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Lehrlinge mit Lernschwierigkeiten Als Prüfung das Auto polieren

02.09.2011 ·  Wie junge Leute mit Lernschwierigkeiten doch noch zu einer Berufsausbildung kommen können. Ein Beispiel aus Fulda.

Von Claus-Peter Müller
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Guten Tag. Mein Name ist Jennifer Staub, Fachkraft für Verkaufsvorbereitung. Was kann ich für Sie tun?“ Selbstbewusst und vor allem freundlich meldet sich die 23 Jahre alte Frau am Telefon ihrer Ausbildungsstätte. Es ist eine Werkstatt im osthessischen Fulda, in der Autos von Händlern oder Privatbesitzern so lange mit Spezialreiniger bepinselt, mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt, mit Druckluft und Leder getrocknet, gesaugt, von innen gewaschen und von außen poliert werden, bis sie vom Loch, in das der Schließzapfen der Motorhaube fällt, bis zu den Innenkanten der hinteren Radhäuser wieder wie neu aussehen. Staub ist froh, etwas zu tun zu haben. Das war nicht immer so.

Das Lernen fällt ihr schwer, vor allem Mathematik. Schon in der Grundschule ist sie zurückgestuft worden. Nach der vierten Klasse wechselte sie an eine Lernhilfeschule, die auch ihre drei Geschwister besuchten. Danach fand sie keine Lehrstelle, sondern nahm ein Jahr lang teil an Berufsvorbereitungsmaßnahmen, bekam schließlich einen Praktikumsplatz in einem Drogeriemarkt. Das lief zunächst gut: „Ich kassierte sogar, trotz Mathe, denn die Kasse zeigt doch an, was ich rausgeben muss.“ In einem anderen Drogeriemarkt begann sie sogar eine Lehre. Aber das ging nicht lange gut, denn die junge Frau fühlte sich gemobbt.

„Irgendwann macht das doof“

Staub kündigte, hockte eineinhalb Jahre zu Hause in einem Dorf in der Rhön. Sie erledigte Hausarbeit, sah fern und ging ins Bett, aber „irgendwann macht das doof“. Weil die Arbeitsagentur keine Stelle hatte, kam sie wieder in eine Maßnahme, sägte und hackte Holz, kehrte den Hof einer gemeinnützigen Einrichtung. Als die Maßnahme auslief, fuhr sie wieder zum Arbeitsamt. Sie wolle eine Ausbildung. Für drei Wochen arbeitete sie in der Autoreinigungshalle, die von Grümel betrieben wird. Grümel ist wiederum ein gemeinnütziger Verein, dessen Name vom „Grünen Mülleimer“, einem seiner ersten Sozialprojekte, abgeleitet ist. Grümel übernimmt seit beinahe zehn Jahren die Ausbildung Jugendlicher zur Fachkraft für Verkaufsvorbereitung, die auf dem Arbeitsmarkt ohne Unterstützung kaum eine Chance hätten. Mindestens 3 Prozent der Kinder eines Jahrgangs gelten als lernbehindert, aber 10 bis 20 Prozent haben Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden.

Die Initiative zu dem Projekt war Ende der neunziger Jahre vom damaligen Präsidenten der Fuldaer Industrie- und Handelskammer, Helmut Sorg, ausgegangen. Obwohl die Unternehmen eigentlich nur die besten Lehrlinge wollten und die Gewerkschaften qualifizierende Ausbildungsgänge, die hohe Löhne sicherten, fand Sorg Mitstreiter, um mit der Fachkraft für Verkaufsvorbereitung auch einen Beruf für die Lernschwachen und andere bisher aussichtslose Bewerber zu schaffen. Junge Männer und Frauen, die die Abschlussprüfung vor der Kammer bestehen, haben nun die Chance, die Endlosschleifen der Sozialmaßnahmen zu verlassen, weil ihre Leistung auf dem Arbeitsmarkt gegen Stundenlöhne von 7 Euro oder deutlich mehr tatsächlich nachgefragt wird. Sorg, Mitinhaber eines Autohauses, gewann weitere Autohändler hinzu. Sie geben ihre Fahrzeuge seither zur Aufbereitung zu Grümel.

Das Fuldaer Angebot war eines der ersten seiner Art in Deutschland und ist nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit immer noch beispielgebend. Allein schon der demographische Wandel, sagt Manuela Semmler von der Bundesagentur in Nürnberg, zwingt zum Umdenken. Es lohne, durch die richtige Förderung gute Mitarbeiter zu finden. Jährlich fördere die Behörde etwa 50.000 Rehabilitanden, die wie Staub aus nichtmedizinischen Gründen benachteiligt seien und arbeiten wollten. In die Rehabilitation zur beruflichen Ersteingliederung Jugendlicher investierte die Agentur im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Euro.

Mal ein Porsche, mal eine Harley-Davidson

Zudem gebe die Behindertenresolution der Vereinten Nationen, die Deutschland 2009 ratifiziert habe, das Ziel der „Inklusion“ vor. Auch Menschen, denen wie Staub das Lernen schwer falle, sollten so nah wie möglich am regulären Arbeitsmarkt und an ihrem Wohnort ausgebildet werden. Früher wurden diese jungen Leute auch von Fulda aus zur Ausbildung in ein Internat geschickt. Die Ausbildung kostete etwa 140.000 Euro je Person, und nur wenige konnten anschließend vermittelt werden. Die drei Jahre bei Grümel kosten die Arbeitsagentur 55.000 Euro und die Vermittlungsquote beträgt nach Angaben des Sozialpädagogen Christian Panfil, der die Auszubildenden bei Grümel betreut, mehr als 60 Prozent. Auch wegen dieses Erfolgs haben die Fuldaer das Ausbildungsangebot auf Berufe wie den des Beikochs, des Lagerfachhelfers, des Helfers in der Hauswirtschaft oder in der Textilreinigung ausgeweitet. Derzeit lernen dort 42 junge Leute in acht Berufen.

Jennifer Staub hat in diesem Sommer ihre Ausbildung abgeschlossen. Sie hat einen Rohling, einen Gebrauchtwagen, binnen vier Stunden blankputzen müssen. Staub mag ihre Arbeit, denn sie sei abwechslungsreich. Ab und zu gebe es auch mal einen Porsche zu putzen oder eine Harley-Davidson. Während der Ausbildung hat Staub einige Praktika von bis zu sechs Monaten in anderen Reinigungswerkstätten, in Möbel- und Heimwerkermärkten absolviert. Sie schreibt jetzt Bewerbungen und wünscht sich, dass keine Absagen mehr kommen. Aber, sagt Sozialpädagoge Panfil, „unserer Jennifer fehlt der Führerschein“. Der sei die wichtigste Voraussetzung für einen fließenden Übergang ins Berufsleben. Zudem werden EDV-Kenntnisse gefordert. Jennifer beherrsche zwar Word und Powerpoint, aber das reiche nicht aus. Also spart sie auf den Führerschein, auch „wenn es schwer ist, das Geld zusammenzukriegen“ und Panfil hilft ihr vorerst weiter beim Schreiben der Bewerbungen oder auf den Wegen zu Behörden.

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