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Lehrer mit Migrationshintergrund „Die Schüler warten auf euch“

12.04.2009 ·  Dringend gesucht sind Lehrer, die als Fremde ins Land kamen. Denn Studien belegen: Solche Pädagogen motivieren Migrantenkinder besonders erfolgreich. Ihnen nehmen Schüler mit Migrationshintergrund ab, dass auch sie Chancen haben.

Von Anna von Münchhausen
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Heißt es der Welpe - oder doch das Welpe? Wenn Bernice Boama vor ihren Siebtklässlern steht, stellt sie manchmal überraschende Fragen. Anfangs haben ihre Schüler darüber gekichert. Sie konnten nicht glauben, dass ihre schlaue Lehrerin so etwas „Babyeierleichtes“ tatsächlich nicht parat hat. „Inzwischen“, sagt die in Ghana geborene Deutsche, „wissen sie, dass das keine Fangfrage von mir ist, und freuen sich sogar, dass sie mir helfen können.“

Dabei fällt der temperamentvollen Lehrerin kein Zacken aus der Krone, schon gar nicht tut es ihrer Autorität Abbruch. Vorbilder müssen nicht unfehlbar sein: Abgesehen von minimalen Unsicherheiten beherrscht Frau Boama die deutsche Sprache perfekt und ist eine Lehrerin, wie sie sich jeder wünscht: temperamentvoll, unterhaltsam, aber auch anspruchsvoll. Über bestimmte Regeln lässt sie nicht mit sich diskutieren. Kraftausdrücke sind tabu, und dass Lehrer Respekt verdienen, versteht sich von selbst.

Eine Ausnahme, die keine bleiben soll

Frau Boama, die Englisch und Sport am Hamburger Margaretha-Rothe-Gymnasium unterrichtet, ist die Ausnahme, die keine bleiben soll. Zuwanderer als Lehrer einstellen: In vielen Bundesländern gilt dieses Rezept als neue Formel, um Probleme zu lösen. Schüler mit „Migrationshintergrund“ haben etwa doppelt so häufig wie deutsche Jugendliche keinen oder einen niedrigen Schulabschluss. Daran muss sich dringend etwas ändern. Eine immer wieder vorgetragene Forderung läuft darauf hinaus, diesen Schülern Rollenmodelle anzubieten - in Gestalt von Pädagogen, die ebenso wie sie Deutschland als Fremde erlebt und kennengelernt haben.

Solche Kollegen sind allerdings bislang hierzulande wahre Exoten: Nur ein Prozent der Lehrer in Deutschland stammt aus Zuwandererfamilien. Das Kalkül: Diese Lehrer bringen nicht nur fachliche Kompetenz mit, sondern sind der lebende Beweis, dass Schulerfolg möglich und eine Karriere keine Utopie ist. Wer von Erwachsenen unterrichtet wird, deren Lebensweg ähnliche Stationen durchlaufen hat, fühlt sich ermutigt.

„Ich bin die einzige schwarze Lehrerin“

Tatsächlich funktioniert diese Ermutigung bereits, wenn Lehramtsstudenten unterschiedlicher Herkunft Migrantenkindern Förderunterricht geben, wie eine eben veröffentlichte Studie der Universität Bamberg belegt. Die Pädagogen werteten dafür ein Modellprojekt der Mercator-Stiftung aus - gemessen wurde die Notenentwicklung der Schüler. 40 Prozent von ihnen verbesserten sich schlagartig im Fach Deutsch um mindestens eine Note.

„Ich bin die einzige schwarze Lehrerin, die die Kinder je gesehen haben“, stellt Frau Boama fest, die mit ihren Eltern als Dreizehnjährige nach Berlin kam. „Sie stellen mir besondere Fragen. Wie ist das für Sie, hatten Sie es schwerer als deutsche Lehramtsstudenten? Was haben Ihre Eltern gesagt? Das erlebe ich jeden Tag.“

In der Rolle der Ermutigerin

Auch Gülümser Aytekin, die Geschichte und Englisch am Alsterring-Gymnasium unterrichtet, macht häufig die Erfahrung, in der Rolle der Ermutigerin wahrgenommen zu werden. „Meist muss ich gar nicht von mir aus erzählen, sondern werde direkt angesprochen von diesen Schülern. Sie möchten Tipps von mir haben. Ich stelle aber auch Ansprüche an diese Kinder. Ich sage: Leute, es ist zu schaffen, wenn ihr wirklich etwas dafür tut. Man möchte eben auch, dass sie es schaffen . . .“

Dass sie schaffen, sich gute Zukunftaussichten zu erarbeiten und nicht hinterherzuhängen. Dafür setzt sich auch Nurgül Altuntas ein. Die Klassenlehrerin an einer Wiesbadener Gesamtschule, Tochter eines türkischen Facharbeiters, duldet keine Durchhänger, gleich welcher Herkunft: „'Wenn aus mir nichts wird, dann hilft mir Vater Staat' - so etwas möchte ich von euch nicht mehr hören“, erklärt sie ihnen. Schulerfolg hängt nicht zuletzt von überzeugenden Lehrern ab. Doch in den höheren Klassen der Gymnasien sind zu wenige Schüler mit Migrationshintergrund zu finden. Wie können diejenigen, die das Potential und die Energie für den Lehrerberuf haben, ermutigt werden? Dreißig Schüler mit familiären Wurzeln in der Türkei, Russland, Litauen, Afghanistan und Spanien trafen sich vor kurzem in Hamburg zu einer Motivationstour: „Mehr Migranten werden Lehrer“, lautete das Motto einer Veranstaltung, mit der die „Zeit-Stiftung“ diese Jugendlichen anstiften wollte, sich für ein Pädagogikstudium zu entscheiden. Eine Frage tauchte in der Runde im Goßlerhaus immer wieder auf: „Kann ich das überhaupt?“

Es fehlt an Mut

Gerade an Mut fehlt es laut Bernice Boama: „Ich stelle fest, dass meine Schüler häufig bestimmte Ziele nicht anstreben wollen, weil sie denken: Das schaffe ich sowieso nicht.“ Genau das kenne sie aus eigener Erfahrung: „Unsere Eltern waren ähnlich. Sie sagten: Du möchtest Lehrerin werden? Also - das wird zu schwer sein. Und die Schüler würden dich nicht akzeptieren.“

Eine häufig geäußerte Befürchtung, die jeder Grundlage entbehrt, wie Boamas Kollege Suat Aytekin feststellt: „Es ist ein Vorurteil, dass wir nicht akzeptiert würden. Man muss sich als Lehrer beweisen, nicht als Zuwanderer.“ Gerade dass sein Werdegang alles andere als geradlinig verlief, empfindet er heute als Vorteil: So kann er nachvollziehen, welche Hindernisse zu überwinden sind, bevor man imstande ist, vor einer Klasse zu stehen und Autorität zu verkörpern.

Das Abi war für mich erst einmal ganz weit weg

Für Aytekin selbst war das ein Prozess, dessen Stationen er Zaid, Sohail, Mohammed und den anderen jungen Hamburgern genau schildert: In Lübeck geboren und aufgewachsen, konnte er auf seine aus der Türkei zugewanderten Eltern nicht bauen - sie sprechen bis heute kaum Deutsch. „Meine Lehrerin an der Hauptschule hat mich unterstützt. Das Abi war für mich erst einmal ganz weit weg.“ Hauptschule, Berufsfachschule, Gymnasium - nichts ergab sich ohne Anstrengung. Erst zwei Jahre nach dem Fachabitur entschied er sich für das Lehramtsstudium. „Ich hatte mir das nicht zugetraut, weil ich nicht gern vor Leuten stehe.“

Das ist vorbei. An der Julius-Leber-Schule unterrichtet er Geschichte - und unterscheidet eigentlich nicht zwischen urdeutschen Schülern und anderen. „Ich merke aber, dass die Nichtdeutschen sich freuen: Cool, jetzt haben wir auch einen ausländischen Lehrer. Ich verstehe besser, was in den Elternhäusern los ist.“ In der Pause vertraut sich Ayse ihm an. Ihre jüngere Schwester, berichtet die junge Türkin, sitze in der Hauptschule, ohne Ehrgeiz und schlecht betreut. Was man da nur machen könne? Für Aytekin ein Beispiel von vielen: „Kinder aus ausländischen Familien müssen anders motiviert werden. Für die Schüler sind wir Vorbilder. Weil sie wissen, dass wir einen ähnlichen Weg gegangen sind - mit Umwegen, mit Problemen.“

Die Eltern an die Hand nehmen

Bildung ist in diesen Familien kein Thema, das täglich bei Tisch erörtert wird. Das müssen Lehrer wissen, und darauf müssen sie reagieren, glaubt Aytekins Ehefrau Gülümser. „Eltern wissen häufig nicht, welche Bildungswege es gibt. Sie müssen an die Hand genommen werden. Man muss ihnen sagen: Das sind die Möglichkeiten, die Ihren Kindern offenstehen.“ Die Gymnasiallehrerin hatte als Kind gute Noten in der Grundschule - und einen Vater, der nicht lockerließ und herausfand, dass seiner Tochter das Gymnasium offenstand. Das war deren Glück und nicht eben typisch. „Unsere Eltern stammen aus bildungsfernen Schichten und haben das an die Kinder weitergegeben.“ Arbeiten, Geld verdienen, das zählte - so war es auch für den Nachwuchs vorgesehen. „Ich habe zum Glück in meiner Familie Unterstützung gefunden. Da wurde gesagt: ,Trau dich, auch wenn du scheiterst.' Diese Unterstützung habe ich aber nur zu Hause gefunden, nicht in der Schule. Ich musste mir alles erkämpfen. Wie wir alle.“

Bei allem Verständnis: Kuschelpädagogen sind die drei Hamburger Musterlehrer nicht, im Gegenteil: Sie scheinen mehr Wert auf Disziplin und Benimm zu legen als manch ein deutscher Kollege. „In meiner sechsten Klasse lasse ich die Schüler aufstehen, wenn ich hereinkomme“, berichtet Aytekin. „Das verlange ich, um für Ruhe zu sorgen, ein Ritual. Die Werte- und Sozialerziehung sollte wieder einen besonderen Stellenwert bekommen. Ganz einfache Regeln: Höflichkeit, danke sagen, die Tür aufhalten . . .“

„Ich bin auch sehr streng“

Bernice Boama glaubt, diese Einstellung hänge mit der eigenen Erziehung zusammen. „Ich bin in meinen Klassen nett und freundlich, aber auch sehr streng. Freche Ausdrücke werden nicht akzeptiert, und das habe ich übernommen.“

Am Ende ist es die Deutsche aus Ghana, die noch mal mit ihrem ganzen Temperament an die dreißig Hamburger Kursstufler appelliert: „Ich möchte euch bestärken: Ihr seid eine Bereicherung für die Gesellschaft. Die Kinder warten auf euch, die Schulen brauchen euch!“

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