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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Krankmacher Karriere Lieber Work-Life-Balance statt Burn-out-Syndrom

31.10.2005 ·  Höher, schneller, weiter: Wer die Karriereleiter besteigt, muß sich jeden Tag aufs neue gegen die Konkurrenz behaupten und einem extrem hohen Erfolgsdruck standhalten. Dabei wird oft nicht beachtet, daß zuviel Druck - egal, ob er von außen oder innen kommt - mit der Zeit richtig krank machen kann.

Von Polly Schmincke
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Höher, schneller, weiter: Wer die Karriereleiter besteigt, muß sich jeden Tag aufs neue gegen die Konkurrenz behaupten und einem extrem hohen Erfolgsdruck standhalten. Dabei wird oft nicht beachtet, daß zuviel Druck - egal, ob er von außen oder innen kommt - mit der Zeit richtig krank machen kann.

Nur 47 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind wirklich motiviert im Job. Die restlichen 53 Prozent haben sich innerlich schon von ihrem Arbeitgeber verabschiedet oder werden von anderen Motivationen geleitet - vielen geht es nur um den Joberhalt, sie arbeiten um zu leben und nicht umgekehrt. Das kam jüngst bei einer Befragung von „The Executive Committee", einer Organisation mittelständischer Führungskräfte, heraus.

Warum ist der Anteil der Unmotivierten so hoch? Eine wichtige Ursache dürfte die Wirtschaftslage sein, die noch immer nicht sehr rosig aussieht. Sie führt zum einen dazu, daß für viele der Karriereweg nach oben versperrt ist; es werden keine neuen Leute eingestellt, eher entlassen. Da kann man noch so gute Ideen haben, noch so hart arbeiten: Befördert wird man trotzdem nicht. Das läßt so manchen resignieren und innerlich kündigen.

Neben verstopften Aufstiegschancen führt die Arbeitsmarktlage auch dazu, daß sich Arbeitnehmer selbst unter höheren Erfolgsdruck setzen. Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, verdopple den Druck, den deutsche Arbeitnehmer sich sowieso meist machten, sagt Persönlichkeitstrainer Horst Conen (Interview auf Seite 36). Er warnt, daß man die eigenen Fähigkeiten unter solchen Umständen nicht mehr voll entfalten könne.

Zuviel Leistungsdruck geht auf Kosten der Gesundheit, wie die Geschichte einer jungen ehrgeizigen Frau zeigt, die mit dem Burn-out-Syndrom in der Psychiatrie landete (Seite 32). Die individuellen Belastungen durch den Arbeitsmarkt sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen und enden immer häufiger in Depressionen oder Angststörungen, wie Mediziner feststellen.

Nicht jeder ist bereit, den Kampf um gute Jobs mitzumachen, alles für den persönlichen Aufstieg zu opfern: Schlaf, Gesundheit, Freunde, Liebe. Work-Life-Balance heißt für sie das Zauberwort. Also ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben. In den meisten deutschen Unternehmen und Institutionen herrscht jedoch noch immer eine ausgeprägte Anwesenheits- und Vollzeitkultur. Mit flexiblen Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit oder gar Arbeit von zu Hause aus können viele Arbeitgeber noch wenig anfangen.

Viele Arbeitnehmer träumen davon, einmal ganz wegzukommen vom Streß bei der Arbeit, sich für ein paar Monate mit etwas ganz anderem zu beschäftigen, Zeit für Kinder oder den Garten zu haben, eine Weile ins Ausland zu gehen, den Kopf für neue Gedanken freizubekommen. Entsprechende Modelle für Auszeiten haben vor allem öffentliche Arbeitgeber eingeführt - das Land Berlin schon in den 80er Jahren. Aber auch Unternehmen erkennen immer häufiger, daß die Menschen nach einem Sabbatical nicht nur motivierter wiederkommen. Die Firmen können dadurch auch in Zeiten der Flaute Geld sparen. Die Unternehmensberatung Accenture etwa ermunterte ihre Mitarbeiter im Jahr 2002 zu längeren Sabbaticals, als die Auftragslage dünn war.

Vom „positiven Streß“ redet kaum noch jemand.

Auf lange Sicht dürfte auch die Wirtschaft kein Interesse daran haben, wenn sich die Menschen für den Job verzehren, Talente verlorengehen. Und gut ausgebildete Männer und Frauen keine Kinder mehr kriegen, weil Job und Familie nicht unter einen Hut zu bekommen sind. Verwehren Arbeitgeber Teilzeitarbeit und Auszeiten und sparen sie zudem noch an Lob für gute Leistung, rächt sich das oft: Einst leistungsfreudige Mitarbeiter machen nur noch Dienst nach Vorschrift, verweigern jedes Engagement über das Mindestmaß hinaus.

Der Erfolg von Büchern wie „Die Entdeckung der Faulheit - die Kunst und Notwendigkeit, so wenig wie möglich in einem Unternehmen zu tun" der Französin Corinne Maier zeigt, daß die Gruppe der Frustrierten groß sein muß. Sie kritisiert vor allem, daß große Konzerne ihre Mitarbeiter wie Objekte behandeln: „Die Leute haben das Recht, sich zu rächen, wenn man sie wie Sklaven behandelt."

Vom „positiven Streß", den man in Boomzeiten beschwor, ein Streß, der Adrenalinspiegel und Leistung steigen läßt, redet kaum noch jemand. Vielleicht macht Karriere nicht mehr so viel Spaß, wenn man in der Zeitung die Insolvenzzahlen liest, sieht, wie schnell Kollegen abstürzen, in Schulden ertrinken, wie selbst einst erfolgreiche Manager keinen Job mehr finden. Da fragen sich viele, ob man wirklich für eine Karriere die Gesundheit ruinieren, Beziehungen und Familie aufs Spiel setzen soll, wenn man wenige Jahre später dann doch auf der Straße steht. Dann lieber alles etwas ruhiger angehen lassen. Ein intaktes Privatleben ist langfristig für viele eben doch wichtiger. Vielleicht wird das in Zeiten der Krise deutlicher.

Weniger Arbeit und mehr Freizeit für alle? „Eine intelligente Verzahnung von Arbeits- und Privatleben gewinnt angesichts der Veränderungen in Arbeits- und Lebenswelt für alle Beschäftigtengruppen an Bedeutung", heißt es dazu in der Studie „Work-Life-Balance - Motor für wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Stabilität", die das Familienministerium gemeinsam mit einer Reihe großer Konzerne und dem Industrieverband BDI in Auftrag gab. Work-Life-Balance-Maßnahmen müssen der Studie zufolge einem drohenden Interessengegensatz zwischen Unternehmen und Beschäftigten intelligent entgegen zu wirken versuchen. „Eine Balance zwischen Arbeits- und Privatleben ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Einsatzbereitschaft, Loyalität und Motivation der Arbeitskräfte dauerhaft zu erhalten." Vom Engagement und damit vom Vertrauen der Mitarbeiter in den Arbeitgeber hänge die Nutzung ihrer Potentiale - und damit der Unternehmenserfolg - in entscheidender Weise ab.

Quelle: Hochschulanzeiger Nr. 80, 2005
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