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Nach dem Schlaganfall Mit Geduld zurück ins Arbeitsleben

02.12.2007 ·  Ein Schlaganfall ist längst keine „Alte-Leute-Krankheit“ mehr. Auch deshalb muss sie nicht das Ende der Karriere bedeuten. Soll die Rückkehr in den Beruf gelingen, ist schnelle Hilfe nötig – und danach ein langer Atem.

Von Leonie von Manteuffel
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Die Zeiten, in denen der Schlaganfall als „Alte-Leute-Krankheit“ galt, sind vorbei. „Auch jüngere Menschen kann eine plötzliche Hirnschädigung ereilen“, warnt die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe in Berlin. Rund 30.000 der etwa 200.000 Frauen und Männer, die jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall erleiden, sind jünger als 45 Jahre. In Kampagnen wie „Jeder Schlaganfall ist ein Notfall“ versucht die Stiftung – seit einigen Monaten wird sie dabei auch von TV-Star Verona Pooth unterstützt – Bevölkerung und Rettungsdienste für die richtige Reaktion im Ernstfall zu sensibilisieren. „Time is brain“ oder „Jede Minute zählt“, so heißen die dafür ersonnenen Slogans.

Denn ähnlich wie beim Herzinfarkt legt beim Schlaganfall meist ein Blutpfropf die Sauerstoffversorgung lahm. Die unterversorgten Areale des Gehirns sterben dadurch ab, wobei rasche ärztliche Hilfe den Schaden begrenzen kann. „Mit jeder Minute beginnt der Prozess der Zerstörung höhere Geschwindigkeit aufzunehmen. Wenn man die Blutzufuhr nach einigen Minuten oder Stunden wieder in den Griff bekommt, kann man unter Umständen das gesamte Gehirngewebe retten“, sagt Professor Karl Max Einhäupl, Leiter der Neurologie an der Charité Berlin. Die Akutmediziner nehmen eine Blutverdünnung vor oder operieren, wenn ein geplatztes Blutgefäß zur Schädigung geführt hat. Im günstigsten Fall lassen sich typische Schlaganfallsymptome – zum Beispiel Halbseitenlähmungen, Schluckbeschwerden, Sehstörungen, Sprachstörungen (Aphasie), Verwirrung, Konzentrationsmangel, Sinnestäuschungen und Stressintoleranz nach einigen Tagen oder Monaten wieder zurückbilden. Je nach dem betroffenen Hirnareal kann auch eine Apraxie auftreten – dabei werden zum Beispiel die Bausteine einer Handlung erinnert, aber nicht die Abfolge.

Gehen, greifen, sprechen lernen

Die Geretteten müssen nach dem Schlaganfall oft mühsam wieder lernen, zu gehen, zu stehen, zu greifen, zu sprechen und zu planen. Die Einbußen hängen vom Ort des Geschehens im Gehirn ab. So sitzt das Sprachzentrum bei den meisten Menschen links, und je nachdem ob es dort mehr den Stirn- oder Schläfenlappen getroffen hat, können sensorische Sprachfähigkeiten wie Verstehen und Lesen oder motorische Sprachbereiche wie die Artikulation und die Sprachmelodie beeinträchtigt sein. So liegt jeder Fall anders. Angesichts der komplexen Problematik bei Schlaganfallpatienten sollte deshalb ein „multiprofessionelles“ Team aus Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Neuropsychologen und Sozialarbeitern im Einsatz sein.

Als effektivste Phase für den Abbau der Defizite gelten die ersten zwölf Wochen nach dem Schlaganfall. Doch kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsprozesse ließen sich auch noch nach zwei bis drei Jahren mit Erfolg trainieren, betont der Neuropsychologe Gerhard Müller, der in Würzburg zusammen mit einigen Kollegen ein ambulantes Zentrum für Klinische Neuropsychologie betreibt. Die Plastizität des Gehirns ermögliche es, dass funktionierende Gehirnbereiche ganz oder teilweise geschädigte Funktionen übernehmen. So lassen sich bisher passive Kontaktstellen zwischen Gehirnzellen aktivieren, oder es können Nervenfasern aussprossen, um sich neu zu verknüpfen. Ergänzen lassen sich die psychologischen Trainings am Computer: Es gibt inzwischen zahlreiche PC-Programme, mit denen man Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen und andere kognitive Leistungen üben kann. Einzelne Schwächen lassen sich im Alltag aber auch kompensatorisch bewältigen, zum Beispiel indem man ein „Gedächtnistagebuch“ führt, um die Merkfähigkeit zu unterstützen.

Normaler Alltag für ein Drittel

Einem knappen Drittel der Betroffenen gelingt es Schätzungen zufolge mit guten Ergebnissen, wieder in einen normalen Alltag zurückzukommen. Die übrigen müssen sich mit einer Behinderung bis hin zur Pflegebedürftigkeit abfinden. Wie vielen die Rückkehr in den Beruf gelingt, darüber gibt es keine exakten Zahlen. Selbst wenn die Motorik wieder funktioniert und die Verständigung problemlos ist, machen den Betroffenen oft noch unsichtbare Einschränkungen im kognitiven Bereich zu schaffen. Diese Defizite können beispielsweise den Führerschein gefährden, den viele beruflich benötigen.

Einer der Erfolgreichen und doch Geschlagenen ist Friedbert Voigt aus Gütersloh. Mit 39 Jahren traf ihn der Schlaganfall wie aus heiterem Himmel. Die Rettungskette habe gut funktioniert, lobt der Techniker. Der Vorarbeiter in der Maschinenreparatur einer Tonträgerproduktion ging schon nach zwei Monaten wieder zurück in den Betrieb. „Ich war es so gewohnt – immer Vollgas geben“, sagt er. Doch nach einiger Zeit wurde klar: Bei der Fehlersuche an den großen Maschinen, beim vielschrittigen Kombinieren, bei der Konzentration, die der Einbau von elektrischen Anlagen erfordert, konnte er sein altes Niveau nicht halten, der Schichtdienst belastete ihn zusätzlich. Sein Arbeitgeber bot ihm schließlich einen einfacheren Arbeitsplatz an, halbtags. „Ich musste lernen, es wird nicht mehr wie früher. Das war hart“, sagt Voigt heute. Eine Zeitlang suchte er psychologische Unterstützung, um nicht in eine Depression zu fallen. Das empfiehlt er auch anderen Schlaganfall-Rückkehrern – „besonders Männern, die vielleicht denken, ,Psycho brauche ich nicht‘“, sagt er.

„Es geht in jedem Fall nur mit einem langsamen Heranführen“, fasst Erich Knülle seine Erfahrungen mit Schlaganfallpatienten zusammen. Er ist Betriebsarzt in den Kölner Ford-Werken. Das betriebliche Eingliederungsmanagement ermöglicht dort die stufenweise Wiederaufnahme der Arbeit. Eine gute sprachliche Verständigungsfähigkeit sieht der Mediziner als die wichtigste Voraussetzung dafür an, wobei aber nicht jedes Stocken gleich einen Autoritätsverlust zur Folge haben müsse. „Wenn jemand seine fachliche Autorität wieder entwickelt, wird er auch anerkannt werden“, sagt der Betriebsmediziner. Dennoch komme eine Rückkehr in Führungspositionen nur selten vor.

Strukturierte Nachsorge fehlt

Dazu trägt auch die fragmentierte ambulante Versorgung bei. Denn eine strukturierte Nachsorge gibt es für Schlaganfallpatienten bisher nicht. Wer aus der stationären Behandlung nach Hause kommt, „muss sich in der Regel alles selber suchen und organisieren“, haben etwa Interviewte in einer Untersuchung der Universität Halle geklagt. Oft werde keine Physiotherapie, keine Ergotherapie und erst recht keine ambulante Neuropsychologie verordnet, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gehöre. Das mag für höhere Führungskräfte weniger hinderlich sein, doch fehle es auch ihnen an geeigneter Unterstützung, sagt die Soziologin Dorothe Fritzsche. Sie hat einen spezifischen Trainingsplan „Return“ für Manager entworfen. In vier Phasen sollen sich Führungskräfte dabei schrittweise mit einem Coach auf die Berufsrückkehr nach einem Schlaganfall vorbereiten. Es beginnt mit einem Tätigkeits-, Anforderungs- und Belastungsprofil, dem sich eine Ressourcen-Defizit-Analyse anschließt. In der dritten Phase sind Übungen zur mentalen Koordination und zu allgemeinen berufsbezogenen Themen vorgesehen. Dazu gehören zuerst die Lektüre von Zeitungen und Fachzeitschriften, dann das Studium von Akten und Berichten aus dem Unternehmen. Später folgt ein erster Besuch in der Firma – und aus der Stippvisite werden dann im besten Fall Schritt um Schritt wieder vollständige Arbeitstage.

Vorsorge und Nachsorge

  • Mit dem „Schlaganfall-Testkoffer“ können Unternehmen ihren Mitarbeitern einen wissenschaftlich fundierten Test zum Schlaganfallrisiko anbieten. Ein medizinischer Berater der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe gibt anschließend Tipps und Hilfestellungen. Mehr unter: www.schlaganfall-hilfe.de
  • Für junge Menschen mit Sprachstörungen nach einem Schlaganfall oder einem Unfall hat der Selbsthilfe-Bundesverband Aphasie eine berufliche Qualifizierung entwickelt. Die ersten Teilnehmer durchlaufen gerade die Assessmentphase des Lehrgangs in Heidelberg, zu dem auch eine logopädische, ergotherapeutische, physiotherapeutische und neuropsychologische Behandlung gehören. Details unter: www.bfw-heidelberg.de
  • Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.kompetenznetz-schlaganfall.de und www.aphasiker.de
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