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Modedesigner Mehr Schein als sein

03.01.2012 ·  Sie machen Mode, die sie sich selbst nicht leisten können. Langsam begreift die deutsche Modebranche, dass sie ihre Talente besser fördern muss.

Von Eva Berendsen
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© REUTERS Entwurf von Michael Sontag, den sich der Designer selbst kaum leisten könnte

Eigentlich reden sie nicht gerne über Geld. Michael Sontag spricht zum Beispiel lieber darüber, was er an Mode liebt: dass Kundinnen seine Kleider mit Accessoires kombinieren könnten, die er total unpassend findet. „Ich habe keinen Einfluss darauf, was sie mit meinen Stücken machen - und das finde ich spannend“, sagt der Berliner Modedesigner. Prominente wie Iris Berben und Bibliana Beglau tragen seine Kreationen, die fließen wie Quecksilber bei Zimmertemperatur und mehr als 1000 Euro kosten können.

Sontag sieht sich eher als Künstler denn als Unternehmer. Das schlägt sich auch auf seinem Konto nieder: Mit seinen fast 32 Jahren hat der Designer im Monat so viel Geld zu Verfügung wie mancher Student - oder wie der Wintermantel aus Baumwoll-Seiden-Mix aus seiner aktuellen Kollektion kostet: etwa 1500 Euro. Damit zahlt er die Miete für seine Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung in Berlin-Kreuzberg und das Atelier in einer deckenbestuckten Altbauwohnung am Prenzlauer Berg, die er zusammen mit einem Fotografen und einem Layouter angemietet hat. Spätestens seitdem die einflussreiche Modekritikerin Suzy Menkes in der „International Herald Tribune“ seine Show auf der Modewoche in Berlin als „herausragend“ bejubelte, gilt der gebürtige Bayer als Nachwuchsstar der deutschen Mode. Trotzdem müsste Michael Sontag schon ein paar Monate sparen, um sich einen echten Michael Sontag zu leisten.

Vielen seiner Kollegen aus der Berliner Szene geht es ähnlich: Laut einer aktuellen Studie des Berliner Senats stimmen 18 Prozent dem Satz „Mein Einkommen reicht gerade für einen bescheidenen Lebensunterhalt“ zu, 42 Prozent der Modeschaffenden geben sogar an, dass ihr Einkommen nicht ausreiche. Zahlen, die in einem Kontrast stehen zu all dem, was man mit Mode assoziiert: glitzernder Glamour, fabelhafte Frisuren, angesagte Accessoires - und, ebendarum, auch Reichtum. Möglicherweise beschreibt die Rede von der Welt des schönen Scheins nicht nur die oberflächlichen Eitelkeiten, die man der Branche zuschreibt, sondern auch die Diskrepanz zwischen „Life“ und „Style“ unter ihren Meistern.

500 Euro im Monat

Nicole Roscher, die unter ihrem Label „Von Bardonitz“ T-Shirts für 50 Euro und Mäntel für 800 Euro entwirft, sieht eine gewisse Ironie darin, dass sie sich manche ihrer Stücke nicht leisten könnte. Von ihrer Mode, die sie vor allem nach Asien verkauft, könne sie mal besser, mal schlechter leben, sagt Roscher. Manchmal hat sie bloß 500 Euro im Monat zur Verfügung. Dann arbeitet sie nebenbei als Model oder zehrt von Ersparnissen. Michael Sontag, der Prominente ausstattet und von einer Modepäpstin geadelt wurde, findet es „etwas absurd“, dass er sich bislang vom Verkauf der Stücke nicht finanzieren konnte.

Aber der Meister-Absolvent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee will nicht ungnädig sein, er sieht, dass es Bemühungen gibt, den deutschen Modenachwuchs besser zu fördern. Immer mehr Wettbewerbe werden ausgeschrieben, die auch Sontag seit seinem Aufstieg vor drei Jahren helfen, sich über Wasser zu halten: Im Jahr 2009 wurde seine Kollektion vom Verband der deutschen Textilbranche mit dem Textil-Innovationspreis prämiert. Es war das zweite Mal, dass dieser Preis vergeben wurde, der Sontag 10 000 Euro in bar einbrachte sowie ein Stoff-Sponsoring und die Finanzierung der Show 2010 auf der Berliner Modewoche. Die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2010 finanzierte der Senat der Hauptstadt, mit seinem damals zum ersten Mal ausgeschriebenen „Start your Fashion Business“-Wettbewerb.

So langsam hat die Branche den Förderbedarf ihres Nachwuchses erkannt. Das Problem bei der Mode ist, dass sie aufwendiger ist als andere Sparten der Kreativwirtschaft. Designer müssen enorme Vorleistungen erbringen, was für Berufseinsteiger freilich schwierig ist. Sontag schätzt die Produktionskosten für eine Kollektion auf 10.000 Euro; der größte Posten fließe in Stoffe und den Lohn für die Schneiderinnen. Das sei eben teurer, als wenn ein Grafik-Designer seine Präsentationsmappe zusammenstellt.

Netzwerk als Solidargemeinschaft

Und was wäre Mode ohne Modenschauen? Auf der Berliner Fashion Week geben die Labels etwa 10.000 Euro für die Präsentation auf dem Laufsteg aus, für Licht, Musik, Fotografen, Models und ein Heer von Stylisten. Die billigere Variante - ein „Showroom“ ohne Laufsteg - kostet die Hälfte.

Die vielen Designer, die nicht wie Michael Sontag jeden zweiten Modepreis abräumen, haben für all diese Posten erhebliche Finanzierungsschwierigkeiten. In Berlin sind manche dazu übergegangen, sogenannte Off-Shows am Rande des etablierten Veranstaltungsrahmens der Fashion Week und der Modemesse „Bread & Butter“ zu organisieren, die weniger kosten. Im Netzwerk „The Offer“ hat sich eine Art Solidargemeinschaft zusammengeschlossen, um im Kollektiv Showrooms und Fotoshootings zu finanzieren. Oder man setzt auf das Prinzip Eine-Hand-wäscht-die-andere: Noch unbekannte Models präsentieren die Kreationen unentgeltlich, dafür bekommen sie die Aufnahmen für ihre Mappe, oder sie werden in Kleidung bezahlt, die sie sich sonst nicht leisten könnten.

Selbst im eher „understateten“ Berlin gelte unter den Kreativen ein gewisser Marken- und Stil-Kodex, erzählt Julia Wilkes von der PR-Agentur „Bold“ im branchentypischen „Denglisch“. Anders als in den achtziger oder neunziger Jahren, als Markennamen quer über der Brust getragen wurden, seien die Codes nun subtiler: „Dem schlichtesten Strickpulli sieht das Kennerauge sofort an, dass er von Martin Margiela stammt und 1000 Euro kosten kann“, sagte Wilkes. Der belgische Modedesigner lässt vier weiße Garnstiche, mit denen er seine Etiketten festnäht, durch den Stoff blitzen.

Mosaikfinanzierung über Wettbewerbe

Michael Sontag steckt an diesem wolkenverhangenen Tag in einem unprätentiösen Sweatshirt in der Farbe des Berliner Winterhimmels, das ihm seine Eltern vor Jahren in Paris gekauft haben. Er trage den Pullover fast jeden Tag, weil er so bequem sei. „Ich brauche kein Auto, kein Tralala - Luxus interessiert mich nicht“, sagt Sontag, der in einer kreativen, anthroposophisch inspirierten Familie groß geworden ist, wie er erzählt. „Seit der Finanzkrise ist Geld doch unsexy.“

Vor kurzem wurden ihm wieder 18.000 Euro Preisgeld überwiesen, diesmal von der Modekette Mango. Ob bald die Mosaikfinanzierung über Wettbewerbe ein Ende hat und ein Investor sein Label langfristig unterstützt - darüber hält er sich bedeckt. Lieber redet Michael Sontag von seiner Frühjahrskollektion, die im Zimmer nebenan darauf wartet, fertiggenäht zu werden. Feste Dreieckselemente werden diesmal seine üblichen Drapierungen ergänzen, erzählt Sontag. Es sollen sich überraschende Freiräume ergeben.

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