10.09.2009 · Eine Lehrstelle gibt es derzeit für fast jeden Schulabgänger. Trotz Krise. Was die Eltern freut, ist keine gute Nachricht. Denn Deutschland geht der Nachwuchs aus.
Von Carsten Germis und Inge KloepferFür die jungen Leute hat Eric Schweitzer auch in Zeiten der tiefsten Rezession noch gute Nachrichten: „Jeder, der ausbildungswillig und -fähig ist, bekommt auch einen Ausbildungsplatz“, verspricht der Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer in diesem Sommer. Allein in Berlin sind zu Beginn des Lehrjahres unzählige Ausbildungsplätze noch nicht besetzt. Das scheint verwunderlich in Zeiten der Krise, hat aber einen schlichten Grund: Die jungen Menschen werden immer weniger. So langsam geht Deutschland der Nachwuchs aus.
Entspannung meldete in dieser Woche auch die Bundesagentur für Arbeit (BA). 515 500 Bewerber suchten bislang eine Lehrstelle, ein Viertel weniger als 2007. Das dritte Jahr in Folge ist die Zahl der Ausbildungsplatzbewerber damit gesunken. Rechnerisch hat sich die Lücke zwischen Bewerbern und unbesetzten Ausbildungsplätzen auf 33 900 verringert. Es suchen auch in diesem Jahr noch viele „Altbewerber“ eine Stelle, die 2008 oder 2007 nicht zum Zug kamen.
Besonders dramatisch ist der Bewerbermangel im Osten
Besonders dramatisch ist der Mangel an Bewerbern heute schon im Osten. „Die Demographie hat den Osten fest im Griff“, berichtet Thilo Pahl, der beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) das Referat Ausbildung leitet. „Dort ist die Trendwende da, die Lehrlinge sind knapp.“
Die Zahlen in den neuen Ländern sind dramatisch. 2009 machten im Vergleich zum Vorjahr 16 Prozent weniger Schüler ihren Abschluss. Dabei waren es schon 2008 rund 12 Prozent weniger als 2007 gewesen. Im Westen wird der Geburtenrückgang vom kommenden Jahr an auf den Ausbildungsmarkt durchschlagen.
Die Bevölkerungspyramide in Deutschland steht auf dem Kopf. Für Politik und Jugendliche bringt das erst einmal Entlastung. Trotz der Wirtschaftskrise kann Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg dieser Tage vollmundig verkünden: „Auch 2009 gibt es gute Ausbildungschancen für junge Menschen.“ Guttenberg muss sich nicht wie seine Vorgänger mit zigtausenden Jugendlichen herumschlagen, die ohne Ausbildungsplatz dastehen. Beinahe scheint es so, als würde die Demographie in den kommenden Jahren die Probleme am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wie von selbst erledigen.
100 Euro für die Teilnahme am Eignungstest
Doch das Bild trügt: Denn was die Eltern freut, ist für die Unternehmen schon jetzt eine sehr schwierige Situation. Nach einer Umfrage des DIHK haben 2008 bundesweit schon 21 Prozent der Firmen nicht mehr alle Lehrstellen besetzen können. 2007 waren es 15 Prozent, 2006 erst 12 Prozent. Die Angst, bald ganz ohne Lehrlinge dazustehen, lässt manche Arbeitgeber zu ungewöhnlichen Mitteln greifen. Ein großes Energieunternehmen zum Beispiel bietet Schulabgängern in Ostdeutschland 100 Euro, damit sie überhaupt an einem Eignungstest für eine Lehre teilnehmen.
Diese Entwicklungen beobachtet auch Eric Schweitzer, der gemeinsam mit seinem Bruder Axel den Berliner Entsorgungskonzern Alba führt, mit großer Sorge. „Wir bekommen ein echtes Problem. Allein bei kontinuierlicher Unternehmensentwicklung tut sich eine Nachwuchslücke auf, die wir in Deutschland immer weniger werden füllen können.“ Schweitzer braucht den Nachwuchs für sein Unternehmen, er bildet wie viele andere verstärkt selber aus. Für die Betreuung der jährlich 100 neuen Lehrlinge hat er eigens drei Mitarbeiter abgestellt. „Demographie ist etwas für die Statistik und für Politiker“, sagt er. „Wir, die Wirtschaft, können dem nichts Positives abgewinnen.“
Oft hapert es mit dem Lesen, Schreiben oder Rechnen
Zur sinkenden Zahl ausbildungsreifer Jugendlicher gesellt sich die Gruppe derer, die zu wenig können, die die Wirtschaft aber eigentlich dringend bräuchte. Jeder fünfte Bewerber bekommt trotz üppigem Angebot keinen Platz, weil es mit dem Lesen, dem Schreiben oder dem Rechnen hapert.
Heike Solga, Direktorin für die Forschungsabteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am Wissenschaftszentrum Berlin, ärgert sich deshalb darüber, dass viele behaupten, die Demographie werde alle Probleme für die Jugendlichen, eine Ausbildungsstelle zu bekommen, erledigen: „Wir sitzen auf einer seit Jahren tickenden Zeitbombe“, meint sie. „Jeden siebten jungen Erwachsenen oder knapp 1,5 Millionen Menschen schicken wir ohne eine Berufsausbildung ins Erwerbsleben.“ Der Grund: Diese Jugendlichen sind einfach zu schlecht gebildet, um überhaupt noch auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Die Öffentlichkeit ignoriere das, denn die Statistik unterschlage all jene Jugendlichen, die nach der Schule in den umfangreichen Übergangssystemen und Maßnahmen landeten, Praktika machten oder jobbten. Auch durch den zunehmenden Nachwuchsmangel werde sich das nicht erledigen, sagt Solga.
Risiko Abwanderung
Dass die demographische Entwicklung auf Dauer eine Entlastung für den deutschen Arbeitsmarkt bedeutet, ist nicht nur aus diesem Grund ein gefährlicher Trugschluss. Denn wahrscheinlicher ist zudem, dass mit alterndem und schließlich sinkendem Arbeitnehmerpotential auf Dauer auch das Angebot an Arbeitsplätzen schrumpft. „Investitionsstandorte verlieren deutlich an Attraktivität, wenn Unternehmen Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Nachwuchskräften haben“, warnt Pahl vom DIHK. Die Unternehmen - in wachsender Zahl auch deutsche - gehen nicht mehr nur dorthin, wo die Arbeitskosten niedrig sind, sondern auch dorthin, wo der Nachwuchs nicht knapp wird.
Die Folge könnte für Deutschland sein, dass Firmen bald abwandern. „Jedes Unternehmen wird auf lange Sicht dorthin gehen müssen, wo es genügend Leute bekommt“, sagt Schweitzer. Es gibt Geschäftsfelder, die betreibt der Berliner Entsorgungsriese schon heute aus dem westeuropäischen Ausland heraus - nicht, weil es billiger ist, sondern weil hier das Angebot an Arbeitskräften auf Dauer auszugehen droht.
Tip an Eric
Stefan Rubens (RubensStefan)
- 10.09.2009, 14:42 Uhr
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
Jüngste Beiträge
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge