10.11.2011 · Die Aufarbeitung der Krise in Island füllt 2000 Buchseiten. Auf der Vulkaninsel kann sich die internationale Finanzbranche ein Bild von dem machen, was auf sie noch zukommt.
Von Sebastian BalzterHilfskredite, Schuldenschnitt, Währungssorgen, Rekapitalisierung, Volksabstimmung: Wer das Einmaleins der Krise jetzt erst am griechischen Beispiel lernt, hat vor drei Jahren nicht aufgepasst. „Gott schütze Island“, seufzte der damalige Ministerpräsident der kleinen Insel im Oktober 2008 ratlos in die Fernsehkameras. Die Großbanken des Landes, erst sechs Jahre zuvor privatisiert, hatten Verbindlichkeiten aufgetürmt, die rund zehnmal so hoch waren wie die jährliche isländische Wirtschaftsleistung. Nach der Pleite von Lehman Brothers in New York schwand das Vertrauen der Investoren in Kaupthing, Glitnir und Landsbanki in Reykjavík. Island brachte die Verstaatlichung der Institute an den Rand des Bankrotts, Tausende Menschen gingen aus Wut auf die Finanzbranche auf die Straße, in den Kneipen hingen Plakate mit den Fotos bekannter Geschäftsleute, sie sahen aus wie Steckbriefe.
Aber Island ist weder im Nordatlantik noch in der Anarchie versunken, im Gegenteil: Vor gut zwei Wochen lud der Internationale Währungsfonds zu einer hochkarätig besetzten Tagung ins Konzerthaus von Reykjavík. „Lessons from Iceland“ hieß der Titel der Veranstaltung. Was kann der Rest der Welt also von der Insel am Polarkreis lernen? Und worauf müssen sich die Beschäftigten in der Branche vorbereiten, wenn es zum Crash kommt?
„Heute ist alles anders als damals“, sagt Olafur Sigurdsson kurz nach Feierabend auf dem Weg zu seiner Wohnung in einem Vorort der isländischen Hauptstadt. Ein halbes Jahr vor dem Stoßgebet des Ministerpräsidenten hatte ihn die Großbank Kaupthing von einem IT-Unternehmen abgeworben, das war kurz vor seinem 33. Geburtstag. „Es gab so viele offene Stellen, die Banken suchten fast schon verzweifelt nach neuen Mitarbeitern. Und die Boni waren phantastisch.“ Die Gehälter in der Branche sind seitdem um bis zu 40 Prozent gesunken. Die Abteilung für Risikomanagement, in die Sigurdsson einstieg, ist nur noch halb so groß wie 2008. Und die Bank, die inzwischen unter dem Namen Arion firmiert, will weitere Stellen streichen. Die Situation ist so angespannt, dass Sigurdsson seinen richtigen Namen nicht einmal im fernen Deutschland in der Zeitung lesen will. Er ist vor kurzem zum zweiten Mal Vater geworden, er hängt an seinem Job.
Knapp 60 Arbeitsplätze fallen jetzt weg. Für kontinentaleuropäische Ohren hört sich das nach keiner großen Sache an - es ist auf Island, wo nur 320.000 Menschen leben, aber durchaus von Bedeutung. Im Winter der Krise beispielsweise erzwangen 3000 Demonstranten im Zentrum von Reykjavík einen Regierungswechsel, das fanden manche Beobachter aus dem Ausland amüsant. Aber wenn die Occupy-Bewegung in Deutschland auch ein Prozent der Gesamtbevölkerung von ihrem Programm überzeugen könnte, würden in Frankfurt 800.000 Bankenkritiker vor dem EZB-Turm zelten.
Das Investmentbanking haben die isländischen Institute komplett eingestellt; Übernahmen, Fusionen und Aktiengeschäfte spielen auf der Insel keine große Rolle mehr. Das Geschäftsmodell der Banken ist inzwischen auf das Inland beschränkt. Bezeichnend ist auch die Eigentümerstruktur der Banken: Es ist ein Gespann aus den jeweiligen Abwicklungsgesellschaften der zusammengebrochenen Banken und einer staatlichen Zweckgesellschaft.
Von den 5300 Stellen, die der Banken- und Sparkassenverband SFF im Dezember 2007 zählte, gibt es heute noch rund 3450, überschlägt der Verbandsgeschäftsführer Guðjón Rúnarsson. „Die Entlassungen haben sich auf die Zentralen der Institute konzentriert, in den Filialen auf dem Land wurden kaum Stellen abgebaut“, sagt er. Alle drei Institute haben außerdem, als ob an ihnen ein Fluch klebe, ihre alten Namen abgegeben. Einen entscheidenden Imagegewinn hat ihnen das nicht eingebracht. „Nach drei Jahren haben wir uns aber daran gewöhnt, dass uns die Leute draußen nicht besonders mögen“, behauptet der Banker, der seinen Namen nicht nennen mag.
Die Suche nach den Schuldigen für das Finanzfiasko ist noch lange nicht beendet - auch wenn in den Kneipen von Reykjavík keine Steckbriefe mehr hängen, Politiker und Vorstandsvorsitzende nicht mehr mit Tomaten beworfen werden. Die Isländer haben jene Währungsabwertung erlebt, die Griechenland wegen seiner Zugehörigkeit zur europäischen Währungsunion bislang erspart bleibt. Das hat die Verschuldung vieler Privathaushalte und Unternehmen, die Häuser und Autos vor der Krise wegen der günstigeren Zinsen gerne in Yen, Franken und Dollar finanzierten, in die Höhe katapultiert. Die monatlichen Raten halten die Erinnerung frisch.
So schaffte es auch ein ungewöhnliches Werk bis in die Bestsellerlisten: der spröde Bericht über die haarsträubenden Fehler der Banken und ihrer Aufseher, den ein vom Parlament eingesetzter Untersuchungsausschuss im April 2010 vorgelegt hat. Mehr als 2000 Seiten in neun schmucklosen Bänden. Gegen den Ministerpräsidenten, der einst um Gottes Beistand bat, ermittelt nun ein Sondergericht wegen schwerwiegender Verfehlungen im Amt. Und Ólafur Hauksson bereitet die erste Welle von Prozessen gegen betrügerische Banker vor. „Bis zum Ende dieses Jahres werden wir die Ermittlungen in rund zehn Fällen abschließen“, kündigt der auf Biederkeit bedachte Mann an, der seit Anfang 2009 als Sonderstaatsanwalt mit der strafrechtlichen Aufklärung der Krise betraut ist.
Er hat Razzien in Büros und Privathäusern im In- und Ausland durchführen lassen, prominente Manager in Untersuchungshaft genommen und die Protokolle von mehr als 600 Verhören gesichtet. Für einen der nun anstehenden Fälle seien rund 5 Millionen E-Mails überprüft worden, berichtet Hauksson. „Ich hoffe, wir werden nicht bis zum Ende unseres Lebens wegen dieser Art von Verbrechen ermitteln“, sagt er. Doch während die Banken schrumpfen, wird seine Behörde stetig größer: 90 Mitarbeiter beschäftigt sie inzwischen. Der Bürgermeister von Reykjavík hat schon vorgeschlagen, am Stadtrand ein eigenes Gefängnis für die Finanzkriminellen zu bauen - als Touristenattraktion.
Entlassungen, Gehaltskürzungen, Gerichtsverfahren - wenn Island sich tatsächlich als Vorbild für den Rest der Welt entpuppen sollte, kommen auch auf die Banker in London, New York und Frankfurt unangenehme Zeiten zu. Ganz und gar trostlos aber sind die Branchenmeldungen von der Vulkaninsel nicht. So schlägt die Stunde der erfahrenen Fachleute ohne den Hang zu Extravaganzen und großen Visionen, sie haben einen regelrechten Karriereschub erhalten: Das Durchschnittsalter auf den Chefetagen ist heute deutlich höher als vor der Krise. Von neuen Geschäftsmodellen berichtet Guðjón Rúnarsson, der Verbandsgeschäftsführer. „Als Finanzberater bieten frühere Banker Privatleuten und Unternehmen Hilfe bei der Umstrukturierung ihrer Schulden an.“ Und die Kinder von Olafur Sigurdsson, geboren 2009 und 2011, sind offenbar auch ein Zeichen. So deutlich wie nach der Krise, meldet die Statistikbehörde, ist die Geburtenrate auf Island zuletzt vor über 50 Jahren gestiegen. „Unsere Arbeitszeiten sind kürzer geworden“, sagt Sigurdsson. „Viele Kollegen verbringen jetzt mehr Zeit mit ihren Familien.“
bodenständige und vernüftige Isländer....
Christiane Bauer (lazybone62)
- 18.11.2011, 13:01 Uhr
In Island sind sie schon weiter als hier!
Christian Treczoks (treczoks)
- 18.11.2011, 10:30 Uhr