20.05.2010 · Ob Krebs, Herzinfarkt oder Depression: Jedes Jahr zwingen schwere Krankheiten Hunderttausende Arbeitnehmer zu Zwangspausen. Zurück auf den Karriereweg zu kommen ist schwer. Aber es geht.
Von Nadine BösKrankenhausmanagerin wird sie wohl nie mehr werden. Ob das schlimm ist? Andrea Hahne legt die Stirn in Falten und nippt an ihrem Milchkaffee. „Es gab Zeiten, da habe ich zwischen Operation und Chemotherapie nur noch daran gedacht, ob ich meine Kinder noch mal wiedersehe. Aber wenn man wieder gesund wird, sieht man ein, dass zum Leben noch mehr gehört als Gesundheit und Familie. Dazu gehört auch eine sinnvolle Beschäftigung. Etwas, das einen ausfüllt.“
Andrea Hahne hatte sich nach einer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und nach drei Babypausen noch spät zu einem Studium entschlossen. „Gesundheitsmanagement“ hieß ihr Studiengang. „Als Kind träumte ich davon, Ärztin zu werden“, sagt sie. „Später wollte ich dann lieber in die Krankenhausverwaltung oder ins Management einer Krankenkasse.“ Sie stand kurz vor Ende des Studiums, die Bachelor-Arbeit fehlte noch, als sie die Diagnose erhielt: Brustkrebs. „Mich hat das völlig aus der Bahn geworfen“, sagt sie. „Das Leben drehte sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr um Vorlesungen, die Examensarbeit oder die Hausaufgaben der Kinder. Auf einmal drehte sich alles ums pure Überleben.“
Sie überlebte. Nach einem Jahr voller Krankenhausaufenthalte, Medikamente und Operationen galt Andrea Hahne als gesund. „Gesund“, sagt sie, nicht „geheilt“. Man wisse nie, was noch kommt. „Beruflich stand ich jedenfalls vor dem Nichts“, erinnert sie sich. Den Krankenschwesterjob aufgegeben, im Studium fehlte der Bachelor-Abschluss: „Ich hing nur zu Hause herum. Irgendwann fragte meine älteste Tochter, was ich denn nun eigentlich vorhätte im Leben.“ Andrea Hahne wusste es nicht.
Zwangspausen in der Arbeitsbiographie
Ob Krebs, Herzinfarkt oder Depressionen - Hunderttausende Menschen müssen aufgrund von Langzeiterkrankungen Zwangspausen in ihrer Arbeitsbiographie in Kauf nehmen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat aufgrund seiner Daten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel hochgerechnet, dass im Jahr 2006 etwa 1,4 Millionen Menschen sechs Wochen oder länger krankheitsbedingt arbeitsunfähig waren; aktuellere Zahlen sind nicht zu bekommen. „Obwohl die Gründe für die Zwangspausen höchst unterschiedlich sind, haben die Betroffenen, die nach langer Krankheit in den Beruf zurückkehren, doch oft ähnliche Schwierigkeiten und Probleme“, sagt Irmgard Henseler-Plum.
Die Sozialarbeiterin kümmert sich an der Uniklinik Köln seit dem Jahr 2007 ganz speziell um Mitarbeiter mit Langzeiterkrankungen. „Das fängt an mit kleinen Alltagsfragen: Ob der Schreibtisch noch an der gleichen Stelle steht und ob das Computerprogramm noch dasselbe ist wie vor einem Jahr“, erklärt Henseler-Plum. Oft lägen die wirklichen Probleme aber tiefer. „Trauen mir die Kollegen zu, dass ich meinen Job noch schaffe? Wie spreche ich mit ihnen über meine Krankheit? Darf ich zugeben, dass ich chronisch krank bin, oder werde ich dann gemobbt? Und wie viel kann ich mir selbst zumuten, ohne sofort wieder krank zu werden?“
Nie mehr zurück ins Großraumbüro
Solche Fragen stellte sich auch Johannes Barber, der als Architekt im öffentlichen Dienst beschäftigt ist. Weil nicht alle seine Kollegen seine Geschichte kennen sollen, möchte er seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Barber wurde durch eine psychische Krankheit zeitweise arbeitsunfähig; er leidet unter einer schweren Depression. „Lange Zeit habe ich mir selbst nicht eingestehen wollen, dass ich krank bin“, sagt er. Doch was mit leichten Konzentrationsstörungen begann, weitete sich aus. „Ich hatte anfallartige Kopfschmerzen, Weinkrämpfe und ständige Angstzustände - das war der Punkt, wo ich dann doch zum Arzt gegangen bin.“ Es folgte eine monatelange Odyssee aus Therapiesitzungen, eine Behandlung mit Antidepressiva - und damit verbunden eine Auszeit über mehrere Monate. „Aber obwohl der Job, der viele Stress, die zahlreichen gleichzeitig laufenden Projekte die Depression überhaupt erst ausgelöst hatten, vermisste ich meine Arbeit ungeheuer“, sagt Barber. „Gleichzeitig fragte ich mich, wie das sein würde, wieder zurückzukommen.“ Allein der Gedanke an seinen Arbeitsplatz im Großraumbüro machte ihm Angst.
Johannes Barber profitierte letztlich von dem, was sich im Sozialgesetzbuch etwas sperrig „Betriebliches Eingliederungsmanagement“ (BEM) nennt. Seit 2004 regelt der BEM-Paragraph, dass der Arbeitgeber sich nach sechs oder mehr Wochen Krankheitsphase eines Beschäftigten systematisch um ihn zu kümmern hat. Gemeinsam mit dem Betroffenen soll er die besten Möglichkeiten der Rückkehr ausloten und ihm helfen, nicht bald wieder arbeitsunfähig zu werden. Etliche, zumeist größere Betriebe beschäftigen mittlerweile zu diesem Zwecke sogenannte „Disability Manager“, meist Sozialarbeiter wie Irmgard Henseler-Plum, die ausschließlich dafür da sind, genesene Mitarbeiter zurück in den Berufsalltag zu begleiten.
Johannes Barber erhielt so hilfreiche Angebote. Sein Chef beispielsweise war bereit, ihm künftig einen Arbeitsplatz in einem Zweimannbüro anzubieten. Und man verständigte sich auf eine „stufenweise Wiedereingliederung“. Barber bekam die Zustimmung seines Arbeitgebers, auf dem Papier zunächst arbeitsunfähig zu bleiben, sich aber in der Praxis Schritt für Schritt und mit reduzierter Stundenzahl wieder an seine alte Tätigkeit heranzutasten. In den ersten beiden Wochen arbeitete er nur drei Stunden, dann vier, später sechs. Alle 14 Tage steigerte er seine Stundenzahl, bis er beim normalen Pensum angelangt war. „Das war ideal für mich“, sagt Barber. Es war nicht nur die Erfahrung, dass seine engsten Mitarbeiter ihn freundlich empfingen, keine blöden Fragen stellten „und mich nicht behandelten, als sei ich plötzlich völlig gaga.“ Es war auch die Möglichkeit, den Umgang mit der Arbeitssituation selbst neu zu lernen. „Früher habe ich häufig Überstunden gemacht“, sagt Barber. „Das geht jetzt nicht mehr mit meiner Krankheit. Durch das langsame Zurückkommen konnte ich lernen, mich selbst zu bremsen.“ Barber weiß, dass er großes Glück hatte, im öffentlichen Dienst tätig zu sein. „Ein kleines Architekturbüro hätte mich nach kürzester Zeit rausgeschmissen.“
Kein Schreibtisch, kein Chef, kein Disability-Manager
Für Andrea Hahne war die Lage deutlich schwieriger. Nach überstandener Krebstherapie wartete auf sie kein Schreibtisch, kein Chef und schon gar kein Disability Manager. „Ich war aus sämtlichen sozialen und betrieblichen Sicherungssystemen rausgefallen“, erzählt sie. „Das hatte ich mir ja wegen des Studiums auch selbst so ausgesucht.“ Nach der Krankheit habe es dann eine Zeit gegeben, in der sie nur darüber grübelte, was alles nicht mehr ging. Nie mehr Ärztin werden, nie mehr Krankenhausmanagerin, vielleicht auch nie mehr Bachelor-Absolventin. „Erst das kritische Nachfragen meiner Tochter hat mich wachgerüttelt“, sagt Hahne.
Sie beschloss, ihre Erfahrungen zum Beruf zu machen, und wurde Krebsberaterin. Ein von ihr entwickeltes Projekt zur psychosozialen Betreuung, Information und Therapievermittlung für Betroffene und Angehörige stieß auf das Interesse des Brustzentrums Hameln: Zunächst im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme baute Andrea Hahne die Krebsberatungsstelle „Anica“ auf und ist seither als deren Leiterin tätig. Ihre Stelle ist mittlerweile gesichert. „Es ist kein Job, der mich reich macht“, sagt sie. „Mein Mann verdient deutlich mehr Geld als ich. Aber ich könnte theoretisch von meinem eigenen Einkommen leben.“
Ihren Karriereweg betrachtet sie nicht als Ausnahmefall. „Erstaunlich viele Betroffene beziehen ihre Erfahrungen mit dem Krebs in die berufliche Tätigkeit mit ein“, sagt sie. Einfach sei das nicht immer. „Das ist schon Überwindung, wenn Sie einen Chemotherapieraum zum ersten Mal wieder betreten und sich klarmachen müssen, dass Sie jetzt nicht mehr die Patientin sind, dass es jetzt um die anderen geht.“ Dennoch: „Diese Tätigkeit füllt mich aus - sie ist eine Herzensangelegenheit.“ Ist sie die Rückkehr in eine normale Karriere? Darauf weiß Andrea Hahne nicht sofort eine Antwort. „Was ist denn eigentlich Normalität?“, fragt sie. „Ich gehöre jedenfalls nicht zu den Leuten, die sagen, die Krankheit hätte sie bereichert. Ich hätte gut darauf verzichten können.“