Work-Life-Balance - schon im Ausdruck ist die Grenzziehung enthalten - ist in aller Munde. Arbeit und Privatleben sollen merklich voneinander getrennt sein, so der Wunsch der überlasteten Arbeitnehmer. Beim Abendessen mit der Familie oder auf der Strandliege ins Smartphone getippte E-Mails gelten nicht länger als zeitgemäß, sondern als Stressfaktor. Und sogar dort, wo eigentlich Einigkeit über ständige Erreichbarkeit zu bestehen scheint - etwa in den internationalen Großkanzleien und Beratungsunternehmen, die weltweit jedes Jahr Milliardenbeträge umsetzen -, ist ein Wandel zu beobachten. Immer öfter bieten sie ihren vielbeschäftigten Angestellten Möglichkeiten, um Beruf und Privatleben voneinander zu trennen.
Zur neuen Flexibilität gehört zunehmend ein sogenanntes Sabbatical, das mit dem ursprünglichen Wortsinn des Ausdrucks aber nur noch wenig gemein hat. Analog zum jüdischen Sabbat, dem arbeitsfreien siebten Tag, steht der Begriff Sabbatjahr für die Ruhepause von der Arbeit im siebten Jahr. Seit dem 19. Jahrhundert bezeichnet er auch ein Jahr der bezahlten Auszeit amerikanischer Universitätsprofessoren von der akademischen Lehre - um das geistige Feld neu zu besäen. Inzwischen taucht der Begriff immer öfter in der Wirtschaft auf. Als Arbeitszeitmodell bezeichnet das Sabbatical einen in den Unternehmen festgelegten Zeitraum vergüteter oder unvergüteter Abwesenheit vom Arbeitsplatz.
Das Thema birgt auch einen Widerspruch
Mit dieser Möglichkeit zur Auszeit werben Sozietäten und Unternehmen um die besten Absolventen, von denen es heute zunehmend heißt, sie wollten nicht nur in der Karriere, sondern auch privat aus dem Vollen schöpfen. Sabbatical, das klingt verheißungsvoll nach mehr Zeit für die vielbeschworene Entschleunigung. Doch das Thema birgt auch einen Widerspruch. Rund 100.000 Euro Einstiegsgehalt, Aufgaben mit internationaler Reichweite, der harte Wettbewerb in der Liga der Marktführer und der Konkurrenzkampf um den Aufstieg innerhalb des Unternehmens - wieso sind solche Optionen auf mehr Freizeit sowohl für die Arbeitgeber als auch für die Angestellten in diesem Umfeld ein interessantes Thema?
Sven Petersen kam das Angebot seines Arbeitgebers gerade recht. Der 36 Jahre alte Anwalt der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer nahm ein Sabbatical nach der Geburt seiner zweiten Tochter, um Zeit für die Familie zu haben. Innerhalb des Freshfields-Programms „Smart Balance“ steht seit 2011 den Anwälten vom fünften Berufsjahr an offen, vier Wochen am Stück den Arbeitsplatz zu verlassen. Petersen kombinierte das Sabbatical mit einem Teil des Jahresurlaubs und verbrachte sechs Wochen mit seiner Familie in Argentinien. „Das war eine intensive Zeit, ich konnte richtig zur Ruhe kommen. Danach bin ich mit frischem Elan an die Arbeit gegangen.“
Währenddessen bezog Petersen weiter sein normales Gehalt. Wiederholbar ist die Auszeit jedoch nicht. Petersen begrüßt das Angebot als eine „Wertschätzung für Anwälte, die schon länger dabei sind“. Von Hemmungen, der Arbeit aus persönlichen Gründen eine Weile fernzubleiben, habe er aber auch schon gehört: „Vielleicht denken ja manche, dass es nicht gut ankommt, wenn man das Angebot auch nutzt.“ Gerade über die heute einflussreichen Senior Partner, zu deren Anfangszeiten es die Wortschöpfung Work-Life-Balance noch nicht gab, heißt es bisweilen, sie brächten wenig Verständnis für die Ansprüche des Nachwuchses auf. Zum Standard ist das Sabbatical bei Freshfields noch nicht geworden: Von gut 120 Associates und Counseln, die die Voraussetzung für die Auszeit erfüllen, haben sie bislang 21 genommen.
Nach Petersens Wahrnehmung hat sich in Großkanzleien jedoch viel getan, um mehr Flexibilität zu ermöglichen. Zwar sei es im Alltag schwierig, genug Zeit für die Familie zu finden, er könne sich die Arbeit aber einteilen. Zweimal in der Woche verlässt er das Büro früher für das gemeinsame Abendessen, und auch am Laternenumzug seiner Tochter hat er teilgenommen. Die Arbeit muss dann liegenbleiben. „Ich kann mich ja abends von zu Hause noch mal einloggen“, sagt der Rechtsanwalt. Wann Balance zwischen Arbeit und Privatsphäre besteht, scheint individuell sehr unterschiedlich zu sein.
„Personal Time“ für drei Monate
Auch Lukas Streiff nutzte die Option für eine Auszeit, die sein Arbeitgeber, die Unternehmensberatung McKinsey & Company, Mitte 2011 eingeführt hatte. Zwei Monate nahm sich der 29 Jahre alte Berater, um mit seiner Freundin Burma zu bereisen und dort ehrenamtlich für eine Nichtregierungsorganisation zu arbeiten. „Personal Time“ heißt das Programm, das Angestellten eine bis zu drei Monate lange unbezahlte Pause einräumt - vom ersten Berufsjahr an und jedes Jahr aufs Neue. Die Berater betreuen Einzelprojekte bis zu deren Abschluss und können dann eine Auszeit nehmen, statt sofort in ein neues Projekt einzusteigen.
Bedenken, als Berufseinsteiger einen schlechten Eindruck zu machen, hatte Streiff nicht. „Das Thema wurde gleich positiv besetzt. Wir wurden ermutigt, das Angebot auch in Anspruch zu nehmen.“ Von den rund 1300 Beratern in Deutschland hat bislang etwa ein Sechstel die „Personal Time“ genutzt. Auch für dieses Jahr hat Streiff sich zwei Monate reserviert, vielleicht will er sich im Bundestagswahlkampf engagieren. „Meine Generation ist zielstrebig und pragmatisch“, sagt er, „aber auch getrieben von Idealen und anspruchsvoll an das Privatleben.“
So beschreibt es auch Ruth Stock-Homburg, die das Fachgebiet Marketing und Personalmanagement der Universität Darmstadt leitet und eine wissenschaftliche Untersuchung zur Work-Life-Balance von Topmanagern vorlegte. „Wenn die Unternehmen den jungen High Potentials gerecht werden wollen, müssen sie proaktiv agieren.“ In den Führungsetagen sei man sich bewusst, dass die erstklassigen Absolventen neben akademischen Bestleistungen einen hohen Anspruch an ihr Privatleben mitbringen. „Beratungsunternehmen suchen extrem smarte Einsteiger - und interessante, die beim Kunden ein hohes Maß an persönlicher Erfahrung vorweisen können.“ Die jungen Mitarbeiter wüssten um ihren Wert für die Unternehmen und handelten selbstbewusst ihre Freizeit aus. Um für den besten Nachwuchs attraktiv zu bleiben, seien Angebote zur Work-Life-Balance eine lohnende Investition, sagt die Professorin. Außerdem ließen sich Angestellte damit auf längere Zeit an das Unternehmen binden als die durchschnittlichen zwei bis drei Jahre.
Auszeit kann auch noch mehr Arbeit bedeuten
Das Angebot zur Auszeit kann aber auch noch mehr Arbeit bedeuten, wenn man es nutzt wie Felix Biedermann. Der 36 Jahre alte Anwalt der Großkanzlei Clifford Chance nahm ein Sabbatical und kombinierte es mit einem Teil des Urlaubs, um seine Doktorarbeit abzuschließen. So machten es auch drei Kollegen aus seinem Team. Seit 2007 bietet Clifford Chance Anwälten, die länger als drei Jahre für die Kanzlei tätig sind und damit den Status des Senior Associate erreicht haben, die Möglichkeit einer vierwöchigen Auszeit, einmalig und unbezahlt.
Für die Kanzlei ist eine solche Nutzung von Vorteil, denn Anwälte mit Doktortitel genießen nach außen ein höheres Ansehen. Obwohl mehrere Erhebungen zu dem Schluss kommen, dass Anwälte für mehr Freizeit auf einen Teil ihres Gehalts verzichten würden, scheint auch bei Clifford Chance das Angebot nur eine Minderheit anzuziehen. Von derzeit rund 160 in Frage kommenden Anwälten der Sozietät haben sich in fünf Jahren insgesamt 28 dafür entschieden. Ein einziger, verlockend mit „Sabbatical“ umschriebener Monat für das Privatleben scheint zumindest in den Großkanzleien viele noch in Konflikt mit der Verantwortung für die Karriere zu bringen. Auch nach Biedermanns Beobachtung ist in der Branche die Akzeptanz für private Angelegenheiten aber gestiegen. „Wer früher um 17 Uhr ging, um sein oder ihr Kind aus der Kita abzuholen, wurde von manchen noch kritisch beäugt. Heute ist das kein Problem mehr, sofern man seine Arbeit entsprechend organisiert.“ Die Anforderungen an die Anwälte seien zwar groß, genauso groß seien aber ihre Möglichkeiten: „Es ist eine Frage der Persönlichkeit, ob man das als Chance betrachtet oder als Belastung.“
Sein Vorgesetzter Sebastian Maerker, Partner bei Clifford Chance, ergänzt, die Arbeit für einen internationalen Akteur bringe eine eingeschränkte Work-Life-Balance einfach mit sich. „Unsere Berufsanfänger haben viele Jahre Ausbildung hinter sich und suchen primär nach professionellen Herausforderungen. Die Frage nach Freizeitmodellen spielt eine geringere Rolle.“ Wichtig sei dagegen, dass Unternehmen Flexibilität ermöglichen. „Die Arbeit muss gemacht werden. Wie ich sie einteile, bleibt mir überlassen.“ Er entscheide selbst, ob er jeden Tag bis Mitternacht arbeite oder um 20 Uhr nach Hause gehe. Dafür müsse er am Wochenende eben einige Stunden nachholen.
Solange das Kollektiv erst einen Namen / Etikett braucht um etwas
a-normales machen zu 'können'
Closed via SSO (Berttreb)
- 13.03.2013, 22:27 Uhr
Bedenklich
Hartmut Beucker (H.Beucker)
- 13.03.2013, 10:38 Uhr
