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Medizin Die Ärztinnen sind da

 ·  In Deutschland ist die Mehrheit der Medizinstudenten mittlerweile weiblich. Im harten Wettbewerb um gutes Personal steigt deshalb der Druck auf die Kliniken: Wer als Arbeitgeber keine Kinderbetreuung und Teilzeitmodelle anbietet, droht abgehängt zu werden.

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Ulrike Raap ist eine Ausnahmeerscheinung: Erstens ist sie eine der wenigen Professorinnen im Fach Medizin in Deutschland. Zweitens ist sie zweifache Mutter und drittens trotzdem voll berufstätig. Das hört sich nach vollen Arbeitstagen und viel Stress an. Aber Ulrike Raap empfindet das nicht so. Sie hat das Gefühl, ihren verschiedenen Rollen gerecht zu werden. Dabei hilft ihr auch das Entgegenkommen des Arbeitgebers. Langsam, aber sicher erkennen die Hochschulen, dass sie die guten Nachwuchswissenschaftler nur anziehen können, wenn sie kinderfreundlicher werden. Denn die Zukunft der Medizin ist weiblich.

Schon jetzt sind 64 Prozent der Medizinstudenten Frauen, in absehbarer Zeit wird ihr Anteil auf 70 Prozent steigen - bei den Erstsemestern ist es schon so weit. „Da rollt eine Welle auf Krankenhäuser zu, die wenigsten haben das schon realisiert und gehandelt“, sagt Dieter Bitter-Suermann, der Präsident des Medizinischen Fakultätentages.

Er meint damit die Ansprüche, die junge Medizinerinnen stellen werden. Nach dem Studium lassen sie sich im Schnitt sechs Jahre zu Fachärzten ausbilden. Das Problem: Genau in diese Phase, zwischen Ende 20 und Anfang 30, fällt die Familiengründung. Aber eine Wissenschaftlerin, die zwei Jahre nicht forscht, hat ein Problem. Eine Ärztin, die zwei Jahre mit der Ausbildung aussetzt, muss das später nachholen. Wer ihnen dann Krippen- und Kindergartenplätze biete, sei in den meisten Fällen der attraktivere Arbeitgeber, sagt Bitter-Suermann.

Sobald der Schichtdienst losgeht, werden die Schwangerschaften verschoben

So wie die Medizinische Hochschule Hannover (MHH): Sie hat mittlerweile 375 Krippen- und Kitaplätze eingerichtet, Tendenz steigend. Zwar ist die Nachfrage immer noch größer, aber als medizinische Einrichtung im deutschen Hochschulsystem haben sie sich damit eine Sonderstellung erarbeitet.

Davon profitieren junge Familien wie die von Ulrike Raap. Die 38-Jährige ist Oberärztin für Dermatologie an der MHH. Ihre beiden Söhne sind drei und ein Jahr alt. Raap wollte sofort wieder anfangen zu arbeiten, denn sie ist Wissenschaftlerin, lehrt, hat Doktoranden, fährt auf Kongresse - da kann man nur schwer ein paar Jahre aussetzen, ohne den Anschluss zu verlieren. Ihr Mann hat eine Vollzeitstelle bei einer amerikanischen IT-Firma, manchmal kann er sich Urlaub nehmen, wenn sie weg muss. Aber eben nicht jedes Mal.

„Wenn wir die Plätze nicht gehabt hätten, wäre es extrem schwierig geworden“, sagt Raap. Wer nicht schon während seines Studiums eine Familie gründet und einen Betreuungsplatz findet, sobald der Schichtdienst in der Klinik losgeht, verschiebt entweder die Schwangerschaft auf unbestimmte Zeit in die Zukunft - oder lässt das Kinderkriegen ganz bleiben.

Der Beruf wird unattraktiver

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ist selbst Medizinerin und setzt sich dafür ein, dass im Gesundheitssystem bessere Arbeitsbedingungen für junge Familien geschaffen werden. Auf dem Medizinischen Fakultätentag Anfang Juni in Hannover sprach sie von der Chance, die sich den Krankenhäusern bietet, junge gute Leute für sich zu gewinnen, wenn sie auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren. Aber sie sprach auch von einer Änderung, die zuallererst in den Köpfen der Mediziner stattfinden müsse.

Ob sie als Arbeitgeber attraktiv für Nachwuchswissenschaftler sind, darüber mussten sich Kliniken lange keine Gedanken machen. Die Studierendenzahlen sind konstant hoch, die Abbrecherquote niedrig. Nur wird der Beruf selbst unattraktiver: 60-Stunden-Wochen, schlecht bezahlte Überstunden, zu wenig Schlaf, mehr Patienten. Die Ärzte werden stark beansprucht, verdienen aber vergleichsweise wenig. Männer gucken sich angesichts der härteren Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern eher nach lukrativeren Tätigkeiten um. Die Chefärzte sind trotz der zunehmenden Anzahl der Medizinerinnen aber meist noch männlich.

Viele Frauen gehen nach der Facharztausbildung verloren, denn dann wandern sie aus, wechseln in die Wirtschaft oder bekommen Kinder und arbeiten nicht mehr - entweder weil sie nicht wollen oder weil Betreuungsmöglichkeiten fehlen und sie nicht können. Je weiter eine Mutter bereits in der Krankenhaus-Hierarchie aufgestiegen ist, desto mehr ist sie darauf angewiesen, weiterarbeiten zu können, wenn sie den Karriereknick vermeiden möchte.

Es gibt kaum Alternativen als die Rahmenbedingungen zu verbessern

Für die Krankenhäuser gibt es kaum Alternativen, als die Rahmenbedingungen zu verbessern: Je weniger Nachwuchskräfte für die vielen Stellen zur Verfügung stehen, desto besser muss das Angebot sein. Und der Trend zur weiblicheren Medizin nimmt eher noch zu. Mehr Frauen strömen in die frei werdenen Stellen nach Pensionierungen. Bis 2017 gehen voraussichtlich 18.000 Ärzte in Rente, eine neue Generation tritt an.

Statt also den Ärztemangel zu beklagen, sollten lieber schnellstmöglich familienfreundliche Arbeitsbedingungen umgesetzt werden, findet der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB): „Man muss jungen Frauen, auch mit Kindern, signalisieren, dass sie nicht lästig sind, sondern willkommen“, sagt DÄB-Präsidentin Regine Rapp-Engels.

Kindertagesstätten mit Gewinn

Dass sich das auch lohnt, zeigt die Prognos-Studie „Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen“ im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau hat anhand der Untersuchungsergebnisse erklären können, warum die Fluktuation von 34 Prozent Ende der siebziger Jahre auf 8 Prozent bis 2004 sinken konnte: Wegen vieler Teilzeitangebote schon während der Elternzeit und auch danach kehrten fast alle jungen Eltern zum Krankenhaus zurück. Überbrückungs- und Wiedereingliederungskosten fielen weg, das Krankenhaus machte sogar mit seiner Kindertagesstätte einen Gewinn von 82.000 Euro.

Viele Unis bieten inzwischen auch Mentorinnenprogramme an, in denen die jungen Ärztinnen sich das Selbstbewusstsein aufbauen können, das ihnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen oft fehlt. Sie werden bei Promotionen und Habilitationen unterstützt, die Zahl der Professorinnen steigt dennoch nur langsam. Bisher sind 10,4 Prozent der Professoren in der Medizin weiblich, bei den C4/W3-Professoren sogar nur 5,6 Prozent.

Eltern arbeiten oft effizienter

Spätestens in fünf Jahren, so schätzt Bitter-Suermann, werde die Welle der jungen Frauen in der Ausbildung die Kliniken erreichen. Und dann werden alle überspült, die sich bis dahin nicht besser darauf vorbereitet haben. Wer weiterhin auf kommunale Kindergärten setze, die aber oft nur bis mittags auf die Kleinen aufpassen, habe die Bedürfnisse der jungen Mediziner-Eltern nicht verstanden.

Wenn Ulrike Raap in Hannover nicht den Betreuungsplatz bekommen hätte, wäre sie entweder heute noch kinderlos oder woandershin gewechselt. Nach ihrem ersten Sohn prophezeite ihr ein Kollege, dass ihre Karriere dann aber spätestens mit dem zweiten Kind beendet sei. Das Gegenteil war der Fall: Seit sie zwei Kinder hat, ist die Anzahl ihrer Publikationen sogar gestiegen. Normalerweise tritt dieses Phänomen bei männlichen Forschern auf, die Kinder bekommen und sich dann öfter in ihre Studierzimmer zurückziehen oder auf Kongressen mal wieder eine Nacht durchschlafen können. Raap hingegen meint, dass Eltern effizienter und zielstrebiger arbeiten, weil sie wissen, bis wie viel Uhr sie Zeit haben: bis sie die Kinder aus der Kita abholen.

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