03.09.2007 · Zwanzig Jahre lang derselbe Job im selben Unternehmen - das galt lange Zeit als Nachweis fachlicher Kompetenz und hoher Betriebstreue. Heute ist von „intellektueller Inzucht“ die Rede - und ganz anderes gefragt.
Von Sven AstheimerVon Praktika hatte Christina Obertanner die Nase voll. Ihre Hoffnung, nach dem Umzug von Hannover nach Aachen rasch eine Festanstellung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit zu finden, war unerfüllt geblieben. Da halfen weder die jahrelange Berufserfahrung in der Marktforschung und als Redaktionsassistentin des Norddeutschen Rundfunk noch die Japanischkenntnisse, die sich die Germanistin nebenher erworben hatte. „Ich wollte aber endlich Geld verdienen“, sagt die 33 Jahre alte Frau heute, weshalb sie sich an einen Personaldienstleister wandte. Der hatte auch sofort ein Angebot parat: im Empfang eines mittelständischen Pharmaunternehmens. Selbst der Vermittler habe sie damals gewarnt, ein solcher Rückschritt in der Karriere sei nicht ganz einfach zu verkraften. Zweifel, die Obertanner so nicht hatte. „Dann setz' ich mich eben da hin und schau' mir das mal an“, habe sie sich damals gesagt. Es sollte kein Aufenthalt auf Dauer werden.
Nach einem halben Jahr war die Personalabteilung auf die engagierte Mitarbeiterin im Eingangsbereich aufmerksam geworden, die sich um weit mehr kümmerte, als sie eigentlich musste. „Wir haben als Mittelständler Stellen, die nicht von der Stange sind“, sagt Personalchef Klaas Uphoff. Wer die dafür nötige Flexibilität an den Tag lege, der werde gefördert. Deshalb bot man Obertanner eine Traineestelle im Marketing an, die sie dankend annahm. Wiederum sechs Monate später übertrug man ihr die Aufgaben für die Produktkommunikation und heute, keine drei Jahre später, ist Christina Obertanner am Ziel: Sie leitet seitdem die Öffentlichkeitsarbeit für den Geschäftsbereich Deutschland. Rückblickend auf ihre Patchwork-Vita mitsamt des ungewöhnlichen Karriere-Schlenkers als Empfangsdame, sagt sie heute: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“
Was gefragt ist
Glaubt man den Aussagen von Karriere- und Arbeitsmarktexperten, liegt Obertanner damit im Trend. Gefragt ist, wer nach neuen Aufgaben sucht, sich Herausforderungen stellt und auch den Mut hat, dabei unkonventionelle Wege zu gehen. Schlagworte wie „Flexibilität“, „Mobilität“ und neuerdings „Employability“ (Beschäftigungsfähigkeit) bestimmen die Diskussion. Unter Letzterem versteht man die Kompetenzen einer Person, die letztendlich deren Marktwert ausmachen.
„In den Köpfen vieler Personalmanager hat ein Wandel stattgefunden“, sagt Sylvia Knecht vom Zeitarbeitsunternehmen DIS AG. Abwechslungsreiche Erwerbsbiographien würden heute von ihrer Kundschaft nachgefragt, glaubt die PR-Managerin aus Düsseldorf. Jemand, der zwanzig Jahre lang in derselben Position verharrt, sei auch bei passender Qualifikation immer schwerer zu vermitteln. „Dieser Karriereweg verabschiedet sich so langsam“, sagt auch Grünenthal-Manager Uphoff. Zum Beispiel werde gerne gesehen, wenn ein Angestellter auch über unternehmerische Erfahrung aus selbständiger Tätigkeit verfügt. Und während früher jemand mit mehreren Arbeitgebern vielleicht als unstet und schwierig eingestuft worden wäre, könne dies heute durchaus zu seinen Gunsten als erfahren und flexibel einsetzbar ausgelegt werden. „Alle fünf Jahre eine neue Aufgabe“, antwortet Sylvia Knecht auf die Frage nach einem angemessenen Zeitraum. Was zum einen natürlich nur einen ungefähren Richtwert darstellt und zum anderen nicht heißt, dass ein Angestellter partout zweimal im Jahrzehnt seinen Arbeitgeber wechseln soll. Für den Großteil der Arbeitnehmer bedeute dies vielmehr, sich innerhalb des Unternehmens neu zu orientieren und dabei auf dem Erlernten aufzubauen, findet Knecht. Wechselt etwa ein Vertriebsexperte ins Marketing, könne er seine Erfahrung einbringen, wenn es dort um Kostenreduktion geht.
Wenn Märkte sich verändern und Prozesse schnell angepasst werden müssen, wollen die Kunden von Dienstleistern wie der DIS AG Bewerber, die sofort in der Materie stecken. „Dann sind die im Vorteil, die sich schon mit den Themen beschäftigt und vielleicht sogar einen Lösungsansatz im Hinterkopf haben“, sagt Knecht.
Wenn schon Opa beim Daimler geschafft hat
Doch wie mobil und flexibel deutsche Arbeitnehmer tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Fest steht, dass in Deutschland die „Betriebstreue“ seit der Nachkriegsära einen hohen Stellenwert besitzt. Der typische Arbeitnehmer des Wirtschaftsaufschwungs war männlich, zwischen 1940 und 1950 geboren und ging einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung nach - nicht selten stand er seit der Lehre bei ein und demselben Arbeitgeber auf der Gehaltsliste. Vielerorts dominiert deshalb bis heute das „Senioritätsprinzip“: Mit der Dauer des Engagements steigen Ansehen und Vergütung. Wer seinen Platz im Unternehmen gefunden hat, richtet sich dort mehr oder weniger komfortabel ein und ist dank des weitreichenden Kündigungsschutzes quasi unantastbar. Einen Anreiz, die eigene Position auf dem Arbeitsmarkt zu hinterfragen und zu verbessern, bot sich in diesem System den meisten Arbeitnehmern nicht.
Und vielen Arbeitgebern gefiel diese Anhänglichkeit der Belegschaft, schließlich schafft sie ein hohes Maß an Verlässlichkeit, Identifikation mit dem Unternehmen und reduziert die Kosten für die Personalsuche. Also wurden Treueprämien ausgelobt, Dienstjubiläen analog zur Ehe in Silber und Gold etabliert. Nicht wenige waren sprichwörtlich „mit dem Betrieb verheiratet“. Erst in den vergangenen Jahren fielen diese Gratifikationen vielerorts dem Rotstift zum Opfer. Doch für viele Arbeitnehmer gilt noch immer die schwäbische Maxime: „Mein Großvater hat beim Daimler geschafft, mein Vater hat beim Daimler geschafft, un ich schaff' auch beim Daimler.“
Im Gegensatz zur Betriebstreue stellen Mobilität und Flexibilität für die Beschäftigten keine Werte an sich dar. Sie werden häufig eher als notwendige Übel in Kauf genommen, um die eigene Karriere voranzutreiben. Wie das Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen herausgefunden hat, sind hiesige Arbeitnehmer im Durchschnitt vier bis sechs Jahre bei einem Unternehmen beschäftigt, bevor das Arbeitsverhältnis auf Grund von Kündigung, Befristung oder eigenen Wechselwunsch hin endet. Für Personen über 40 Jahren sind es sogar 12 Jahre. Damit ist die Beschäftigungsstabilität von den achtziger Jahren bis zum Beginn dieses Jahrhunderts sogar leicht gestiegen, stellen die IAT-Forscher fest. Eine andere Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Neigung zum Berufswechsel mit steigender Qualifikation abnehme (siehe Kasten). Von der vielbeschworenen Flexibilität am Arbeitsmarkt kann damit wohl kaum die Rede sein.
„Intellektuelle Inzucht“
Wenn Menschen aber zu lange im selben Unternehmen derselben Aufgabe nachgehen, droht Gefahr, sagt Axel Janßen vom Deutschen Verband für Coaching und Training. Der Karriere-Experte warnt in solchen Fällen vor „intellektueller Inzucht“. Natürlich frage sich der Abteilungsleiter, der sich in seinem Einfamilienhaus unweit des Unternehmenssitzes gemütlich eingerichtet hat, im ersten Moment zu Recht: „Warum soll ich denn daran etwas ändern?“ Umso größer sei dann die Überraschung, wenn er etwa durch Umstrukturierungsprozesse seinen Job verliert und sich der rauhen Wirklichkeit am Arbeitsmarkt ausgesetzt sieht. Dann stoße ein zuvor in seinem Unternehmen hochangesehener leitender Angestellter plötzlich als Arbeitssuchender auf Ablehnung, „weil er die vielen Facetten der Welt womöglich nicht mehr kennt“.
Janßen nennt als Beispiel die Insolvenz des „technischen Kaufhauses Brinkmann“ aus Hamburg im Jahr 2001. Das renommierte Familienunternehmen mit Niederlassungen in mehreren deutschen Städten war von den schnell wachsenden Elektronikmärkten wie Media-Markt und Saturn regelrecht vom Markt gefegt worden. Mit einigen der 3000 Mitarbeiter arbeitete auch Janßen zusammen. Seinen Kunden musste er erst mal eine schmerzliche Wahrheit klarmachen: „Man kann sich für dreißig Jahre Betriebszugehörigkeit nichts kaufen, wenn man mit veralteten Kassensystemen gearbeitet hat.“ Die entsprechende Weiterbildung war zuvor verpasst worden, und nun galten viele „Brinkmänner“ schlicht als nicht mehr vermittelbar. In solchen Fällen besitzen die Betroffenen oft überhaupt kein Gefühl mehr für ihren Marktwert, sagt Janßen.
Was folgt also daraus? Müssen sich die Beschäftigten künftig vornehmlich mit ihrer eigenen Beschäftigungsfähigkeit beschäftigten, damit selbige nicht abhanden kommt? Ständig Neues ausprobieren, in schöner Regelmäßigkeit die Aufgabe, Abteilung und ab und an auch gleich die Firma wechseln? Ganz so schlimm sei es dann doch nicht, sagt Janßen. Es genüge schon, wenn der Einzelne die Fähigkeit zur Selbstreflexion besitze und sich in regelmäßigen Abständen hinterfrage, „was mein Spezialistenwissen eigentlich wert ist“. Komme man dabei zu dem Ergebnis, dass man auch nach zwanzig Jahren in derselben Stelle noch auf dem neusten Stand ist und sich neuen Entwicklungen nicht verschließe, könne man relativ beruhigt auch ins einundzwanzigste Jahr gehen.
Berufswechsler werden seltener
Die beiden Forschungsinstitute BIBB und IAB untersuchten anlässlich der Jahrhundertwende, wie oft Arbeitnehmer ihren Beruf gewechselt haben. Dabei kam heraus:
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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