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Lateinkenntnisse Für die Schule, nicht fürs Leben

24.06.2010 ·  Was bringt das Latinum in der heutigen Arbeitswelt? Rein inhaltlich nichts, sagen die Unternehmen. Doch so mancher Chef lässt sich mit Lateinkenntnissen trotzdem beeindrucken. Weil sie Bildung signalisieren.

Von Nadine Bös
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Es gibt so einige ungeliebte Sprüche, die wohl jeder Lateinschüler früher oder später einmal zu hören bekommt. „Non scholae sed vitae discimus“ ist so einer: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Wirklich? Immerhin: Der Lateinunterricht an Deutschlands Schulen boomt wie selten. Nach den Datenreihen des Statistischen Bundesamtes geht der Anteil der Lateinschüler seit Jahren nach oben. Lernten im Schuljahr 2004/2005 noch 7,7 Prozent aller Schüler Latein, waren es im Schuljahr 2008/2009 schon 9,3 Prozent. Doch wenn es um die Nützlichkeit von Latein geht, streiten sich die Fachleute weiterhin: Hilft es im Erlernen romanischer Fremdsprachen und im logischen Denken? Und geben die Verantwortlichen in Deutschlands Personalabteilungen im Zweifel Bewerbern mit Latinum den Vorzug?

Mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ sind diese Fragen nicht zu beantworten. Eine Umfrage dieser Zeitung, an der sich 22 der 30 Dax-Unternehmen beteiligt haben, ergab: 95 Prozent der Konzerne sehen Latein nicht mehr als formelles Auswahlkriterium für Bewerber an. In nur einem einzigen Konzern - Bayer - hieß es, Lateinkenntnisse seien für einige ausgewählte Positionen von Vorteil. Keine der befragten Personalabteilungen antwortete, dass Lateinkenntnisse ein Kriterium seien, an dem eine Bewerbung scheitern könne. Mancherorts löste die Frage nach der Nützlichkeit des Latinums unter den Mitarbeitern der Personalabteilung gar eine gewisse Erheiterung aus.

Der Lateiner beeindruckt auf informeller Ebene

Gleichwohl: Auf informeller Ebene beeindruckt der Lateiner den Personalchef häufig mehr als der Nicht-Lateiner. Mehr als die Hälfte der befragten Konzerne (59 Prozent) sagten, ein vorhandenes Latinum falle positiv auf. „Wenn ich persönlich mir eine Bewerbung anschaue, dann springt mir das schon ins Auge“, sagt beispielsweise Ralf Memmel aus der Personalabteilung von Infineon. Er habe selbst Latein gelernt, und auch seine drei Kinder lernten alle Latein. „Latein ist eine Denkschule, ist eine gute Grundlage für das Erlernen weiterer Sprachen, für argumentative Fähigkeiten und für die Kommunikation“, glaubt Memmel.

Ähnlich sieht das Frank Schmith, Leiter des Personalmarketings der Deutschen Lufthansa. Zwar könne eine einzelne Qualifikation wie das Latinum nie den Ausschlag für eine Bewerberauswahl geben, aber: „Sich heute dem Studium und Erlernen des Lateins zu widmen sagt auch etwas über einen Kandidaten, etwa seine Lerndisziplin, aus.“ Andere Unternehmen führen an, dass das Latinum auf eine humanistische Allgemeinbildung schließen lasse. „Bei Akademikern kann ich im Einzelfall nicht ausschließen, dass ein Latinum im Abiturzeugnis den Ausschlag für einen Bewerber geben kann, wenn ansonsten die Qualifikationen identisch sind“, sagt Helbert Dühr aus der Personalabteilung von RWE Power.

„Ob jemand Latein kann, sagt über einen Bewerber so viel wie seine Haarfarbe“

Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, kann darüber nur den Kopf schütteln. „Ob jemand Latein gelernt hat oder nicht, sagt über einen Bewerber ungefähr so viel aus wie seine Haarfarbe“, sagt sie. Stern konnte in Studien gemeinsam mit dem Bayreuther Schulpädagogik-Professor Ludwig Haag nachweisen, dass Latein weder Vorteile für das logische Denken noch für das Erlernen von Fremdsprachen bringt - im Gegenteil: In einer ihrer Untersuchungen verglichen die Forscher die Spanischleistungen von Studenten, die in der Schule Latein gelernt hatten, mit denen von Studenten, die Französisch gelernt hatten. Dabei schnitten die Lateiner klar schlechter ab. Das Fazit der Forscher: „Latein ist offensichtlich keine optimale Grundlage für das Erlernen moderner Sprachen.“

Elsbeth Stern würde den Lateinunterricht deshalb gern in die Sphären der Wahlfächer für besonders interessierte Schüler verbannen. „Schulische Ressourcen sind knapp“, argumentiert sie. „Deutschland hinkt hinterher, wenn es um die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der Schüler geht.“ Wenn deutsche Arbeitgeber Lateinkenntnisse noch immer mit einem bildungsbürgerlichen Hintergrund assoziierten und deshalb positiv werteten, so sei das nichts anderes als das Aufrechterhalten einer „Kulturmafia“ und „international völlig überholt“.

„Mit anderen Augen auf 2000 Jahre Geschichte blicken“

Andere Wissenschaftler haben mehr Verständnis für die Arbeitgeber, die sich bis heute von Lateinkenntnissen beeindrucken lassen. „Wer Latein kann, dem erschließt sich eine ganz andere Welt“, sagt Wilfried Stroh. Der emeritierte Lateinprofessor und Autor des Bestsellers „Latein ist tot - es lebe Latein“ hält gern öffentliche Reden auf Lateinisch, unterrichtet seine Studenten in Konversationskursen und hat sogar seinen heimischen Anrufbeantworter auf Lateinisch besprochen. „Latein lässt uns mit anderen Augen auf 2000 Jahre Geschichte blicken“, sagt er. Selbst wenn es bei vielen Bewerbungen nicht unmittelbar nütze, gehöre Latein weiterhin zur Allgemeinbildung und deshalb in den Schulunterricht.

„Wenn es nur nach der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt geht, dann schmeißen Sie am besten gleich auch Musik, Religion, Sport und Literatur aus den Stundenplänen. Dann wäre die Schule armselig“, sagt Stroh. Allerdings plädiert er dafür, Latein „emotionaler“ anzugehen. „Eine Sprache besteht nicht nur aus Übersetzen“, findet er und setzt sich dafür ein, Schüler aktiv Lateinisch sprechen zu lassen „wie Englisch oder Französisch“. Gerade wenn sich viele Transfereffekte als Mythen erwiesen hätten, sei es nun wichtig, Latein „wieder als Sprache zu begreifen, es zu fühlen und nicht nur zu analysieren“.

„Greges garrulorum“ mit Hilfe des „instrumentum computatorium“

Strohs ehemalige Studenten jedenfalls sind begeistert von dieser Methode. „Man merkt auf einmal, dass die Menschen im alten Rom auch nicht intelligenter waren als wir“, sagt Robert West, der vor einigen Jahren Strohs Vorlesung besucht hat. So fasziniert war West vom „lebendigen Latein“, dass er kurzerhand den Internet-Chatroom „Rostra Nova“ (Neue Rednerbühne) gründete, um Menschen kennenzulernen, die sich mit ihm auf Lateinisch unterhalten wollten. Mittlerweile pflegt er die Plattform kaum noch; die Community ist zum größten Teil zur Konkurrenz abgewandert: Den wohl angesagtesten Latein-Chat bietet derzeit die finnische Radiostation YLE Radio 1, die sogar einmal je Woche Nachrichten auf Lateinisch sendet. Für Wörter aus der Neuzeit werden kurzerhand plausible neue Kreationen geschaffen. „Chatrooms“ etwa heißen „greges garrulorum“ und der Computer „instrumentum computatorium“.

Das alles hält zwar das Latein am Leben, verlagert es aber mehr und mehr hinaus aus der ernsthaften Karrierewelt und hinein in die Sphären der Hobby-Philologen. Robert West ist nur ein Beispiel dafür: Er arbeitet momentan an seiner Promotion in Informatik. „Zum Beruf machen wollte ich meine Latein-Leidenschaft lieber doch nicht“, sagt er. „Außer Professor kann man damit doch nicht viel werden.“

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Hier gibt's lateinische Nachrichten vom finnischen Radiosender: nuntii latini

Quelle: F.A.Z.
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