05.09.2008 · Wer international Karriere machen will, träumt meist von einer Stelle in einem großen Unternehmen. Dabei bieten Mittelständler ihren Mitarbeitern oft bessere Chancen.
Von Christoph HusWerner Neumann kennt die Frage aus vielen Vorstellungsgesprächen: "Welche Chancen habe ich, später für Ihr Unternehmen ins Ausland zu gehen?", wollen Bewerber wissen, wenn sie mit dem Personalchef des Hamburger Unternehmens Biesterfeld Spezialchemie über einen Arbeitsvertrag verhandeln. Neumann kennt auch den Grund für die Frage: "Wer sich bei einem Mittelständler wie uns bewirbt, ist oft unsicher, ob er sich mit dem Job um die Chance eines Auslandseinsatzes bringt." Dabei ist Biesterfeld international aufgestellt: Das Unternehmen vertreibt Spezialchemie-Produkte in ganz Europa. Die Hamburger sind mit Niederlassungen in 16 europäischen Ländern vertreten, darunter Spanien, Frankreich, Russland und Türkei. Neumann kann Bewerber, die es ins Ausland zieht, deshalb beruhigen: "Bisher haben wir noch alle Mitarbeiter an einem ausländischen Standort untergebracht, die einmal außerhalb Deutschlands arbeiten wollten."
Wie Biesterfeld Spezialchemie müssen viele Mittelständler bei der Suche nach Mitarbeitern gegen ein Vorurteil kämpfen: Die Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe gelten unter Absolventen und aufstrebenden Angestellten als provinziell. Häufig wissen Bewerber gar nicht, auf welchen Auslandsmärkten die Firmen vertreten sind. Bei großen Konzernen wie Lufthansa, Deutsche Bank oder Henkel ist das anders: Sie locken Bewerber in großen Stellenanzeigen ganz offensiv mit der Chance einer Karriere im Ausland. "Mittelständler haben dadurch häufig einen Nachteil im Wettbewerb um Mitarbeiter", sagt Till Rodheudt, Leiter der Büros Düsseldorf und Stuttgart des Personaldienstleisters Michael Page.
Nicht nur in der Heimat vertreten
Dabei ist es keineswegs so, dass viele Familienunternehmen nur in der Heimat vertreten sind. "Mehr als die Hälfte der deutschen Mittelständler ist international tätig", weiß Elisabeth Denison von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Sie hat eine Studie mit dem Titel "Talente für den Mittelstand" erstellt und darin untersucht, was Bewerber von potentiellen Arbeitgebern erwarten. Dazu wurden unter anderen mehr als 100 Studenten auf einer Absolventenmesse befragt. Ferner gaben 88 Studierende der Otto-Friedrich-Universität Bamberg darüber Auskunft, was für sie entscheidend ist, wenn sie einen Arbeitgeber auswählen.
Grundsätzlich sind Hochschulabsolventen demnach nicht abgeneigt, für einen Mittelständler zu arbeiten. Nur für rund 10 Prozent der Absolventen ist es wichtig, ob sie einen Arbeitsvertrag bei einem Kapitalmarktunternehmen oder einem Familienunternehmen unterschreiben. Entscheidend für die Wahl des Arbeitgebers sind stattdessen drei Faktoren: die Unternehmenskultur, die Vergütung und die Karriereaussichten. Und dazu gehört für viele Absolventen auch die Frage, ob sie nach einigen Jahren ins Ausland wechseln können. So wünschen sich 44 Prozent der befragten Absolventen einen Arbeitgeber, der ihnen internationale Einsatzmöglichkeiten bietet - ganz gleich, ob das Unternehmen ein Mittelständler oder ein Konzern ist.
Bewerbern nicht genug erklärt
Doch viele Mittelständler vernachlässigen es, Absolventen darauf aufmerksam zu machen, wie die internationalen Entwicklungsmöglichkeiten aussehen. "Familienunternehmen sind deshalb für Arbeitskräfte aus ihrer Region oft sehr attraktiv, nicht aber für Akademiker, die überregional nach einem Job suchen", sagt Deloitte-Expertin Denison. Die Unternehmen erklären potentiellen Mitarbeitern nicht gut genug, was sie als Arbeitgeber auszeichnet und welche Chancen sie bieten - zum Beispiel in Bezug auf eine Karriere im Ausland.
Dabei haben viele Mittelständler gute Argumente, mit denen sie um Mitarbeiter werben könnten. "Viele sind sogar Weltmarktführer in einer Marktnische", sagt Denison. Solche Vorteile müssten die Unternehmen nur besser verkaufen, als ihnen das bisher gelungen ist. Möglich sei das zum Beispiel, indem Firmen Forschungskooperationen mit Hochschulen eingingen, Studenten Praktika anböten und sich auf Absolventenmessen präsentierten, wie Konzerne es schon seit Jahren selbstverständlich tun. Die Deloitte-Expertin mahnt Unternehmen zur Eile: Je stärker sie ihr Geschäft internationalisieren, desto größer werde der Bedarf an Mitarbeitern, die bereit seien, für ihren Arbeitgeber ins Ausland zu gehen. "Der Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften steigt schnell", sagt Denison. "Darauf müssen Unternehmen reagieren."
Gleichzeitig ist es jungen Akademikern in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden, für einige Jahre im Ausland zu arbeiten, weiß Michael-Page-Berater Till Rodheudt. Der Grund: "In vielen Unternehmen können sich Mitarbeiter heute nur noch so für eine Führungsposition qualifizieren." Deshalb sei der Wechsel in eine Niederlassung jenseits der deutschen Grenzen oft ein wichtiger Teil der Karriereplanung. "Wenn ein Unternehmen diese Möglichkeit nicht bieten kann, ist das ein deutlicher Nachteil für die Mitarbeiter", berichtet Rodheudt.
Mehr Chancen für Generalisten
Wer auf Stellensuche ist und sich einen späteren Auslandseinsatz wünscht, sollte sich vor der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag genau informieren, welche Möglichkeiten sich in einem Unternehmen bieten, rät der Berater. Besonders wichtig sei das für Spezialisten, die auch im Ausland gerne weiter in ihrem Fachgebiet arbeiten wollen. "Wer dagegen breit aufgestellt ist und sich vorstellen kann, auch einmal den Aufgabenbereich zu wechseln, muss sich auch bei Mittelständlern wenig Gedanken machen." Schließlich müssen Unternehmen an ihren Auslandsstandorten häufiger Management- als Spezialisten-Positionen besetzen, weiß der Personalberater.
Bei Mittelständlern gelten insofern andere Gesetze als bei Konzernen. Die großen, international vertretenen Aktiengesellschaften neigen nämlich dazu, Mitarbeiter auch nach einem Wechsel ins Ausland weiterhin in ihrem angestammten Bereich einzusetzen. Wer daheim in Deutschland zum Beispiel im Marketing gearbeitet hat, ist auch am neuen Einsatzort oft in dieser Abteilung angesiedelt. Mitarbeiter von Mittelständlern dagegen können oft ganz einfach den Aufgabenbereich wechseln. Und: Je kleiner das Unternehmen ist, desto geringer ist auch die interne Konkurrenz um Stellen im Ausland. "Wer für einen Mittelständler ins Ausland geht, kann oft schon früh viel Verantwortung übernehmen", bestätigt Rodheudt. "Anders als in einem Konzern braucht man dazu nicht unbedingt langjährige Führungserfahrung."
Das gilt auch für den Hamburger Mittelständler Biesterfeld Spezialchemie. "Wenn Mitarbeiter ins Ausland zu einer unserer kleineren Landesgesellschaften wechseln, übernehmen sie dort oft die Leitung", sagt Personalchef Werner Neumann. So machen Biesterfeld-Mitarbeiter im Ausland schon in jungen Jahren eine steile Karriere. In Konzernen wäre ein solch rasanter Aufstieg geradezu undenkbar.