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Aktualisiert: 08.10.2014, 13:00 Uhr

Mitarbeiter bestimmen Wähl dir deinen Chef

Mehr Demokratie im Unternehmen wagen - was nach Sonntagsrede klingt, ist tatsächlich möglich. Arbeitszeit, Gehalt und sogar Vorgesetzte bestimmen Mitarbeiter heute selbst. Kann das gut gehen?

von
© dpa Mündige Mitarbeiter: Das Wahlrecht für die Belegschaft macht Arbeit – zahlt sich aber häufig aus.

Wenn Richard Branson etwas anpackt, dann kann man sich zumindest einer Sache sicher sein: Es wird für mächtig Wirbel sorgen. Der britische Unternehmer ist so etwas wie ein Weltmeister der Ankündigungen. Bei Branson geraten sogar scheinbar schnöde Maßnahmen im Personalmanagement zum Ereignis. Er wolle die Arbeitszeit künftig freigeben, und die Mitarbeiter seiner Virgin-Holding könnten selbst entscheiden, wann und wie viel Urlaub sie nehmen, ließ er gerade wissen. Die Einschränkung folgte auf dem Fuß: Die Arbeit müssten seine Leute natürlich schon erledigen. Nur das Wann, Wie und Wo ist dem exzentrischen Chef egal.

Sven Astheimer Folgen:

Auch wenn längst nicht sicher ist, was aus der vollmundigen Ankündigung am Ende wird, scheint doch eines klar: Branson hat zumindest den Nerv getroffen. Mehr Demokratie, mehr direkte Mitbestimmung wagen in Unternehmen, das liegt im Trend. Und dass es funktionieren kann, beweisen einige Firmen. Bransons Vorbild ist der amerikanische Online-Videoanbieter Netflix, der das Thema Arbeitszeit längst freigegeben hat. In der Unternehmensphilosophie heißt es: „Wir zählen nicht die Arbeitsstunden am Tag oder in der Woche, warum sollten wir dann die Urlaubstage im Jahr zählen?“

Branson hätte aber auch einen Blick ins schwäbische Ditzingen werfen können, wo der Maschinenbauer Trumpf schon 2011 eine Wahlarbeitszeit eingeführt hat. Rund 4500 Mitarbeiter vom Produktionshelfer bis zur Führungskraft können sich dort für zwei Jahre ihre Arbeitszeit aussuchen. Zwar steht im Arbeitsvertrag eine garantierte Wochenarbeitszahl, von der kann aber nach Belieben innerhalb eines Korridors zwischen 15 und 40 Stunden abgewichen werden. Das verursache zwar Kosten und bringe einen gewissen Mehraufwand mit sich, sagt der zuständige Personalleiter Stefan Gryglewski. „Aber es ist weniger Aufwand, als wir dachten.“ Das Wahlmodell entspreche den immer individuelleren Lebensverhältnissen der Mitarbeiter. Von den rund 3000 Beschäftigten im Stammwerk nehme es rund jeder sechste in Anspruch. Zwar besitze der Arbeitgeber ein Vetorecht, davon habe man bislang aber nur in ganz seltenen Ausnahmefällen Gebrauch gemacht.

Der Einfachheit halber dasselbe Gehalt für alle

Demokratisierung der Unternehmen - fängt man einmal damit an, lässt sich der Gedanke wunderbar ausweiten. Julian Vester ist 30 Jahre alt und hat vor vier Jahren in Hamburg die Digitalagentur Elbdudler gegründet. Das Unternehmen betreut derzeit mit 32 Angestellten die Facebook-Auftritte von Markenartiklern wie etwa Henkel, Baccardi und Doppelherz. In den Anfangstagen arbeitete die damals kleine Mannschaft noch unentgeltlich. „Als das Geschäft gut lief, mussten wir irgendwann auch über die Gehälter reden“, erinnert sich Vester.

Zunächst gab es der Einfachheit halber 2500 Euro brutto für alle, ohne Ausnahme. Dann seien irgendwann Mitarbeiter mit Kindern zu ihm gekommen, die etwas mehr brauchten. Andere verwiesen auf ihre speziellen Qualifikationen, die am Markt mehr wert waren und sich nun auch bei Elbdudler niederschlagen sollten. „Wir haben gemerkt, dass 2500 Euro für alle zwar gleich sind, aber nicht gerecht“, sagt Vester heute. Als Chef stand er vor einem Problem: „Ich konnte gar nicht beurteilen, was zum Beispiel ein Grafiker verdienen soll.“ Mit den Unternehmenszahlen sei man schon immer offen umgegangen, „bis zu den Ausgaben für Klopapier“. Also fiel die Entscheidung leicht: „Wir legen unsere Gehälter jetzt alle zusammen fest.“

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