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Literaturwissenschaftlerin Vinken „Endlich eine Wende“

03.09.2009 ·  Mit dem Elterngeld holt Deutschland seinen Rückstand auf, sagt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken im Interview. Die Mentalität hinke aber noch immer hinterher.

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Mit dem Elterngeld holt Deutschland seinen Rückstand auf, sagt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken im Interview. Die Mentalität hinke aber noch immer hinterher.

Frau Vinken, was ist so schlecht daran, dass manchen Frauen andere Dinge im Leben wichtiger sind als der Beruf?

Gar nichts. Aber eine Gesellschaft, die sich nicht vorstellen kann, dass man wirklich Mutter und gleichzeitig vollberuflich ist, macht uns Frauen das Leben nicht eben leicht. Dass Frauen um der Karriere willen glauben, auf Kinder verzichten zu müssen, oder umgekehrt, ist für alle blöd - auch für die Kinder. Während deutsche Frauen Beruf und Familie nicht oder nur in Teilzeit für miteinander vereinbar halten, ist es in Frankreich normal, Mutter und vollberufstätig zu sein.

Woher kommt der Unterschied?

Der erste Schritt liegt bei Luther, der die Familie an die Stelle der Kirche gesetzt hat. Seitdem wird die Familie bei uns als Hort des Menschlichen und der wahren Werte angesehen, der gegen eine verderbte Welt verteidigt werden muss Das ist in einem katholisch geprägten Land wie Frankreich anders. Später stand Mütterlichkeit gegen die kalte Karrierewelt. Die Vorstellung von der Familie als einzigem Hort des Menschlichen ist fatal; sie leugnet, dass wir auch im Berufsleben, mit Kollegen, Mandanten, Studenten, Patienten, schützenswerte Beziehungen aufbauen.

Skandinavien ist protestantisch, skandinavische Mütter sind aber häufig berufstätig. Das widerspricht Ihrer These.

In Skandinavien hat sich die Vorstellung durchgesetzt, die auch in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg von den gemäßigten Frauenbewegungen propagiert wurde: Frauen sollen ihr mütterliches Wesen produktiv in die Gesellschaft einbringen. In Deutschland hat der Nationalsozialismus, der die Frauen auf ein biologisch-mystisches Muttersein reduziert hat, diese Entwicklung gestoppt. Sonst wären wir jetzt vermutlich da, wo die skandinavischen Länder sind.

Der Nationalsozialismus ist aber nicht der Schlusspunkt Ihrer Analyse.

Einen zweiten Verspätungsschritt brachte uns nach dem Zweiten Weltkrieg die westdeutsche Konkurrenz zur DDR, die ja ein ausgebautes Kinderbetreuungsmodell hatte. Stattdessen wurde im Westen die patriarchalische Kleinfamilie propagiert. Es gab Kampagnen, in denen individuell erzogene westdeutsche Kinder gegen die vermeintlich im Massenbetrieb der Krippen aufgewachsenen Kinder aus dem Osten ausgespielt wurden. So hat der Kampf der Ideologien im 20. Jahrhundert die Entwicklung der deutschen Gesellschaft doppelt restaurativ geprägt.

Ändert sich daran nun etwas?

Ich bin selten optimistisch, zurzeit aber schon. Zu verdanken ist dies weniger der Frauenbewegung als der demographischen Entwicklung und dem "Humankapital". Die Unternehmen können es sich schlicht nicht mehr leisten, auf die Intelligenz der Hälfte der Bevölkerung zu verzichten. Und mit Ursula von der Leyen und dem Elterngeld kam es zur ersten wirklichen Wende in der deutschen Familienpolitik. Endlich wird nicht mehr über neue Väterrollen diskutiert, sondern über außerhäusliche Betreuungsmöglichkeiten. Die Mentalität hinkt der Politik jedoch noch hinterher: Die meisten, auch die Frauen, halten einen Alleinernährer für wichtiger als einen ganztägigen Krippen- oder Kindergartenplatz.

Wer ist daran schuld - die Männer oder die Frauen selbst?

Das deutsche Dogma, dass die Kinder zu Hause - im Regelfall von der Mutter - erzogen werden müssen, wird von Frauen noch massiver als von Männern vertreten. Dabei geht die schizophrene Spaltung des öffentlichen Diskurses, die beiden Geschlechtern gleiche Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt einräumt und gleichzeitig an diesem Dogma hängt, auf Kosten der Frauen. Dennoch nehmen viele Frauen dieses Bild an, nach dem man nur Frau oder eben nicht ganz Frau sein kann.

Handelt es sich nicht vielmehr um individuelle Entscheidungen?

Das scheint nicht so zu sein. Mein Lieblingsbeispiel sind die französischen Zwillingsschwestern, von denen eine in Frankreich und die andere nach Deutschland heiratet. Beide bekommen drei Kinder; die in Frankreich lebende Frau arbeitet weiter Vollzeit, die in Deutschland lebende bleibt zu Hause, macht dann ein bisschen was halbtags. Dafür entwickelt sie sich zum Profi in Kindererziehung - Säuglingspflege, Kleinkindpsychologie, Ernährungskunde, das müssen Mütter in Deutschland ja alles genau lernen. Offensichtlich prägen gesellschaftliche Leitbilder die Entscheidungen jedes Einzelnen.

Das Gespräch führte Sebastian Balzter.

Quelle: F.A.Z.
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