler. Dabei stammen aus dieser Schicht der Gesellschaft viel mehr schwache Schüler als aus den anderen Schichten. Sie hätten Nachhilfe also besonders nötig.
Die Eltern wollen Wettbewerbsvorteile für ihre Kinder
Während es bei Kindern aus der Unterschicht vor allem darum ginge, sie vor dem schulischen Scheitern zu bewahren, ist dies für die Schüler, die Nachhilfe bekommen, nur selten der Hauptgrund: Die meisten sollen, wie Untersuchungen zeigen, fitter werden. Die Eltern wollten ihnen so einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt verschaffen oder den sozialen Aufstieg ermöglichen. Die Sorge über einen sozialen Abstieg sei hingegen kein wichtiger Beweggrund.
Thilo Jahn, der die Schülerhilfe in Obertshausen bei Frankfurt betreibt, wiegelt ab: Nachhilfe gebe es doch schon seit vielen Jahren; sie sei etwas ganz Normales. Nur selten treffe er auf überehrgeizige Eltern, sagt der 39 Jahre alte Pädagoge. Der typische Nachhilfeschüler besuche die fünfte bis zehnte Klasse und stehe in einem Hauptfach, oft in Mathematik, auf Fünf. Er komme einmal die Woche für 90 Minuten in die Schülerhilfe, was rund 100 Euro im Monat kostet. Allerdings passiere es öfter als früher, dass ein Schüler von einer Vier herunterkommen wolle. „Schüler, die sich von Zwei auf Eins steigern wollen, gibt es hier aber nicht“, sagt Jahn. Um die Verbesserung von Noten, die im grünen Bereich liegen, geht es meistens dann, wenn Schüler ein gutes Abschlusszeugnis oder den Besuch einer höheren Schule anstreben. Und mancher Viertklässler, der den Sprung ins Gymnasium schon geschafft hat, kommt in den Sommerferien fünfmal 90 Minuten in die Schülerhilfe, um den Kurs „Fit für die weiterführende Schule“ zu besuchen. Um den Stoff nicht völlig zu vergessen, wie Jahn sagt.
Druck, Angst und Einförmigkeit zerstören die Motivation
An der Wand hängt eine Tafel. Auf ihr haben Schüler notiert, welche Note sie hatten, bevor sie in die Nachhilfe kamen, und welche Note sie nun nach sechs bis neun Monaten Nachhilfe haben. Die meisten haben sich von Fünf auf Vier oder von Vier auf Drei verbessert. Vor Beginn des Unterrichts werde ein Ziel vereinbart, erklärt Jahn. „In 90 Prozent der Fälle wird dieses Ziel auch erreicht.“
Es fehlt zwar an methodisch einwandfreien und umfassenden Untersuchungen über die Wirksamkeit von Nachhilfe, doch weisen Studien eher darauf hin, dass Nachhilfe tatsächlich wirkt. Noch wirksamer als Nachhilfe könnte jedoch eine präventive Strategie sein, auf die immer mehr Wissenschaftler, Eltern, Schüler und so manche Schule setzen: das richtige Lernen.
Weit reichen dabei die Forderungen von Hirnforschern wie Gerald Hüther. Der Göttinger Neurobiologe mahnt eine völlig neue Lernkultur in den Schulen an. Dort lernten Kinder und Jugendliche in der Regel nicht hirngerecht, sagt er. Druck, Angst, Einförmigkeit und schlechte Pädagogen zerstörten ihre Motivation. Dabei lernten Kinder unter guten Bedingungen von sich aus; sie zum Lernen zu motivieren sei weder nötig noch möglich, sagt Hüther. Ganz pragmatisch gehen hingegen Lerninstitute mit den Lern- und Motivationsschwierigkeiten von Schülern um: Sie bringen ihnen in praktischen Übungen bei, wie sie schneller lernen und den Stoff besser behalten können.
„Die Branche boomt“
Viele Schüler fühlten sich wegen der verkürzten Gymnasialzeit (G8) und ihrer zahlreichen Freizeitaktivitäten beim Lernen schon rein quantitativ überfordert, sagt Philipp Kalabis, der im Lernteam Marburg „Gern-Lern-Seminare“ hält, die über den Kinderausstatter Jako-o vertrieben werden. Ein Seminar dauert ein Wochenende. Danach wisse man, wie man besser lernt, sagt Kalabis. Vermittelt wird zum Beispiel das Lernen mit Gedächtniskarten (Mind Maps). Mit ihnen werden Inhalte visuell so strukturiert, dass sie sich leichter einprägen. Das funktioniert so: Den Hauptbegriff schreibt man in die Mitte (zum Beispiel Tiger). Darum herum schreibt man das, was man über Tiger lernen soll, und verbindet es über Äste und Zweige mit dem Hauptbegriff. „So kreiert man ein Netzwerk, das ähnlich funktioniert wie unser Gedächtnis. Ruft man den Begriff Tiger ab, dann ruft man auch alles andere automatisch ab“, erklärt Kalabis.
Die Nachfrage nach den Lernteam-Kursen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. „Es wird immer mehr, die Branche boomt“, sagt Kalabis. Man besetze eine Nische, die durch Lücken in der schulischen Bildung entstanden sei. Denn dort wird Lernmethodik nur selten gelehrt. Ansonsten gäbe es wahrscheinlich auch weniger Nachhilfestunden in Deutschland.
der Skandal liegt bei den Eltern
Juri Garkov (JuriGarkov)
- 30.04.2010, 12:02 Uhr
Nachhilfe gebe es doch schon seit vielen Jahren; sie sei etwas ganz Normales
Claus Behrens (chipin)
- 30.04.2010, 12:12 Uhr
"große Lücken im staatlichen Schulsystem"
Thomas Gorsler (gorschi)
- 30.04.2010, 13:34 Uhr
Ich frage mich...
Carsten Cavelius (netzmonschda)
- 30.04.2010, 16:57 Uhr
Ich frage mich...
Carsten Cavelius (netzmonschda)
- 30.04.2010, 17:03 Uhr