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Veröffentlicht: 17.03.2016, 14:00 Uhr

Migranten ohne Schulbildung Die fast vergessene Gruppe unter den Flüchtlingen

Reif für eine Ausbildung sind nur wenige Asylbewerber. Doch ihre Chance, eine Schule zu besuchen, ist gering, wenn sie älter als 18 Jahre sind. In Bayern ist das anders - und es funktioniert!

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© Andreas Müller Der Umgang mit der Kreissäge will gelernt sein: Junge Flüchtlinge in der Städtischen Schule zur Berufsvorbereitung in München.

Von Köln sind wir hier weit weg, sagt Eric Fincks und meint das nicht geographisch. Der Leiter der Außenstelle einer Münchner Berufschule spielt auf die Ereignisse in der Silvesternacht an. Die Städtische Schule zur Berufsvorbereitung ist unter den öffentlichen Schulen eine der Pionierinnen in der Beschulung etwas älterer Flüchtlinge. Seit viereinhalb Jahren bereitet sie Zuwanderer zwischen 16 und 25 Jahren in ihrer Außenstelle in der Balanstraße auf den Mittelschulabschluss vor, mit gutem Erfolg. Mehr als 80 Prozent der rund 320 Schüler sind männlich. Wegen ihres angenehmen Verhaltens seien sie weit weg von den Tätern in Köln, erklärt Fincks. Sie hätten feste Ziele vor Augen: zunächst den Schulabschluss und danach eine Ausbildung.

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In einem hellen Klassenzimmer sitzen junge Erwachsene und markieren in einem Text unbekannte Vokabeln. Es herrschen große Ruhe und Konzentration. An anderen Schulen habe sie oft Anstrengungsvermeider unterrichtet, erzählt die Lehrerin. Die Lernhaltung der Flüchtlinge sei völlig anders. „Sie fordern sogar Hausaufgaben.“ Unheimlich viel Potential hätten die jungen Migranten, ihr Weg in den Beruf sei aber alles andere als ein Selbstläufer, sagt Fincks. „Direkt in eine Ausbildung oder ins Studium, das ist nur für wenige ein gangbarer Weg.“ Manche waren noch nicht einmal in der Schule, andere schon, haben aber keinen Abschluss. Und Deutsch müssten sowieso alle lernen. „Die Masse, die bleibt, beginnt leider von unten“, sagt Fincks.

Nach Schätzungen sind 25 bis 30 Prozent der Flüchtlinge, die nach Deutschland einreisen, zwischen 16 und 25 Jahre alt, wie Tobias Klaus vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in Berlin berichtet. Die Schulpflicht endet je nach Geburtsdatum und Bundesland zwischen 15 und 18 Jahren. Für Flüchtlinge greift sie erst nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung, was nach Klaus’ Erfahrungen acht bis neun Monate dauert. Dann sei entscheidend, welchem Bundesland und welcher Kommune sie zugeteilt würden. „In vielen Bundesländern sind sie eine vergessene Gruppe“, sagt Klaus. Vor allem, wenn sie 18 Jahre oder älter seien, hätten sie kaum noch Chancen, eine Schule zu besuchen - es sei denn, sie landen in Bayern. Zwar fehlen auch dort Plätze und Lehrer. Doch die Strukturen seien gut, sagt Klaus.

Schulpflicht bis 21 Jahre

Einmalig ist, dass die Bayern die Schulpflicht für die, die keinen Abschluss haben, auf 21 Jahre und in Ausnahmefällen auf 25 Jahre ausgeweitet haben, für anerkannte Flüchtlinge genauso wie für Asylbewerber. In zwei Jahren sollen sie zum Abschluss geführt werden. Auch in anderen finanzstarken Bundesländern, in Hessen, Baden-Württemberg und Hamburg, sind Schulprogramme für die etwas älteren Flüchtlinge aufgelegt worden. Sie sind aber weniger verbindlich.

 
Viele Flüchtlinge haben kaum Schulbildung. Und wer zu alt ist, hat wenig Chancen, das nachzuholen.

Wie in Bayern müsste es in ganz Deutschland sein, fordert die Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung, der unter anderen Führungskräfte aus den großen Wirtschaftsverbänden, der Bundesagentur für Arbeit und des Instituts für Demoskopie in Allensbach angehören. Dass man in Bayern weiter sei, habe auch mit der starken Wirtschaftskraft des Landes zu tun, sagt Migrationsforscher Philip Anderson von der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Regensburg. Die Wirtschaft hat die systematische Beschulung der etwas älteren Flüchtlinge stark mit vorangetrieben - in der Hoffnung auf Fachkräfte von morgen.

In Berlin, erzählt Tobias Klaus, warteten viele der unbegleiteten Flüchtlinge darauf, endlich in die Schule gehen zu können. „Sie wohnen in Hostels und werden nur sporadisch betreut.“ Dauere diese Stagnation länger an, dann weiche ihre hohe Anfangsmotivation der Frustration. Ein Teil verschwinde in der Hoffnung, dass es an einem anderen Ort vorangehe. Dabei brauchten die jungen Leute so rasch wie möglich einen Alltag mit einer festen Tagesstruktur: „Zu Beginn ist das wichtiger als eine Therapie.“

„Ich muss es schaffen“

Amin Taheri hatte Glück, für den 21 Jahre alten Afghanen aus Iran, der vor zwei Jahren mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder nach Deutschland kam, ist es bisher gut gelaufen. Zuvor besuchte er sechs Jahre die Schule, sprach etwas Englisch und kein Deutsch. Nach gut drei Monaten, also relativ rasch, konnte er einen Deutschkurs besuchen und bald zur Schule gehen. Inzwischen spricht der ehrgeizige junge Mann sehr gut Deutsch und steht vor seinem qualifizierten Abschluss an der Schule an der Münchner Balanstraße; gerade hat er ein erstklassiges Halbjahreszeugnis bekommen. „Ich muss es schaffen“, sagt er. Dann kann er die Ausbildung als Elektroniker beginnen, die ihm Siemens schon zugesagt hat. Später will er noch studieren. „Hier hat man supertolle Chancen“, schwärmt er. „In Iran hat ein junger Afghane wie ich keine Chancen.“ Sein Ziel war von Anfang an Deutschland - Geräte „made in Germany“ faszinierten ihn.

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