22.01.2008 · Weil Berufsalltag und Feierabend immer stärker verschwimmen, wird wirklich freie Zeit kostbarer. Deshalb, so eine Studie, ändern sich die Vorlieben: Sinn ist wichtiger als Spaß.
Von Julia SchaafBis Donnerstag einschließlich besteht die Woche nur aus Arbeit, von morgens acht bis Mitternacht, und wenn Termine in anderen Städten anstehen, muss er oft schon früh um sechs zum Flughafen. Er ist Partner in einem internationalen Beratungsunternehmen, und das mit 34 Jahren. Seine Arbeit erfüllt ihn. Andere Leute haben Hobbys, um ihren Intellekt zu pflegen, sein Geist blüht im Job auf. Wenn er abends mit Kunden essen geht, nennt er das "Semifreizeit". Gelegentlich schafft er es vor dem Hotelfrühstück aufs Laufband. Freitags ist er schon zum Abendbrot zu Hause, am Wochenende reichen meist ein paar Stunden im Büro. Der freie Tag gehört der Familie, immer. "Ich finde das einen sehr starken Ausgleich. Sobald ich mit meinem Sohn einen Legoturm baue, denke ich an nichts anderes mehr." Er kennt den Kick von früher: Wildwasserraften und Canyoning in der Schweiz. Er hat nach wie vor Kollegen, die in Südafrika mit weißen Haien schwimmen; auch seine Frau und er waren regelmäßig tauchen. Jetzt gehen sie am Wochenende spazieren - frische Luft, Natur, "du musst ja was finden, was du mit kleinen Kindern machen kannst", sagt er. Und: "Je weniger Zeit du hast, umso sinnvoller versuchst du sie zu nutzen."
Jeder Wandel bahnt sich allmählich an, bis die Verhältnisse aus den Fugen geraten, und im Wechselspiel von Arbeit und Freizeit ist es jetzt so weit. Soziologen sind jahrelang von einer Balance zwischen Arbeit und Leben ausgegangen. Die eine Seite glich die andere aus, die selbstbestimmte Zeit diente der Erholung von der Pflicht. Weil sich aber arbeitsfreie Samstage, die 38,5-Stunden-Woche und längere Urlaubsphasen im vergangenen Jahrhundert zu einem Mehr an freier Zeit summierten, machten in den neunziger Jahren Schlagworte wie Freizeit- oder Erlebnisgesellschaft Furore. Gleichzeitig zeichnete sich eine gegenläufige Entwicklung ab: Nach und nach ist die Arbeit in unsere Freizeit hineingeschwappt. Spätestens seit in den Lofts ambitionierter Start-ups die Billardtische aufgestellt wurden, halten wir unseren Beruf für ein Schlüsselmerkmal unserer Persönlichkeit. Wir finden es normal, unseren Job mit nach Hause zu tragen, von daheim unsere E-Mails abzurufen und per Handy immer verfügbar zu sein.
Die "Gesellschaft für Innovative Marktforschung" kommt nun zu dem Ergebnis, dass die Zeit der klassischen work-life-balance endgültig vorüber ist. Für die Studie "Delphi 2017 - Was Menschen morgen bewegt" hat das Marktforschungsunternehmen 25 deutsche Sozialwissenschaftler um Gesellschaftsprognosen gebeten, die Antworten verdichtet und daraus Trends für Gegenwart und Zukunft abgeleitet. Studienleiterin Kerstin Ullrich spricht von einem Paradox: "Wir leben ein multi-duty-life. Arbeit ist nur noch eine Verpflichtung von vielen. Dafür ist der life-Anteil vollgepackt mit lebenslangem Lernen, Vorsorge für das Alter und der Absicherung der Kinder." In einer Zeit, da Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt genauso selbstverständlich sind wie Brüche in bürgerlichen Erwerbsbiographien, greift die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg auch in der Mittelschicht um sich. Und so verinnerlichen wir alle, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, uns für die Wissensgesellschaft zu rüsten.
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Es war eine strategische Entscheidung. Als Informatiker hatte er sich eine kleine Firma aufgebaut, und als plötzlich, 2001, wie überall in der Branche die Aufträge ausblieben, sagte er sich: "Ich stelle mich so auf, dass ich etwas mache, was allgemeiner anwendbar ist." Seitdem bezeichnet er sich nicht mehr als Programmierer, sondern als Manager und heuert in kleineren Unternehmen egal welcher Ausrichtung an. Er gibt selbstverständlich sein Bestes, fühlt sich aber nur begrenzt loyal. Überhaupt hat sein Beruf jetzt, da er 39 Jahre alt ist, nicht mehr den übertrieben hohen Stellenwert wie einst. Seine Einstellung lautet: "Was ich mache, was ich kann, damit werde ich gebraucht." Jede Fortbildung nimmt er mit. Kaum noch vorstellbar, dass die eigenen Eltern - er Arzt, sie Beamtin - tatsächlich einen job for life hatten, und nach Feierabend war Schicht. Er selbst könnte Wochenenden damit zubringen, Excel-Tabellen fertigzustellen und im Netz zu recherchieren. Aber dann sind da ja noch das Kind, die Wohnung, das Auto. Er sagt: "Unsere Generation muss für ihr Leben mehr Verantwortung übernehmen." Deshalb kümmert er sich gewissenhaft um die familiären Finanzen. Sorgt schon seit Jahren privat fürs Alter vor. Und macht sich in regelmäßigen Abständen schlau, ob sich Versicherungen und Geldanlagen womöglich optimieren ließen.
"Das sind alles Fragen, die hat sich vor zwanzig Jahren niemand gestellt", sagt Trendforscherin Ullrich. Die Delphi-Studie macht den Rückzug des Staates mit dafür verantwortlich, dass wir alle in unserer Freizeit Zeitschriften wie "Finanztest" wälzen und über einen Wechsel der Krankenkasse nachdenken. Gesundheit, Vorsorge, Weiterbildung - "in der Wissensgesellschaft ist der ganze Mensch gefragt", sagt Ullrich. Die Renaissance des Leistungsprinzips erreicht einen neuen Höhepunkt. Unser Leben kreist um den Erhalt der eigenen Arbeits- und Zukunftsfähigkeit, und was der Berufswelt nützt, prägt längst unsere Freizeit. Statt Freundschaften pflegen wir Netzwerke. Im Fitness-Studio beugen wir Rückenschäden vor, um die Tage im Büro durchzustehen. Und anstatt über Romane zu plaudern, wie wir sie früher gelesen haben, tauschen wir uns über Privatschulen für unsere Kinder aus.
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Sie rechtfertigt sich damit, dass sie die Leute wirklich gerne mag. Wenn der Typ, den sie auf einem Umweltkongress kennengelernt hat, ihr einen Praktikumsplatz besorgt. Wenn sie den jungen Mann von der internationalen Klimakonferenz hin und wieder im Ministerium anruft. "Wir müssen uns mal wieder sehen", startet sie dann und schiebt nach: "Wie ist denn das mit eurer neuen Richtlinie?" Eigentlich hasst die Achtundzwanzigjährige, Referentin im Politbetrieb der Hauptstadt, Online-Communities wie Xing, in denen sich systematisch als Freund anbiedert, wer von Fremden profitieren will. Neuerdings pflegt sie selbst ein Profil bei Facebook. Irgendwie muss man ja Kontakt halten. Abends ist sie so kaputt, dass sie es kaum schafft, ihre neue Single-Wohnung einzurichten. Das ärgert sie. Sie sagt: "Das ist so eine Anspruchshaltung, dass ich nicht nur im Job super Leistung bringe, sondern auch meine Freizeit möglichst sinnvoll gestalte." Sie weiß, dass sie mehr Sport machen sollte, "weil mein Körper streikt". Gerade erst hatte sich ein Nerv in ihrer Schulter verklemmt, weil sie immer die schweren Akten mit sich herumträgt. Am Wochenende geht sie tanzen. Allein. Bis zum Morgengrauen. Bis der Kopf die Arbeit vergisst und alles andere auch.
Die Dinge, die uns langfristig fit für die Zukunft halten, füllen unsere Freizeit zunehmend mit Verpflichtungen. Derweil schrumpft unsere wirklich freie Zeit auf ein Minimum. Kerstin Ullrich spricht von "Eigenzeit" - und geht auch hier davon aus, dass sich ein Paradigmenwechsel anbahnt: Sinn statt Spaß. Erfahrung statt Erlebnis. Pilgern statt Bungeejumping.
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Er hat sein polyglottes Leben früh geplant. Ein Studium in vier Ländern, BWL, weil das international flexibel macht, dann Jobs in London, Hamburg, Frankfurt. Jetzt ist er 31 Jahre alt und sagt selbstironisch: "Ich bin eine dieser berühmten Heuschrecken." Er liest viel, Tagespresse und Zeitschriften, Finanzsachbücher, Managementratgeber sowie Fachliteratur über Werbung und Psychologie. "Bei allen Sachen versuche ich, fit zu bleiben, weil mein Job das erfordert." Neulich hat er sich einen Wälzer "Geschichte Europas" vorgeknöpft. Es macht sich gut, wenn man im Kundengespräch über Gott und die Welt Substanz unter Beweis stellt. Aber von Zeit zu Zeit hält er inne und zieht Bilanz. "Was ist wichtig?", fragt er sich dann. Er mag es wirklich, bei der Arbeit vorm Computer zu sitzen. Er liebt es, im Schwimmbad durch das Wasser zu gleiten und nur den eigenen Gedanken nachzuhängen. Aber je länger er im Beruf ist, desto häufiger gilt sein größter Wunsch einem ausgedehnten Spaziergang im Wald. "Mal wirklich die Augen schweifen zu lassen, die Weite - das hat was."
Früher hätte sie die drei Stunden mit einer Illustrierten auf dem Sofa vergammelt. Heute verplempert die neununddreißigjährige Werberin maximal eine davon, wenn ihr Sohn den Nachmittag beim Kindergeburtstag verbringt. Was für ein Luxus! Die to-do-Liste ist immer schrecklich lang. Sie braucht dringend eine neue Jeans. Und mit den ausgetretenen Schuhen kann sie eigentlich auch nicht mehr in die Agentur. Ist das jetzt eigentlich Vergnügen? Normalerweise sind die Tage durchgetaktet, vom Job in den Supermarkt in den Kindergarten. Sie hat klare Prioritäten. Erst der Sohn. Dann die Familie. Danach der Rest. Wenn es um die Betreuung ihres Kindes geht, telefoniert sie wochenlang herum, besichtigt Einrichtungen und macht sich "total den Kopf". Aber für das Familienfrühstück am Samstag müssen der Autokauf und der Abschluss einer Ausbildungsversicherung für den Jungen warten. Manchmal verbringt sie Nachmittage im Wartezimmer von Zahnärzten und Orthopäden, "das ist auch so eine Pflicht, nach sich selbst zu gucken, dass alles funktioniert". Die Zeit ist noch knapper geworden, seit sie das Haus bauen, ein Kraftakt, den sie sich freiwillig aufgebürdet haben. Einerseits. Andererseits arbeiten sie angesichts der zu erwartenden Rente lieber heute dafür, im Alter keine Miete zahlen zu müssen. Ihre Freiräume sind durchorganisiert wie alles andere auch. Sonntags gehört der Vormittag ihr. Dann macht sie Sport.
Natürlich hat es auch mit unterschiedlichen Lebensphasen zu tun, wenn die berufstätige Mutter keucht: "Meine Freizeit ist voller Pflichten." Die Berufseinsteigerin stellt fest: "Ich habe zu wenig Kraft für meine freie Zeit." Und der kinderlose Fondsmanager sagt nach fünf Jahren ständiger Umzüge und Dienstreisen: "Bei dem ganzen Rumgehopse schaltet man irgendwann ab und fragt sich: Wo habe ich meinen Halt? Wer bin ich? Und was will ich eigentlich?" Die Studie der "Gesellschaft für Innovative Marktforschung" diagnostiziert trotzdem Verschiebungen genereller Natur. Fitness-Studios verringern die Zahl ihrer Aerobic-Kurse und bieten lieber Yoga an. In Berlin bedient ein evangelisches Stadtkloster das wachsende Bedürfnis nach Ruhe und Meditation. In den Buchhandlungen stapeln sich die Ratgeber, der Massentourismus stagniert. Und wer baut eigentlich noch Erlebnisspaßbäder?
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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