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Moderne Arbeitswelt Immer auf dem Sprung

 ·  Befristete Verträge, Projektarbeit - Flexibilität ist das Zauberwort in der modernen Arbeitswelt. Doch nicht alle grämen sich darüber und würden am liebsten wieder arbeiten wie zu Großvaters Zeiten. Vor allem junge Menschen sind mit der Flexibilität durchaus glücklich.

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Die neue Arbeitswelt hat ihren Sitz in Berlin-Kreuzberg. Von außen wirkt das Betahaus wie ein gewöhnliches Bürohaus, innen dagegen ist einiges anders. Das fängt schon in der Eingangshalle an. Statt Marmorböden, Springbrunnen und schwarzer Ledersessel gibt es hier ein Café mit Holzbänken und rosa Ballonlampen, an der Wand steht kein Empfangstresen, sondern eine Kaffeebar. Die Rituale aber sind die gleichen wie in einem normalen Unternehmen: Wo es keine Empfangsdamen gibt, grüßen die jungen Menschen, die unentwegt zur Eingangstür hereinkommen, auf dem Weg zum Aufzug eben kurzerhand den Barmann. Man kennt sich. Auch untereinander.

Wenn der Lastenaufzug in den dritten Stock gerumpelt ist, eröffnen sich drei Großraumbüros. 12 Euro kostet es, sich hier für einen Tag einen Schreibtisch zu mieten. Wer sich häuslich an einem niederlassen will, zahlt 229 Euro im Monat für Tisch, Strom, W-Lan und Druckermitbenutzung. Auch im Preis enthalten: Latte macchiato, zweimal täglich am Schreibtisch serviert.

Rund 120 Kreative, die meisten Ende zwanzig, Anfang dreißig, arbeiten derzeit im Berliner Betahaus, das zu einem Sinnbild geworden ist für die veränderte Arbeitswelt: Selbständigkeit statt lebenslänglicher Festanstellung, Projektarbeit statt fester Aufgabengebiete, befristete Verträge statt des Wartens aufs 25-jährige Firmenjubiläum. „Wir verbinden die Vorteile einer Firma mit den Vorteilen der Selbständigkeit“, sagt Madeleine von Mohl, eine der Gründerinnen des Betahauses.

Das Betahaus verkörpert die „digitale Boheme“

Positiv betrachtet verkörpert das Betahaus die „digitale Boheme“, die Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem viel diskutierten Buch „Wir nennen es Arbeit“ beschrieben haben: junge Kreative, die den Traum eines selbstbestimmten (Berufs-)Lebens dem festen Arbeitsvertrag vorziehen. Wer es nüchterner mag, für den ist die Berliner Initiative eher eine Antwort auf die tiefgreifenden Veränderungen am deutschen Arbeitsmarkt. Flexibilität hieß das Zauberwort für die Arbeitsmarktreformen während des vergangenen Jahrzehnts. Damals stieg die Arbeitslosigkeit bedrohlich, während die Beschäftigung auf dem Rückzug war. Zwar wagte sich auch die rot-grüne Regierung nicht an eine Aufweichung des Kündigungsschutzes und damit des „Normalarbeitsverhältnisses“ heran. Dafür schuf das Schröder-Kabinett allerlei leichter zugängliche Beschäftigungsvarianten in der Hoffnung, Unternehmen würden nun schneller neues Personal einstellen in dem Wissen, nicht auf unabsehbare Zeit an dessen Kosten gebunden zu sein. Außerdem wird bis heute die Selbständigkeit erheblich gefördert.

Aus beschäftigungspolitischer Sicht ging diese Rechnung auf: Die Arbeitslosigkeit sank von mehr als 5 Millionen auf zeitweise weniger als 3 Millionen. Auch nach dem schärfsten Wirtschaftseinbruch der Nachkriegsgeschichte steht der deutsche Arbeitsmarkt noch relativ gut da. Den Preis zahlten allerdings die Arbeitnehmer: Denn für viele von ihnen ging ein gutes Stück (Planungs-)Sicherheit verloren. In der IT-Branche etwa werden Spezialisten häufig nur noch für Projekte wie die Einführung eines neuen Computer-Systems gebraucht, weshalb viele Spezialisten heute entweder als Freiberufler oder in Zusammenarbeit mit spezialisierten Zeitarbeitsfirmen ihre Dienste anbieten.

Globaler Wettbewerb macht Druck

Außerdem steigt gerade in schwierigen Zeiten die Zahl befristeter Einstellungen. Im Krisenjahr 2009 war fast jede zweite Neueinstellung mit einem Auslaufdatum versehen, wie die Wissenschaftler der Bundesagentur für Arbeit herausfanden. Zu Beginn des Jahrzehnts war es nur jede dritte gewesen. Allerdings mündet auch jedes zweite befristete Beschäftigungsverhältnis früher oder später in eine Übernahme, und so dient die Befristung dem Arbeitgeber letztlich als verlängerte Probezeit. Deshalb sind relativ junge Leute deutlich öfter betroffen als ältere.

Die Gewerkschaften kritisieren die wachsende Unsicherheit für Arbeitnehmer scharf und fordern von der Politik, die Ausweitung dieser „prekären Beschäftigung“ durch strengere Gesetze zu verhindern. Viele Personalexperten wie Christian Scholz von der Universität Saarbrücken halten dagegen die Rückkehr zu relativ stabilen Arbeitsmarktverhältnissen wie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zwar für wünschenswert, aber angesichts eines global zunehmenden Wettbewerbsdrucks für völlig unrealistisch. Zumal der Druck auch nicht auf alle Gruppen gleich verteilt ist. Hochspezialisierte Arbeitskräfte konnten und können sich ihre Arbeitgeber oft aussuchen. Wer viel Geld in die Suche nach einem dringend benötigten Fachmann gesteckt hat, kommt wohl kaum auf die Idee, ihm anschließend erst einmal einen Zweijahresvertrag anzubieten. Der demographische Wandel dürfte die Stellung von Fachkräften gegenüber Arbeitgebern in den kommenden Jahren noch deutlich verbessern.

Wunsch- oder Notlösung?

Die Frage, die sich im Berliner Betahaus stellt: Wünschen sich all die befristeten freiberuflichen Projektarbeiter in Wirklichkeit nichts sehnlicher als eine Festanstellung, wie ihre Eltern und Großeltern sie hatten? Oder wollen sie tatsächlich so arbeiten? „Es mag einige geben, für die das Betahaus eine Notlösung ist“, sagt Madeleine von Mohl. „Aber die große Mehrheit hat sich bewusst für diese Arbeitsform entschieden, weil sie so glücklicher ist.“ Die Gründer wollen mit ihrem Konzept expandieren. Ähnlich einer Fitnessstudio-Kette soll die mobile digitale Elite mit ihrem Monatsbeitrag auch Büroflächen in anderen Städten als ihrem Heimatstandort nutzen können. Noch in diesem Jahr sollen Betahäuser in Hamburg und Zürich eröffnen.

Für eine Generationenfrage hält Mohl die Projektarbeit auf freiberuflicher Basis nicht, eher für eine Typfrage. Einer, der dieses Bild bestätigt, ist Martin Menzel, ein Webdesigner. Seit August ist sein Schreibtisch im Betahaus mit einem roten Punkt markiert, sprich: fest angemietet. Er arbeitet seit dem Ende seines Studiums als Freiberufler, 50 bis 60 Stunden in der Woche. Fest in einer Agentur tätig sein will er nicht. „Ich habe so viel mehr Freiheiten, kann zum Beispiel mit japanischen Agenturen zusammenarbeiten, was sonst nicht ginge“, sagt Menzel. Gerade entwickelt er zusammen mit einem anderen Betahaus-Nutzer eine Anwendung für Apples iPhone. Als prekär Beschäftigter fühlt er sich nicht, weder mental noch finanziell. „Ich komme gut über die Runden.“

Gütersloh ist nicht Berlin

Es gibt so viele Webdesigner im Betahaus, dass sich Florian Wichelmann fast schon wie die „Old Economy“ in der „New Economy“ fühlt. Wichelmann betreibt mit seinem Geschäftspartner Fabian Probst ein Restaurant und einen Cateringservice namens „Deli Lama“. Er hat zuvor schon als Angestellter im Bundestag und in einer PR-Agentur gearbeitet, doch das sei auf Dauer nichts für ihn gewesen. „Das war in Ordnung, aber ich kann mehr.“ Kochen zum Beispiel, gerne für große Gruppen. Was früher ein Hobby war, ist jetzt sein Beruf, „sein Ding“.

Im Betahaus erledigen er und Probst seit rund einem Jahr die Bestellungen und die Buchhaltung; ebenso wie Menzel haben sie einen festen Schreibtisch angemietet. Und profitieren von den anderen Nutzern. „Diese ganzen Facebook- und iPhone-Leute tun mir gut“, sagt Wichelmann, während seine Hände mit dem Blackberry spielen. Die Festplatte des „Deli Lama“ ist nun online gespeichert, andere Betahaus-Nutzer haben ihm gezeigt, wie das geht. Ein Zurück in die Festanstellung schließt Wichelmann aus. „Wir haben eindeutig mehr Glücksgefühle, seit wir selbständig sind.“

Natürlich habe er auch Freunde, die festangestellt sind, die Kinder bekommen, Wohnungen kaufen, weniger in Berlin, sondern mehr in seiner Heimatstadt Gütersloh. Sein Lebensmodell sei das nicht, zumindest nicht derzeit. Die Arbeit genießt Priorität in Wichelmanns Leben. „98 Prozent der Firmen hier im Betahaus werden früher oder später pleitegehen“, sagt Wichelmann. „Aber ich bin mir sicher: Aus diesem Sumpf wird die nächste Google-Idee herauskommen.“

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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